Januar 2010, kino arsenal

Archiv der Blicke. Filme von Rüdiger Neumann

Anfang der 1990er Jahre macht Rüdiger Neumann, Professor für Experimentalfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, seinen Film: STEIN/LICHT. Mitte der 1990er Jahre sagt er in seinem Filmseminar, dass der experimentelle Film tot sei und er keine Filme mehr machen könnte. Er machte keine Filme mehr. "Was ist der Experimentalfilm gegen MTV? Nichts." Dass das heute nicht mehr stimmen muss, ist an der aktuellen vielfältigen experimentellen Filmproduktion unschwer zu erkennen. Für ihn war es wichtig, diese Haltung vehement zu verteidigen. Mit seinem Rückzug aus dem aktiven Filmemachen wurde seine Hinwendung zum Tonstudio, das er zusammen mit Stephan Konken betrieb, immer wichtiger. Seine Filme konnte man immer seltener sehen. Er hatte sie unter Verschluss, wie die Arri 2SR. Mitte der 90er Jahre sitzen im Filmseminar Rüdiger Neumanns an der Hochschule für bildende Künste Hamburg viele der Studenten, die später Gründer der sogenannten Berliner Schule werden. Wieviel und was haben sie mitgenommen aus Hamburg, um dann in Berlin das Ihre dazuzutun? In den 80ern haben bei ihm u.a. Rotraud Pape, Ulrich Stein, Oliver Hirschbiegel, Stephan Konken, um nur einige wenige zu nennen, studiert und mit ihm gearbeitet. Seine Studierenden machen kontroverse Filme.

Rüdiger Neumann kam auf dem zweiten Bildungsweg zum Abitur und dann an die Universität Hamburg. Kein gerader Weg, weder hinter, noch vor ihm. An der Universität kam er in Kontakt mit dem dort aktiv arbeitenden Filmklub. Im Klub wurden nicht nur Filme an der Universität gezeigt, sondern mit den Einnahmen selber Filme gemacht. Rüdiger fing an, Bilder zu machen. 1974 ging er als Assistent für Film an die Hochschule für bildende Künste. Eine bewegte Zeit an der Hochschule. Mitte der 80er wurde er Professor für den experimentellen Film. Das andere Feld war der politische Film. Dazwischen gab es nichts, und die beiden Lager hatten aus der damaligen Perspektive keine Schnittmengen. Aus diesem Spannungsfeld heraus entwickelten sich die Arbeiten der Studierenden. Anfang der 80er Jahre engagierte sich Rüdiger Neumann für die Gründung des Hamburger Filmbüros: Beginn der kulturellen Filmförderung. Später hat er sich für eine Kommerzialisierung der Ausbildung stark gemacht, nur um, als es soweit war, wieder auszusteigen. Er war nicht logisch, obwohl er vorgab, logische Filme zu machen.

Rüdiger Neumanns Filme sind Meditationen des Sehens in einer immer schneller werdenden visuellen Welt. Er hat ganz unterschiedliche Reisen mit dem Auge gemacht. Klar, stringent, strukturiert. Merkwürdig verrückende Bildansichten. Zufallsbegegnungen. Ausgeklügelte systematische und strukturalistische Arbeiten, die doch ihrer Sinnlichkeit sich nicht erwehren können. Mit STEIN/LICHT bricht er wieder die Struktur und lässt die Steine vom Ifjordsfjellet ihre Geschichte erzählen.

Die DVD Archiv der Blicke. Filme von Rüdiger Neumann ist eine Koope-ration zwischen verschiedenen Partnern: Stephan Konken, der filmische Nachlassverwalter, der die Arbeiten zur Verfügung stellt, dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst, der Filmgalerie 451 und Frieder Schlaich, sowie des material-verlag der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, in dem sich Luise Donschen, Ralf Bacher und Professor Wigger Bierma die Zeit genommen haben, eine Sonderedition herauszubringen.
(Maike Mia Höhne)

(21.1., mit Gästen und Rundem Tisch, & 22.1.)