Dezember 2005, kino arsenal

Deutscher Expeditions- und Kolonialfilm

Im deutschen Sudan

Plakat: Im deutschen Sudan, 1917

Noch bis zum 15. Januar 2006 ist im Deutsche Guggenheim die Ausstellung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge „Black Box/Chambre Noire“ zu sehen, die sich mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus in Afrika, insbesondere des 1904 von den Deutschen verübten Massakers an den Hereros in Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, auseinander setzt. Kern der Ausstellung ist ein Theater en miniature, das im 40-Minuten-Turnus eine Vorführung mit mechanischen Figuren und animierten Filmen des Künstlers präsentiert. Kentridge bezieht sich dabei u.a. auf Kolonialfilme aus jener Zeit und nutzt Filmfragmente für seine eigene Arbeit. Anlässlich dieser Ausstellung präsentieren wir eine Reihe mit Kolonial- und Expeditionsfilmen. Obwohl Deutschland nur eine kurze Zeit Kolonien in Übersee besaß, war die Kolonial- und Expeditionsfilmproduktion äußerst virulent. Vielleicht gerade deshalb. Deutschland hatte den Krieg verloren und mit dem Friedensvertrag von Versaille (1919) auch seine Kolonien. Zwischen den Weltkriegen erreichten die Kolonial- und Expeditionsfilme ihren Höhepunkt, und im Dritten Reich wurde die Produktion erneut intensiviert. Die Filmreihe soll einen kleinen Einblick in das populäre Genre der 1910er bis 1930er Jahre geben.

Die Reihe beginnt sogleich mit einem Gegenentwurf der herkömmlichen Kolonial- und Expeditionsfilme. MENSCHEN IM BUSCH (1930) gilt als einer der poetischsten Filme seiner Zeit. Zum ersten Mal nehmen deutsche Filmemacher konsequent die Perspektive der Gefilmten ein. Ohne Off-Kommentar erzählen die togolesischen Ewe aus der einstigen deutschen Kolonie über ihren Alltag und das Leben im Dorf Chelekpe. Alle Sprachaufnahmen wurden in Berlin nachsynchronisiert, auch dies ein Novum in der Geschichte des Kolonial- und Expeditionsfilms. (3.12., Einführung: Gerlinde Waz)

Ganz anders und die Tradition der Expeditions- und Kolonialfilme mitbegründend, ist der abendfüllende Film IM DEUTSCHEN SUDAN (1917). Mit großem Erfolg wurde das Filmmaterial bereits 1914 in der Londoner Philharmonic Hall unter dem Titel „Treks and Trails in Africa“ uraufgeführt. Der Forschungsreisende Hans Schomburgk war einer der ersten, der aus Afrika brauchbares Filmmaterial mitbrachte. Die Aufnahmen stammen aus dem Norden der ehemaligen deutschen „Musterkolonie“ Togo und zeigen Expeditionsverlauf, Marktleben, Kinderpflege, Eisenverarbeitung und am Schluss das Fangen des berühmten Zwergflusspferdes in Liberia für den Hagenbeck-Zoo in Hamburg. (7.12., Einf.: Gerlinde Waz, am Klavier: Eunice Martins)

Im Dritten Reich flammte der Gedanke an die Wiedergewinnung der Kolonien wieder auf. Der ständige Verweis auf das angebliche Unrecht, dass Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern keine Kolonien besitze, veranlasste den Historiker Alain Patrice Nganang diese Filme „koloniale Sehnsuchtsfilme“ zu nennen. Zeugnis davon gibt die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn, die mit glockenheller Stimme die Pioniertaten deutscher Farmer in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwest (Namibia) preist. Um der vermeintlichen „Verkafferung der Männer“ in Südwest und Ostafrika entgegen zu wirken, werden Frauen als „Trägerinnen deutscher Zucht und Sitte“ ab 1907 bis in die 30er und 40er Jahre nach Übersee entsandt. Paul Lieberenz, größter Kolonialfilmproduzent im Dritten Reich, zeigt in seinem Film DIE DEUTSCHE FRAUENKOLONIALSCHULE RENDSBURG (1937), wie ausreisewillige Frauen auf ihre zukünftige Aufgabe in Afrika vorbereitet werden. In ihrem Film WIR HATTEN EINE DORA IN SÜDWEST (1991) hat Tink Diaz einige dieser Frauen interviewt und aus umfangreichem Archivmaterial eine spannende Collage über dieses wenig bekannte Kapitel deutscher Kolonialgeschichte montiert. (8.12.)

Die Filmreihe endet mit dem französischen Stummfilm VOYAGE AU CONGO (1927) von André Gide und Marc Allégret, ein Expeditionsfilm, der sich vehement gegen die selbstgerechte Darstellung und rassistische Haltung der meisten Kolonial- und Expedtionsfilmemacher stellt. „Der Neger dient hier immer als Relief; er ist da, um Lachen, Spott und Selbstzufriedenheit zu erregen. Und nur aus diesem Grund vergleichen wie unsere Sitten und Gebräuche, unsere Tänze mit den ihren, unsere Raffiniertheit mit ihrer Grobzügigkeit.“ (André Gide) Sein Motto war vielmehr: „Jedes Kunstwerk ist ein Werk der Sympathie (…) und was man versteht, hört auf uns fremd zu sein.“ (10.12.) (Gerlinde Waz) – In Zusammenarbeit mit und mit freundlicher Unterstützung von Deutsche Guggenheim.