August 2013, kino arsenal

Magical History Tour – Kino im Plural (2)

DIE ENDLOSE NACHT, 1962

Nicht nur Kollektive, Gruppen oder Fabriken markieren ein Kino im Plural. Gleichermaßen plurales Gemeinschaftswerk und ebenfalls klassische Normen unterlaufend ist der Ensemblefilm. Die variantenreiche, dramaturgische und narrative Kategorie mit Potential zum eigenen Genre hat in den letzten zwei Jahrzehnten ein überraschendes Revival erlebt, lässt sich aber auch weit in die Filmgeschichte zurückverfolgen. Damals wie heute entwerfen die hoch-dynamischen filmischen Patchworks Welten mit verzweigten Figurenmosaiken, vielschichtigen Beziehungsgeflechten und azentrischen Gruppenbildern – komplexe Universen, geprägt von grandiosen, hochkarätig wie gleichberechtigt besetzten Schauspielersembles.

THE CONNECTION (Shirley Clarke, USA 1961, 1. & 3.8.) Eine Gruppe drogenabhängiger Jazzmusiker wartet in einer New Yorker Wohnung auf ihre "Connection", ein zweiköpfiges Dokumentarfilmteam filmt sie dabei. Gemeinsam verhandeln sie Fragen von Moral und Gesellschaft sowie das Verhältnis von Realität und Fiktion in einer schwindelerregenden Choreografie von Zuständen: Scharfsinn, Rausch und Entzug. THE CONNECTION seziert das Kino – ein Meilenstein des Cinéma vérité, der als Jazzmusical und als Ensemblefilm in die Filmgeschichte einging.

SHORT CUTS (Robert Altman, USA 1993, 2. & 6.8.) Kunstvoll verwebt Altman Fragmente aus dem Leben von 22 Protagonisten – Figuren aus allen Gesellschaftsschichten Los Angeles' – zu einem bis in die kleinsten Nebenrollen glänzend besetzten Mosaikfilm, dessen Ensemble mehrfach für seine schauspielerische Gemeinschaftsleistung ausgezeichnet wurde. Entstanden ist ein beeindruckendes Puzzle aus Erzählvignetten: ein apokalyptisches Monumentalgemälde zwischen Tragödie und Satire, ein südkalifornisches Sittenbild des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

DIE ENDLOSE NACHT (Will Tremper, BRD 1962, 4. & 9.8.) Eine nüchterne bundesdeutsche Bestandsaufnahme: Wegen Nebels werden alle Starts und Landungen am Flughafen Tempelhof ausgesetzt. Eine Ausnahmesituation, die in die Lebensplanung der gestrandeten Passagiere im Kleinen und im Großen eingreift: Geschäfte platzen, Seitensprünge bieten sich an oder fliegen auf, Menschen verkaufen sich, Träume entstehen und werden als solche entlarvt. Den Rahmen dieses elliptisch-episodischen Ensemblefilms bildet die monumentale Architektur des Flughafens Tempelhof.

CASABLANCA (Michael Curtiz, USA 1942, 7. & 13.8.) Casablanca 1941: Auf der Flucht vor den Nazis ist die nordafrikanische Hafenstadt für viele Emigranten Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika. Auch Ilsa (Ingrid Bergman) und ihr Mann (Paul Henreid) hoffen, hier Transitvisa für die Weiterreise zu erhalten, treffen jedoch zunächst auf Ilsas ehemaligen Geliebten (Humphrey Bogart). Ein Emigrationsdrama, dargestellt von einem "Emigrantenensemble": Curtiz besetzte zahlreiche Rollen mit berühmten deutsch(sprachig)en Schauspielern, so z.B. Peter Lorre, Conradt Veidt, Curt Bois und Szöke Szakall, die ihrerseits wenige Jahre zuvor aus Deutschland bzw. Europa emigrieren mussten.

DUOLUO TIANSHI (Fallen Angels, Wong Kar-wai, Hongkong 1996, 8. & 15.8.) Richtungslos, ohne Geschichte und mit ungewisser Zukunft streifen ein junger Auftragskiller, seine Ex-Freundin Punkie, seine Agentin, ein stummer Kleinkrimineller und die redselige Cherry durch das nächtliche Neondickicht der Moloch-Metropole Hongkong. Dort, wo sich ihre Wege kreuzen, scheint das hektische Treiben der Stadt einen Moment stillzustehen, die grellen Lichter zu verblassen – Moment der Auflösung einer Stadt und ihrer Bewohner.

BRONENOSEZ POTEMKIN (Panzerkreuzer Potemkin, Sergej Eisenstein, UdSSR 1925, 10. & 17.8.) Eisensteins Revolutionsdrama in fünf Akten über den Matrosenaufstand in Odessa 1905 und den Versuch seiner Zerschlagung durch die zaristischen Truppen entwirft das Bild der Revolution als Werk der Masse bzw. eines Heldenkollektivs. Zum Revolutionsensemble gesellen sich mit jedem Akt weitere Akteure hinzu: Was mit der Schiffsbesetzung beginnt, ergreift nach den Bewohnern der Stadt schließlich auch die regierungstreuen Matrosen der Admiralsflotte.

SHICHININ NO SAMURAI (Die sieben Samurai, Akira Kurosawa, Japan 1954, 11. & 16.8.) Eine zusammengewürfelte Gruppe Samurai-Krieger macht für einen mageren Lohn ein Dorf wehrhaft und verteidigt es gegen die alljährlich einfallenden plündernden Banditen. Der Film endet mit einem Sieg der Bauern über die Räuber, aber auch einem Abgesang auf die Zeit der Samurai. Die Melancholie des Vergehens grundiert den Film, kontrastiert einzig von der Dynamik der Kamera, des Schnitts, der Bewegungen, der Kämpfe.

PULP FICTION(Quentin Tarantino, USA 1994, 14., 21. & 26.8.) Ein Gangster-Paar (Tim Roth & Amanda Plummer), ein Killer-Duo (John Travolta & Samuel L. Jackson), vier junge Diebe, die Frau des Gangster-Bosses (Uma Thurman), ein abgehalfterter Boxer (Bruce Willis) und seine Freundin (Maria de Medeiros) sind nur einige der Figuren, die Tarantinos Halbweltmilieu bevölkern und mal aberwitzige, mal brutal-düstere Episoden um Geld, Gold und Macht initiieren. Jenseits von Zeit und Raum, Gut und Böse agiert ein gran-dioses Schauspielerensemble in einem komplexen Universum audiovisueller Zitate und filmhistorischer Referenzen.

TODO SOBRE MI MADRE (Alles über meine Mutter, Pedro Almodóvar, Spanien 1999, 18. & 24.8.) Ein Schauspielerinnenfilm, der mit einer Reise in die Vergangenheit beginnt. Manuela (Cecilia Roth) beschließt, nach dem Unfalltod ihren Sohnes nach Barcelona zu fahren und dort die Protagonisten ihres einstigen Lebens aufzusuchen. Hier trifft sie auf Transsexuelle, Prostituierte, eine Schauspielerin (Marisa Paredes) und eine Ordensschwester (Penélope Cruz), die wie Manuela alle mit existentiellen Nöten konfrontiert sind. Ein leiser, berührender Film über die unbeugsame Kraft der Frauen und eine Welt ohne Männer.

WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1970/71, 20. & 28.8.) In einem Hotel in Spanien wartet eine Gruppe von Schauspielern auf die Ankunft des Regisseurs, des Stars (Eddie Constantine als Eddie Constantine) und des Filmmaterials. Als der Regisseur mit seinem Star eintrifft, wird er sofort zum Mittelpunkt des Chaos. "Der Film handelt zwar von Dreharbeiten, aber das eigentliche Thema ist, wie die Gruppe arbeitet und wie Führer-Positionen entstehen und ausgenutzt werden." (RWF)

MENSCHEN AM SONNTAG (Robert Siodmak, Curt Siodmak, Edgar G. Ulmer, Fred Zinnemann, D 1930, 22. & 30.8., am Klavier: Eunice Martins) Ein Regieensemble (unterstützt von Drehbuchautor Billy Wilder und Kameramann Eugen Schüfftan) trifft auf ein (Laiendarsteller-)Ensemble: Es entsteht ein neusachlicher "Wirklichkeitsfilm", die präzise Beschreibung eines Wochenendes im Leben von fünf jungen Berlinern. Am sommerfrischen Wannsee verschieben sich die Interessen, bilden sich Paare und verlieren sich wieder, werden neue Bekanntschaften gemacht und das nächste Wochenende geplant. Eine lebendige Collage aus dokumentarischen Aufnahmen und Spielfilmszenen.

PAISA (Roberto Rossellini, Italien 1946, 23. & 27.8.) Nach "Roma, città aperta" (1945) und vor "Germania, anno zero" (1948) Rossellinis zweiter Teil seiner (Nach)Kriegstrilogie  In sechs Episoden wird an Originalschauplätzen und fast ausschließlich mit einem Ensemble von Laiendarstellern die Befreiung Italiens vom Faschismus bzw. von der deutschen Besatzungsmacht beschrieben. Dabei konzentriert sich Rossellini auf die Randzonen des Krieges und die privaten Kriegsschauplätze auf Sizilien, in Neapel, Rom, Florenz, der Toskana und der Poebene.

VOUS N'AVEZ ENCORE RIEN VU (Ihr werdet euch noch wundern, Alain Resnais, F 2012, 29. & 31.8.) Dieser dreifache Ensemblefilm vereint das Resnais'sche Stammensemble und lässt es als Schauspielerensemble im Landhaus eines soeben verstorbenen Dramatikers zusammenkommen. Hier wird der illustren Runde (Sabine Azéma, Pierre Arditi, Mathieu Amalric, Lambert Wilson, Michel Piccoli u.a.) ein Film präsentiert: Aufnahmen eines weiteren Schauspielensembles, die Anouilhs Stück Eurydice proben. Der Blick auf die jungen Kollegen wird zum Blick auf die eigene Jugend, ein selbstreflexives Spiel um Variation und Wiederholung, Liebe und Tod, Theater und Film nimmt seinen Lauf.