Oktober 2006, kino arsenal

Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert? West-Berlin 80er Jahre

OKAY, OKAY. DER MODERNE TANZ (Christoph Dreher, Heiner Mühlenbrock, BRD 1980)

Die über 30 Programme und Veranstaltungen umfassende Filmreihe "Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert?" zeigt Filme, die zwischen dem Ende der 70er Jahre und der Öffnung der Mauer in West-Berlin entstanden sind. Filme aus und über West-Berlin in einer Zeit, in der über den Potsdamer Platz die Mauer lief und die Fahrt über die Stadtautobahn die große Freiheit bedeutete. Das von der Bundesrepublik subventionierte "Schaufenster des freien Westens" war zu einer Insel für all diejenigen geworden, die sich ohne ökonomischen Druck selbst erfahren und mit allen Mitteln ausdrücken wollten. Man verschrieb sich nicht länger der Weltrevolution, sondern drang auf die Verwirklichung alternativer Lebensformen zwischen Endzeit und Konsumverzicht, Anti-Reagan-Demos und Häuserkampf, Schwulsein und Queerness, Punk, New Wave und Drogen. Im Spiel mit anderen Körperbildern spiegelte sich der Versuch, unterschiedliche Feminismen und indifferente Geschlechterrollen zu praktizieren. "Die Zukunft nicht als düster, sondern gar nicht begreifen", so beschreibt der Filmemacher und Maler Christoph Doering sein Lebensgefühl im West-Berlin der frühen 80er Jahre. Unvoreingenommen loszulegen, auszuprobieren, zu machen, nicht gestern oder morgen, sondern im Hier und Jetzt. Diese Auffassung des Alles-ist-erlaubt war das, wenn auch nur für wenige Jahre währende, Credo der sich damals um Musik, Malerei und Super-8 gruppierenden Szene. Super-8 ermöglichte, mit nur geringen Kosten unabhängige Filme zu produzieren, auch wenn dies den ständigen Ärger mit den technischen Unzulänglichkeiten des Mediums bedeutete. Die Filme wurden in Bars und Cafés gezeigt, aber auch im Rahmen des Forums der Berlinale, hinzu kamen Tourprogramme für Westdeutschland und eigene Festivals (interfilm 1, 1982).

Bevor Video verfügbar wurde, diente Super-8 auch als Medium für politische Dokumentationen im Kampf um die besetzten Häuser, gegen Gorleben und die Nachrüstung, die z.B. über den 1979 gegründeten Gegenlicht Verleih vertrieben wurden. Umzingelt von Mauer, Berliner Polizei, alliiertem Militär und den Weltnachrichten im Fernseher widmete man sich dennoch oder gerade deswegen den Sinnfragen und Befindlichkeiten und beschrieb mit der Kamera das unmittelbare Lebensumfeld: die Kreuzberger Wohnung, die Stammkneipe, die Fahrt mit dem Auto oder im Taxi über den Kudamm, meistens nachts. Gleichzeitig bestand eine Haltung des Überdrehten und Fantastischen, die Abkehr von dem, was normal ist, was sich in ästhetischen Experimenten, kostümhaften Inszenierungen oder in der Verweigerung vieler Filme gegenüber einer in sich geschlossenen Narration äußerte. Dieser Ausdruck der Selbstreferenz ist mit ein Grund dafür, dass sich der Fokus der Reihe auf den Westteil des durch die Mauer geteilten Berlins beschränkt. Die deutsch-deutschen Verhältnisse werden nicht direkt thematisiert, sondern als eine Voraussetzung betrachtet für die Insellage West-Berlins, in welcher sich Depression und Extravaganz, Aktivismus und Renitenz, soziale und künstlerische Prozesse durchdringen und einmalige Synergien bilden konnten.

"Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert?" möchte die Auseinandersetzung mit der Epoche der 80er Jahre, die längst Retro- und Nostalgieeffekte auf sich zieht und dennoch in persönlichen Erinnerungen so nah erscheint, ausschließlich im Blick auf das Medium Film/Video und die Institution Kino führen. Der Ort des Kinos, an dem man ganze Nächte verbrachte, spielte im West-Berlin der 80er Jahre eine große Rolle. Gleichzeitig entstand eine Vielzahl von Spielstätten in besetzten Häusern, die zusammen mit dem 1970 gegründeten Arsenal einen Gegenpol zur kommerziellen Kinolandschaft darstellten, sowie Orte, an denen sich Film, Super-8-Installationen, Musik und Performance gegenseitig hervorbrachten.
Diese Orte lassen sich nicht an den Potsdamer Platz transferieren. Teil des Programms sind deshalb vier Exkursionen: Ins Kino Eiszeit, ins Café M, ins Ex 'n' Pop, sowie ins – ja, es ist wahr – alte Arsenal in der Welserstraße. Zudem soll mit der Filmreihe ein Stück filmgeschichtlicher Aufarbeitung geleistet werden. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, auf der Basis breiter Recherchen eine zugespitzte und dennoch komplexe Auswahl an Filmen zu präsentieren: von Kultklassikern, Spiel- und Dokumentarfilmen bis zu Kurzfilmen, die 20 Jahre nicht mehr zu sehen waren. Zu den meisten Veranstaltungen kommen die Filmemacherinnen und Filmemacher, wir erwarten Protagonisten und Zeitzeugen, Künstlerinnen und Künstler, mit denen wir nach der Vorstellung Gespräche führen.

Im Mitropa (heute das Café M) saß man nicht nur im grellen Neonlicht, die Westberliner Szene zeichnete sich grundsätzlich durch gezeigte Kälte, Arroganz und Erfolgsdruck aus. David Bowie und Iggy Pop hielten sich Ende der 70er Jahre vielleicht auch deshalb in Berlin auf, weil sich hier niemand herabließ, sie um Autogramme zu bitten. Auch gab es wie überall gegenseitige Abgrenzungen. Es ist der Gunst der historischen Distanz zu verdanken, Filme aus den Umfeldern der dffb, von avgeschoss/Notorische Reflexe, der Gruppe OYKO oder von Die Tödliche Doris nun kombinieren und in einen neuen Zusammenhang stellen zu können. Die von 1980 bis '87 um Wolfgang Müller, Käthe Kruse, Nikolaus Utermöhlen und Tabea Blumenschein bestehende Gruppe Die Tödliche Doris zählte zu den eigenwilligsten künstlerischen Erscheinungen West-Berlins. Auf dem "Festival der genialen Dilletanten" im September 1981 im Tempodrom wurde Die Tödliche Doris erstmals einem größeren Publikum bekannt. Der bewusst belassene Schreibfehler im Titel der Veranstaltung prägte den Begriff des "Genialen Dilletantismus", der für den von Wolfgang Müller in seinem gleichnamigen Merve-Buch (1982) manifestierten Anspruch steht, das Fehlerhafte, die Störung, das Ver-spielen und Verschreiben als einen positiven Wert in die Kunst einzuführen.

Eine Gesangs- und Slipeinlage von Wolfgang Müller, in der er kurze Stücke vortragen und vom "Lampe Slip" und anderen Kunstobjekten der Tödlichen Doris erzählen wird, eröffnet die Reihe am 8.10. Auf Müllers Darbietung folgen GELD (1983), der Super-8-Clip zum gleichnamigen Song von Malaria von Brigitte Bühler und Dieter Hormel, CUT UP (Horst Markgraf, 1984), MUSTERHAFT– DAS ENDE, EIN INTERMEZZO (Michael Brynntrup, 1985) und der Vampirkult-Klassiker BAD BLOOD FOR THE VAMPYR (1984) von Lysanne Thibodeau, in dem ein einsamer Vampir durch West-Berlin streift. Das Blut ist nicht mehr das, was es einmal war, und echte Jungfrauen gibt es auch nicht mehr. Zu sehen sind u.a. Norbert Hähnel (aka der Wahre Heino) als Vater und Blixa Bargeld als der böse Priester. (8.10.)

Im zweiten Teil des Eröffnungsabends zeigen wir – nach einer Einführung von Diedrich Diederichsen – OKAY OKAY. DER MODERNE TANZ (1980) von Christoph Dreher und Heiner Mühlenbrock. Der Film unterlegt Stücke von Pere Ubu, Chrome, PIL, Residents, Wire oder Throbbing Gristle mit Bildern von menschenleerem Menschenwerk: Müllhalden, Parkhäuser, Industrieflächen. Die Kamera heftet sich an die Fassaden moderner Wohn- und Büroblocks und bringt Fabrikschlote und Kühltürme zum Tanzen. Im Gefühlsrhythmus post-apokalyptischer Stadtlandschaften verbinden sich hier Musik und Film auf eine selten exzellente Weise. (8. & 10.10.)

Eine zweite große Wiederentdeckung stellt FLUG DURCH DIE NACHT (1980) von Ilona Baltrusch dar, der wie OKAY OKAY. DER MODERNE TANZ an der dffb produziert wurde. Baltruschs Film lässt sich keinem Genre zuordnen. Er beschränkt sich auf wenige, sich wiederholende Drehorte und Raumausschnitte: vor der Musikbox im Mitropa, im Treppenhaus eines öffentlichen Gebäudes, vor einer Zimmerwand. Die Regisseurin tritt mit sich selbst und ihren beiden Hauptdarstellern, Gretel Kemeny und Martin Peter, vor laufender Kamera ins Gespräch. Der filmische Prozess wird Teil eines Gedankenspiels über den Tod der Lebenden in der Stadt. "Ein Filmband, eine Kollektion moderner Daten, ein Dialog der bekannten Modelle, der Serie in Bewunderung gewidmet, beklemmend und unterhaltend, als wär's ein Band von Woolworth, eine laufende Bildrevue vom Wühltisch." (Ilona Baltrusch) (22. & 24.10.)

Ein späterer Film von Ilona Baltrusch, LIKE A RAT IN THE NIGHT (1986), läuft im Kurzfilmprogramm 8, in dem es um Traum und Wirklichkeit, Liebe und Tod geht. Berlin als Stadt der Verschwörung, der Agenten, des Gefühls der Bedrohung, die in den von Ebba Jahn abgebildeten ABC-Schutzräumen real wird. Jahns Film NEUE HEIMAT (1982) ist eine Episode des vom Literarischen Colloquium produzierten Gemeinschaftsfilms Aus heiterem Himmel. Weitere Filme des Programms sind OHNE LIEBE GIBT ES KEINEN TOD (Ingrid Maye, Volker Rendschmidt, 1980), BIWAK (Ika Schier, 1984), NATURKATASTROPHENBALLET/NATURKATASTROPHENKONZERT (Die Tödliche Doris, 1983) und ZITRUSFRÜCHTE 2 (Uli Versum, 1985). (26.10. & 3.11.) Wieland Speck, Leiter des Panoramas, berichtet davon, vor welchem Hintergrund er bei der Berlinale 1987 den Schwul-lesbischen Filmpreis Teddy einführte.

Von sexuellen Fantasien, fiebrigen Zuständen und Erscheinungen handelt das zweite Kurzfilmprogramm. Neben ARIEL (Angelika Levi, Lilly Grote, 1984), SPANISH FLY (Frieder Butzmann, Thomas Kiesel, 1979), DARUM ODER WAS ERWARTEST DU? (Jürgen Baldiga, 1981), MIKES NEUER KRONLEUCHTER (Jörg Kronsbein, 1985) und DAS GERÄUSCH RASCHER ERLÖSUNG (Wieland Speck, 1983) beinhaltet das Programm einen weiteren Film von Jürgen Baldiga, den wir unlängst im Nachlass des 1993 an den Folgen von Aids verstorbenen Fotografen entdecken konnten: in GREEN DOLLS (1981) umschlingen sich die mit Farbe bemalten Körper Baldigas und seines Freundes in erotischem Begehren. In Claudia Schillingers verwirrend eindringlichem Film BETWEEN (1989) zerteilen Licht und Schatten die nackten Körper, die geschlechtliche Zuordnung wird erschwert bzw. umgedreht, wenn ein Frauentorso mit einem umgeschnallten Dildo tanzt und von hinten mit einem Männertorso Sex hat. Das in der Ruine der italienischen Botschaft gefilmte Bild einer Frau, die einen Totenkopf küsst, ist emblematisch für die Faszination von Lust und Vergänglichkeit in DIE BOTSCHAFT (TOTENTANZ 8) (1989) von Michael Brynntrup, einem der produktivsten experimentellen Filmemacher Berlins. (13. & 16.10.)

Als ein Kultklassiker des Westberliner Queer Cinemas gilt TAXI ZUM KLO (1980), in welchem der Regisseur Frank Ripploh selbst den schwulen Lehrer Frank spielt, der versucht, zwischen Klassenzimmer, Tuntenball und Klappe Privates und Berufliches voneinander zu trennen. (29.10.) Rosa von Praunheims STADT DER VERLORENEN SEELEN (1982) begleitet eine Gruppe in Berlin lebender Amerikaner – Rocksänger, Tänzer, Akrobaten, Schwarze, Schwule und Transsexuelle –, die in extravaganten Settings und Aufmachungen von ihren Erfahrungen in Deutschland berichten. Als Vorfilm zeigen wir TUNTENFILM (1989) von Stefan Hayn. (27.10.)

Der Filmemacher Lothar Lambert steht für eine Filmpraxis außerhalb kommerzieller Verwertung und filmischer Standards. Außenseiterexistenzen, Irrungen und Wirrungen der Sexualität und Ausbruchsversuche aus der bürgerlichen Doppelmoral sind die Themen seiner Filme. In FRÄULEIN BERLIN (1982) spielt Ulrike S. eine Nacktdarstellerin, die vergeblich versucht, als seriöse Schauspielerin Karriere zu machen. Der Film ist eine selbstironische Parodie der Filmbranche, unter Mitwirkung von Dagmar Beiersdorf, Helke Sander, Bette Gordon, Jim Jarmusch u.v.a. (20.10.)

Die Kino-Komödie SCHWARZFAHRER (Manfred Stelzer, 1982) ist ein weiterer Klassiker, der mit Leib und Seele im Berlin der 80er Jahre spielt. Drei liebenswert chaotische Gauner planen den Coup ihres Lebens: den Überfall auf einen volkseigenen Geldtransporter, der voll mit kleinen DM-Scheinen aus den Intershops auf dem Weg zur Bank von Ost- nach West ist. (13.10.)
Der gleichfalls melancholisch-witzige Film TAGEDIEBE (1985) des Schweizer Regisseurs Marcel Gisler porträtiert den Alltag dreier in Berlin gestrandeter Freunde, zweier junger Männer aus Westdeutschland und einer Französin, die in der Wohnung eines Bekannten unterkommen. Sie verbringen die Tage mit ihren Ambitionen zu schreiben, zu singen oder sich politisch zu engagieren und scheitern doch an der kalten Realität der Großstadt oder auf der Suche nach echter Liebe. (20.10.)

Das Kurzfilmprogramm 10 schließt an die Lebens- und Alltagsfragen an, die damals gerne in spröder, doch unverstellter Weise vorgetragen wurden, und kontrastiert diese mit der rauschhaften Dynamik der von der Mauer eingeschlossenen Stadt. Neben A-B-CITY (Brigitte Bühler, Dieter Hormel, 1985), MHM (Karl Heil, 1981), SCHATTENNACHT (Ebba Jahn, 1981) und SCHLUSS AUS (Georg Ladanyi, 1983) zeigen wir Cynthia Beatts Film BÖSE ZU SEIN IST AUCH EIN BEWEIS VON GEFÜHL (1983), der bei einer Sichtung Ende 2004 den Ausschlag dafür gab, das West-Berlin der 80er Jahre in einer Filmreihe zu beleuchten: "Die eine Ebene des Films ist die gesprochene Sprache, in diesem Fall Deutsch und Englisch, im Bewusstsein, dass es für eine Ausländerin noch nicht bedeutet, verstanden zu werden, wenn sie Deutsch spricht. Eine zweite Ebene ist die Sprache der Architektur, die als ein Text verstanden wird, der die Seele und Geschichte Berlins bloßlegt." (Cynthia Beatt) (29.10. & 7.11.)

Den sichtbaren und unsichtbaren Schichten sowohl der gewaltsamen Geschichte als auch der Gegenwart des geteilten Berlins widmet sich das dritte Kurzfilmprogramm, mit AUSTAUSCH/EXCHANGE (Egon Bunne, 1982), TODESSTREIFEN (Michael Brynntrup, 1983), ZONE (Jakobine Engel, 1983) und COULEUR DU TEMPS: BERLIN AOUT 1945 (Jean Rouch, 1988). Das Video BERLIN: TOURIST JOURNAL (1988) entstand während Ken Koblands DAAD-Aufenthalt in Berlin 1986/87. Thema des Films BODENPROBEN (1987) von Riki Kalbe ist das Prinz-Albrecht-Gelände, das ehemalige Hauptquartier der Gestapo, das bis zur Errichtung der provisorischen Gedenkstätte "Topografie des Terrors" im Herbst 1986 als Schuttabladeplatz genutzt wurde. Kalbes subjektive Annäherung versucht aufzuspüren, wie Geschichte verschüttet und wieder freigelegt wird. (15. & 18.10.)

Viele der Filmemacherinnen und Filmemacher dieser Reihe standen dem Arsenal immer sehr nahe. Ihre Beziehung zum Film entwickelte sich zu einem großen Teil an einem Ort, der es wie kein anderer geschafft hat, das sich immer verändernde Verhältnis von objektiv und subjektiv ausgerichteter Filmbildung und Filmgeschichtsschreibung zu vermitteln und lebendig zu halten. In den 80er Jahren entdeckten viele das Kino erstmals als einen Ort voller Geschichte, plötzlich war es erlaubt, Hollywood nicht mehr nur zu verdammen, sondern die eigene Schaulust darauf zu richten. Hitchcock wurde genauso entdeckt wie Tarkowskij, die großen und die kleinen Formate wurden zueinander in Beziehung gesetzt. Dahinter steckten Personen: Neben Erika und Ulrich Gregor hat vor allem der 1993 an den Folgen von Aids verstorbene Alf Bold dem internationalen Experimentalfilm Raum in West-Berlin verschafft. "Ein ganzer Abend Kinoglück" ist eine Hommage an den Ort des alten Arsenals. Nach unserem Umzug an den Potsdamer Platz hat es zeitweise der Schwulenkultur gedient, nun steht es wieder leer. Die Bestuhlung wurde auf zahlreiche Berliner Haushalte verteilt, doch Leinwand und Vorhang sind geblieben. Im Rahmen einer Exkursion ins alte Arsenal zeigen wir Filme aus der Sammlung der "Freunde" (u.a. von Standish Lawder, Cathy Joritz, Warren Sonbert) sowie Filme, in denen das Arsenal als Kulisse vorkommt (u.a. von Bettina Flitner, Stiletto), dazu gibt es das berühmte Glas Wein "danach". (28.10.)

Neben dem Arsenal hatten sich zu Beginn der 80er Jahre eine Reihe von Besetzerkinos etabliert, wie das Frontkino, das D.P.A.-Kino im KuKuCK oder das 1981 entstandene Kino Eiszeit, damals noch in der Blumenthalstr. 13. Das Programm des Eiszeit umfasste politische Dokumentarfilme, Klassiker der Filmkunst wie auch Filme des New American Cinema. In Form eines inszenierten Kinoabends spielt sich das Eiszeit in dem Film KINDER DER KONFETTIMASCHINE (1987) von Klaus Dörries und Rainer Grams selbst. Michael Krause, Andreas Wildfang u.a. produzierten eigens Kurzfilme, die im Film vor Publikum zur Aufführung gelangen. Eine ekstatische Performance von Hans-Jürgen Casper erzeugt Lichtenergie. Jürgen Brüning (später tätig im Arsenal) steht hinter der Bar und bemüht sich, das Chaos in Form zu bringen. Der Versuch, "anders" Kino zu machen, kommt durch sein Scheitern zum Erfolg. Selbstredend zeigen wir KINDER DER KONFETTIMASCHINE am Ort seiner Entstehung: im Kino Eiszeit. (12.10.)

Klaus Dörries, Rainer Grams, Jürgen Brüning, Michael Krause, Andreas Wildfang, auch Michael Brynntrup oder Manuela Zimmer gehörten der von 1981–86 bestehenden Gruppe OYKO an, die mit Super-8 arbeitete und gemeinsam Projekte realisierte, wie z.B. den Episodenfilm Heimat? … Eine subjektive Ortsbeschreibung (1983), aus dem wir im Kurzfilmprogramm 7 eine Episode der Teufelsberg Produktion, BILDER AUS UNSERER HEIMATSTADT (1983), zeigen werden. (23.10. & 2.11.)

SINNFILM (1981) ist ein zweiter früher Film der Teufelsberg Produktion, die sich 1980 um Ades Zabel, Ogar Grafe und Hermoine Zittlau gründete und deren Filme legendär sind für ihren schrägen Humor, die trashige Inszenierung und die gegen alle Regeln des guten Geschmacks ausstaffierten Figuren. Neben SINNFILM versammelt das Kurzfilmprogramm 5 einige weitere Filme schillernder Protagonisten des Super-8: CAPTAIN BERLIN (Jörg Buttgereit, 1982), 3302 (Christoph Doering, 1979), GEILE TIERE IM DSCHUNGEL (Knut Hoffmeister, 1980), BERLINER KÜCHENMUSIK (Die Tödliche Doris, 1982) und NORMA L. (Horst Markgraf, 1983). (20. & 21.10.).

Christoph Doering und Knut Hoffmeister, die gemeinsam mit Sascha von Oertzen die Gruppe Notorische Reflexe bildeten und in der Crellestraße das av-geschoss unterhielten, gestalten eine weitere Exkursion. Unter dem Titel "Mitropa – Multimedia der 80er Jahre" werden im Café M verschiedene Super-8-Filme, Bilder und Installationen zu sehen und zu feiern sein. (11.10.)

Doerings Film PERSONA NON GRATA (1981) leitet außerdem das Kurzfilmprogramm 1 ein: Nachdem ein Fernseher aus dem oberen Stockwerk auf den Hinterhof fliegt, macht sich der Filmemacher auf in die Westberliner Nacht. Das Programm wechselt zwischen Chaos und Kontemplation vor dem Hintergrund der realen Stadt. Nach PERSONA NON GRATA laufen: BERLIN SUMMER NIGHT DREAM (Kain Karawahn, 1984), INFRASTRUKTUR BERLIN WEST (Hartmut Bitomsky, 1987), FREEZE FRAME (Peter Tscherkassky, Ö 1983) und DIE STADT (1985) von Heiner Mühlenbrock, der urbane Momentaufnahmen, Studioproben von Nick Cave und dem großen Kino entliehene Handlungsfragmente ineinanderfügt. (12. & 14.10.)

Die Suche nach einer neuen filmischen Erzählform trägt auch TATTOO SUITE (1984) von Rolf S. Wolkenstein in sich. Wolkenstein präsentierte Anfang der 80er Jahre regelmäßig Super-8-Filme, zusammen mit Horst Markgraf und Bernhard Föll unter dem Label Best Boys Connection (BBC). Im Kurzfilmprogramm 4, das sich um die Wirklichkeit und Unwirklichkeit persönlicher Lebensräume dreht, zeigen wir TATTOO SUITE neben SCHWEIGEND IN DAS GESPRÄCH VERTIEFT (Ute Aurand, 1980), DAS SCHLESISCHE TOR (Clemens Klopfenstein, 1982) und SO SIEHT'S AUS (Maren-Kea Freese, 1984). Der Film DAS TIER (1981) von Einar Schleef, der als einer der wichtigsten deutschen Theaterregisseure der letzten Jahrzehnte bekannt ist, ist der einzige im engeren Sinne gestaltete Film aus einer großen Menge an Super-8-Material, das Schleef über Jahre hinweg belichtete. Helga Liesers Film MARIANNE TEUFEL 97 (1983) beschreibt in vergleichsweise poetischen Bildern das Leben in einem von einer Gruppe Frauen instandbesetzten Haus in der Manteuffelstr. 97. (18. & 19.10.)

Der Widerstand gegen die Sanierungspolitik des Berliner Senats, die Instandbesetzung leerstehender Wohnungen und die oftmals gewaltsamen polizeilichen Räumungen mit anschließenden Straßenschlachten waren vor allem 1980/81 Gegenstand vieler Filmproduktionen. … UND WENN WIR NICHTWOLLEN? ODER: WER SANIERT HIER WEN? (Udo Radek, Lothar Woite, 1981) schildert die Situation rund um den Chamissoplatz, wo Mieterinitiativen und Hausgemeinschaften ihre Interessen gegenüber den Umsetzern der GEWOBAG vertreten. (9.10.)

Rudolf Thome fiktionalisiert das Thema in seinem Spielfilm BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980) und verknüpft es mit der Liebesgeschichte zwischen der jungen, in einer Mietergruppe am Chamissoplatz aktiven Anna und dem 20 Jahre älteren Architekten artin, der mit der Sanierung des Wohngebietes beauftragt st. (27.10.)

SCHADE, DASS BETON NICHT BRENNT 1981) von November-Film zeigt den alltäglichen Kampf der Besetzer, in den Häusern, auf der Straße, im Gefängnis. "Wir haben bewusst darauf verzichtet, Ursprünge und Hintergründe aufzuzeigen, eine Analyse der Häuserkampf-Bewegung oder der Sanierungspraxis zu liefern, haben darauf verzichtet zu kommentieren, zu erläutern. Die Bilder sprechen für sich selbst, die Instandbesetzer auch." (November-Film) (13.10.)

Anlass für eine der gewalttätigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei der 80er Jahre war der Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan im Juni 1982. Bilder der Straßenschlacht am Nollendorfplatz werden in dem Super-8-Film DIE FREIHEIT HAT ETWAS ANSTECKENDES (Klaus G. Otto, Volker Schutsch, 1982) den Vorbereitungen am Schloss Charlottenburg und der Fähnchen schwenkenden Zuschauermenge beim Auftritt Reagans gegenübergestellt. Auch die weiteren Filme des Kurzfilmprogramms 7 behandeln die unterschiedlichen gesellschaftlichen Auffassungen von Stadt, Frieden und Freiheit, die hier vom Tuwat-Spektakel 1981 bis zur Reaktion auf das 1989 eingeführte Tempolimit 100 auf der Avus reichen: BERLIN/ALAMO (Knut Hoffmeister, 1979), BILDER AUS UNSERER HEIMATSTADT (Teufelsberg Produktion, 1983), MAMA HEMMERS GEHTMIT IHREM PASTOR ZUM LETZTEN MAL ÜBER'N HEINRICHPLATZ: KREUZBERG ADIÖ (Rosi S.M., 1980), TUWAT – EIN FILM AUS BERLIN (Tuwat Wochenschau Filmkollektiv, 1981) und FREIE FAHRT FÜR FREIE BÜRGER (Tina Ellerkamp, Jörg Heitmann, Merle Kröger, Maico Rigolo, Falko Zubairi, 1989). (23.10. & 2.11.)

Die Arbeitsmigration und die sozialen Realitäten West-Berlins außerhalb der Kunst-, Bar- und Besetzerszenen sind Thema der folgenden Filme: Johann Feindts DER VERSUCH ZU LEBEN (1983) wurde über die Dauer von drei Wochen auf der Rettungsstelle und Aufnahmestation des Urbankrankenhauses gedreht und erstellt ein Kreuzberger Alltagsbild zwischen dem Elend ausnüchternder Alkoholiker und der unumstößlichen Moral des Pflegepersonals. (11.10.)

Jeanine Meerapfels Film DIE KÜMMELTÜRKIN GEHT (1985) ist ein Porträt von Melek, einer 38-jährigen Türkin und Überlebenskünstlerin, die nach 14 Jahren in West-Berlin zurück nach Istanbul geht. In einer Kombination aus dokumentarischen und nachinszenierten Szenen beschreibt der Film die unsichtbaren Verletzungen, die eine "Gastarbeiterin" nach den langen Jahren in der Bundesrepublik gezeichnet haben. (15.10.)

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In ruhigen Einstellungen erzählt der Film GÖLGE – ZUKUNFT DER LIEBE (Sofoklis Adamidis, Sema Poyraz, 1980) die Geschichte des 18-jährigen türkischen Mädchens Gölge. Die bedrückende Enge der Kreuzberger Zweizimmerwohnung teilt sie sich mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester. Durch ihren Traum, Schauspielerin zu werden, gerät sie zunehmend in Konflikt mit dem Vater. (27.10.)

Der von Clara Burckner (Basis-Film-Verleih) produzierte Spielfilm BABY (Uwe Frießner, 1984) unternimmt den Versuch, die menschliche Seite im Verbrecher sichtbar zu machen. Baby jobbt als Rausschmeißer in einer Westberliner Disco. Um sich seinen Traum eines eigenen Sportstudios zu erfüllen, gerät er durch zwei Freunde auf Abwege und landet in der harten Wirklichkeit eines begangenen Raubmordes. (17.10.)

Die Abwärtsspirale krimineller Karrieren ist auch Gegenstand des Films DIE VON DER STRASSE (1980), den Micky Kwella zusammen mit Jugendlichen eines Berliner Jugendfreizeitheims produzierte. Es sollte kein "Problemfilm" entstehen, sondern rein deskriptiv gezeigt werden, "wie man so in die Scheiße reinrutscht, und was passiert, wenn man erwischt wird." Der 2003 verstorbene Micky Kwella war Mitstreiter der 1977 gegründeten MedienOperative, die mit dem Medium Video zu vielerlei politischen, sozialen und padagögischen Themen arbeitete. Unter der Programmleitung von Kwella richtete die MedienOperative 1988 das erste VideoFilmFest aus, dessen Nachfolger die heutige transmediale ist. (25.10.)

CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (Ulrich Edel, 1981) ist die Verfilmung der von zwei Stern-Reportern publizierten Geschichte der Christiane F., die mit zwölf anfing, Drogen zu nehmen, und mit 13 zur Prostituierten wurde. Nicht nur, dass alle Schüler in der Bundesrepublik die Lebensgeschichte der Christiane F. zu lesen bekamen, der Kultstatus des Films basiert zugleich auf der Musik und einem Konzertausschnitt von David Bowie. (21.10.)

Die Filme des Kurzfilmprogramms 6 spielen mit der Darstellung und künstlerischen Unterwanderung von Normalität und bürgerlicher Konvention, inszenieren aber auch die Abgründe des Sich-Verweigerns: EIERMANNS ABENTEUER (Klaus Dörries, 1984), 60CM ÜBER DEM ERDBODEN (Andrea Hillen, 1984), TAPETE (Die Tödliche Doris, 1983), DER GRÖSSTE FEIND (Frieder Weber, 1987), WAS FÜR EIN GEFÜHL (Bernhard Föll, 1983) und NIEMAND SIEHT DIE BLINDSCHLEICHE (Die Tödliche Doris, 1981). (22. & 30.10.)

Mit opulenter Fantasie und dem Spiel mit Geschlechterrollen führen Ulrike Ottingers maßgeblich in West-Berlin entstandenen Filme der frühen 80er Jahre einen frontalen Angriff auf die Sehgewohnheiten des Zuschauers. In DORIAN GRAY IM SPIEGEL DER BOULEVARDPRESSE (1984) spielt Veruschka von Lehndorff die Figur eines narzisstischen Dandys, der in die Fänge eines Medienkonzerns gerät. Durch totale Überwachung und skrupellose Manipulationen soll Gray zu einem Geschöpf mutieren, das zum Medium der für ihn geschaffenen Sensationen und Katastrophen taugt. (10.10.)

Der essayistische Spielfilm ECHTZEIT (Hellmut Costard, Jürgen Ebert, 1982) stellt eine frühe Reflexion über die Symbiose von Computergrafik und Militärtechnik dar, über die Wirklichkeitsverluste, die die Elektronik über die moderne Welt brachte. Dokumentarische Aufnahmen von barocken Treppenhäusern, simulierten Landschaften auf Monitoren und der Produktion von Computerteilen verschränken sich mit der bildlich teilweise stark abstrahierten Spielhandlung eines Paares, das sich in einem virtuellen Raum wiederfindet. Sobald sich der Pixelschleier über dem Bild der gemeinsamen Wohnung hebt, öffnet sich der Blick auf die Räumung eines besetzten Hauses in Kreuzberg. (19.10.)

Trotz der sich ankündigenden Computerisierung steckten die 80er Jahre noch tief im Zeitalter der analogen Medien. Texte wurden auf Schreibmaschine getippt, der Schwarz/Weiß-Kopierer war das gängige Medium zur Vervielfältigung. Im Bereich der filmischen Medien wurde im Laufe der 80er Jahre Video immer erschwinglicher; man experimentierte vor allem an der dffb mit Blue-Box-Verfahren und der Palette analoger Effekte. Das Kurzfilmprogramm 9 zeigt Super-8-Filme und Videos, die das Verhältnis von Realität und Virtualität thematisieren, vom Spiel mit Wahrnehmungsmustern über die Synthese von Körper und Maschine bis hin zum unendlichen Bilderstrom der Informationsgesellschaft: 90 GRAD IN BERLIN (Rotraut Pape, 1980), COMPUTER BILD (Axel Brand, Anette Maschmann, 1981), COPY ROMANCE (Torsten Alisch, 1986), ZEICHENLEERE (Friederike Anders, 1984), STURZ (Manfred Hulverscheidt, 1985), FRANKENSTEINS SCHEIDUNG (Monika Funke Stern, 1984), RONDO GRAVITAT (Anka Schmid, Tania Stöcklin, 1986) und NARCOLEPSI (Brigitte Bühler, 1982). (28.10. & 5.11.)

Gusztáv Hámos' DER UNBESIEGBARE (1985) analysiert den Mythos des modernen Helden und seiner unzähligen Reproduktionen im Kino Hollywoods. Der Film changiert zwischen zwei zunehmend ineinandergreifenden Ebenen: den comichaften Sci-Fi-Abenteuern des Superhelden Harry Cane und einem an einschlägigen Orten West-Berlins gedrehter Thriller auf der Jagd nach der Katharsis des heroischen Todes. DER UNBESIEGBARE ist eine Koproduktion der dffb und des Kleinen Fernsehspiels des ZDF. Das Kleine Fernsehspiel war in den 80er Jahren für viele das Sprungbrett zur ersten größeren Produktion, nicht nur für Absolventen der dffb, sondern auch für unabhängige Super-8-Filmer wie Knut Hoffmeister oder Klaus Dörries und Rainer Grams. Die hierbei entstandenen und ausgestrahlten Filme sprechen von einer Ära im deutschen Fernsehen ohne Quotendruck und striktes ästhetisches Regelwerk. (30.10.)

Zum Abschluss des Hauptteils der Reihe zeigen wir Horst Markgrafs Film POCHMANN (1989), mit dem jungen Oskar Roehler in der männlichen Hauptrolle. Mit seinen betörenden Bettszenen und langen Streifzügen durch ein düster-kaputtes Berlin stellt auch dieser Film ein Juwel seiner Zeit dar. Mit einem weiteren Film von Horst Markgraf, EX + POP (1987), setzen wir den Abend im Ex 'n' Pop fort. EX + POP dokumentiert eine Nacht im alten Ex 'n' Pop der 80er Jahre. Danach läuft ein Programm mit Musikclips u.a. von Klaus Beyer, Einstürzende Neubauten, Depeche Mode und Die Ärzte, zusammengestellt von EYZ Media. Wolfram Jacobs Super-8-Film RAPID EYE MOVIE (1987) unterlegt hingegen eine Montage des Berliner Neon-Nachtlebens mit einem Mix des damals noch unbekannten DJs WestBam, der den Sound der 90er Jahre vorwegnimmt. (31.10.)

Für das als solches klassifizierte Lebensgefühl im West-Berlin der 80er Jahre spielten Punk, New Wave oder auch die Neue Deutsche Welle eine maßgebliche Rolle. Das 1978 eröffnete S.O. 36 in der Oranienstraße zählt zu den legendärsten Orten, an denen vor allem Berliner Gruppen auftraten. Manfred Jelinskis Dokumentation SO WAR DAS S.O. 36 (1984) wird während der gesamten Reihe in der Black Box des Arsenals zu sehen sein. (8.10.–7.11., täglich 18.30 – 23.00 Uhr).

Wir bedanken uns bei allen, die uns bei der Recherche und in Gesprächen behilflich waren und uns ihre Kenntnisse und Filme zur Verfügung gestellt haben. (Stefanie Schulte Strathaus und Florian Wüst) – Im Anschluss an die Filmreihe ist eine Publikation vorgesehen. Die Filmreihe und die Publikation werden durch den Hauptstadtkulturfonds gefördert.