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Béla Tarr in memoriam

Béla Tarr, ein häufiger Gast des Arsenals und des Forums der Berlinale, ist am 6. Januar gestorben. In Erinnerung an den visionären Filmemacher gibt es ab März die seltene Gelegenheit, zwei seiner Filme im Kino zu sehen: SÁTÁNTANGÓ und WERCKMEISTER HARMONIAK. Die Vorführungen im Cinema Paris und im delphi LUX werden durch Einführungen und Gespräche begleitet.

Béla Tarr in memoriam ist ein Projekt von Joachim von Vietinghoff in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek und dem Arsenal Filminstitut. Die Vorführungen der Filme werden veranstaltet von der Yorck-Kino GmbH.

Ulrich Gregor über Béla Tarr:

Béla Tarr (1955-2026)

Béla Tarr ist nicht nur ein Meister der Filmgeschichte und des gegenwärtigen Weltkinos, sondern für uns auch ein Freund, er war ein häufiger Gast des Arsenals und des Forums der Berlinale. Sein Tod ist für uns und für alle Filmliebhaber ein unersetzlicher Verlust.
Béla Tarr war der Wegbegleiter unserer eigenen Arbeit seit den 70er Jahren. Damals fuhren wir in die Länder des Ostblocks auf der Suche nach Filmen für unser Festival, das Internationale Forum des Jungen Films der Berlinale. In Ungarn stießen wir auf eine sehr lebendige Filmszene und auf die Werke von Béla Tarr, die schon damals einen gänzlich neuen Ton im ungarischen Kino anschlugen.
Der erste Béla Tarr-Film, den wir im Forum zeigten, war „Verdammnis“ („Kahorzat“, 1988). Was uns an diesem Film faszinierte, waren die langen Einstellungen ("Plansequenzen" – eine stilistische Eigenart, der Béla Tarr bis zu seinem letzten Film treu bleiben sollte), die durchgehende Düsterkeit, die metaphorische Grundebene hinter der Handlung, und es gab schon Sequenzen, die sich unvergesslich einprägten.
Danach folgte 1994 eines der größten filmischen Meisterwerke, "Satanstango" („Sátántangó“), die 7 Stunden und 16 Minuten lange Verfilmung eines Romans von Laszlo Krasznahorkai. "Satansstango" ist eine Parabel über falsche Propheten und den Niedergang der Menschheit. Es gibt in diesem Film Szenen, lange Einstellungen, die man als unvergesslich zitieren könnte: die Anfangssequenz, als Kühe ihren Stall verlassen und eine endlos scheinende schlammige Ebene durchqueren, oder die Szene in einer Kneipe mit einer endlos sich repetierenden Akkordeon-Musik.
„Satanstango“ konnten wir in Budapest in einer Arbeitskopie sehen, der Ton war noch separat, nach jeder Rolle trat eine Pause ein, in der man sich stärken, Kaffee trinken und Gespräche führen konnte. Auf diese Weise verbrachten wir mit der Sichtung dieses Films einen ganzen Tag. Mir schien schon damals, dass dies die beste Art sei, um einen Film wie „Satanstango“ anzusehen. Erst unlängst erbat sich Bela Tarr, aus Anlass eines Jubiläums, eine erneute Aufführung des Films im Delphi mit Einführung und Diskussion, so wie 1994 im Forum.
Es ist bezeichnend für Béla Tarr, dass die Substanz und der Ausdrucksgehalt seiner Filme sich in Bildern und Bildfolgen kristallisiert, weit mehr als in Handlungsabläufen oder Dialogen. Das gilt auch für die Schlusssequenz aus "Satanstango", wo man sieht, wie von innen ein Fenster stückweise mit Brettern vernagelt wird. Noch keinen Film sah man, der den Zuschauer derart stark am Geschehen beteiligt, ihn in eine Welt hineinführt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.
Das ist die düstere, aber prägnante und eigenwillige Weltsicht des Béla Tarr, die so etwas wie ein kondensiertes Abbild des Zustands der Menschheit liefert. Béla Tarrs letzter Film "Das Turiner Pferd", den Tarr 2011 drehte, nach „Die Werkmeisterschen Harmonien“ (2000) und „The Man from London“ (2007), geht noch einen Schritt weiter in seiner Radikalität. Dieser Film zwingt den Zuschauer, über sich selbst und den Zustand der Welt, über Vergangenheit und Zukunft, über den Tod und das Ende der Zivilisation nachzudenken.
Wohin führt uns das Werk von Béla Tarr, was für Ausblicke eröffnet es uns?
Was bleibt, ist das Beispiel für eine kompromisslose künstlerische Arbeit, das Béla Tarr mit seinen Filmen liefert. Das ist die formale Strenge seiner Filme, das ist ihre visuelle Konzentration und Verdichtung, ihre Radikalität im Aussprechen eines Befunds über den Zustand der Menschheit, die "condition humaine".
Béla Tarr liefert keine wie auch immer geartete Botschaft. Aber seine Filme sind glasklare und geschlossene künstlerische Konstruktionen, so dass dieses Werk durch seine Handschrift und durch die mitreißende, perfekte Gestaltung einen Gegenentwurf zum ansonsten düsteren Bild unserer Welt darstellt.
Ulrich Gregor

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