Jean Eustache (1938–1981) ist, neben Maurice Pialat, der bedeutendste Regisseur der unmittelbar der Nouvelle Vague nachfolgenden Generation – und zeitlebens ein Außenseiter des französischen Filmbetriebs geblieben. Sein Werk ist ebenso schmal wie reich und heterogen. In den 18 Jahren seines Filmschaffens hat Eustache zwölf Filme gedreht: Spiel- wie Dokumentarfilme, Filme, die populär sein wollten, ebenso wie solche mit eher experimentellem Charakter; kurze Filme, mittellange, lange und ganz lange. Keiner davon hat eine für die kommerzielle Verwertung wichtige Länge von 80 bis 120 Minuten. Nicht zuletzt deshalb konnte Eustache nie den wichtigen Platz im französischen Kino einnehmen, den Kritiker bereits seit seinem ersten Film für ihn vorgesehen hatten.
DU CÔTÉ DE ROBINSON von 1963 orientiert sich noch an Vorbildern der Nouvelle Vague und ist doch bereits die Einführung in sein ganz eigenes Universum, das nüchtern, melancholisch – und humorvoll ist. Im Gegensatz zu den oft im Kleinbürgertum situierten Filmen der Nouvelle Vague zeigt Eustache ein atmosphärisch genau geschildertes proletarisches Milieu. Als Kind eines Maurers und einer ungelernten Näherin war er der erste französische Filmemacher, der keinen bürgerlichen Hintergrund hatte – ein Umstand, der sich in seinen Filmen ausdrückt. Die Protagonisten der Spielfilme sind Außenseiter, Verlorene, die gern dazu gehören möchten – oder auch nicht. Dabei hält Eustache zu seinen Figuren, die die Geschichte zum Teil aus der Ich-Perspektive erzählen, Distanz und versucht nicht, die Zustimmung des Publikums zu gewinnen.
Wir nehmen die Veröffentlichung der ersten DVD-Box in Deutschland durch Grandfilm und den damit einhergehenden Kinostart der Mehrzahl seiner Filme zum Anlass, Jean Eustaches Werk erstmals seit unserer Retrospektive im Jahr 2005 wieder in Berlin zu präsentieren. Zur Eröffnung zeigen wir die beiden ersten halblangen Filme Eustaches, die 1967 unter dem Titel LES MAUVAISES FRÉQUENTATIONS zusammen ins Kino kamen. Vorab läuft LA SOIRÉE (1963), der Fragment gebliebene erste Film Eustaches. (Hans-Joachim Fetzer)
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