Sa 26.09.
17:00
Kino
Arsenal
zu dem KalenderZu Gast: Lilia Ben Achour, Jere Ikongio, Drika de Oliveira
Dem tunesischen Kino mangelt es nicht an Geschichte. Es mangelt ihm an Strukturen, um diese Geschichte fortzuführen.
Im Arsenal stieß ich in der Datenbank auf rund zwanzig tunesische Titel – von professionellen Produktionen bis hin zu Amateurfilmen. Ihre Vielfalt und Streuung machten etwas sichtbar, das über das bloße Fehlen von Filmen in einem nationalen Archiv hinausging: das Fehlen eines nachhaltigen Systems zur Sammlung, Bewahrung und Weitergabe unseres eigenen filmischen Gedächtnisses.
Daraus ergibt sich eine dringendere Frage: Was geschieht, wenn die Verantwortung für das Gedächtnis einer Nation jenen überlassen bleibt, die – dem Namen nach – über die zu dessen Bewahrung notwendigen Mittel verfügen?
Für mich darf eine dekoloniale Archivpraxis nicht dabei stehen bleiben, überkommene Klassifizierungen oder Narrative zu hinterfragen. Sie muss auch danach fragen, wer über das Wissen, die Fähigkeiten und die Strukturen verfügt, das eigene Gedächtnis zu bewahren.
Wenn der Staat diese Rolle nicht wahrnimmt, ist das bloße Warten bereits eine Form des Verlusts.
Die Alternative besteht darin, sich zu organisieren: auszubilden, Wissen zu vermitteln, bestehende Praktiken zu vernetzen und ein Kollektiv aufzubauen, das fähig ist, Verantwortung für das tunesische Filmerbe zu übernehmen.
Souveränität über das Gedächtnis beginnt mit der Fähigkeit, es zu bewahren.
Phantoms of the Archive ist ein interaktives Projekt, das das Archiv des Arsenal aus einer feministischen und afrodiasporischen Perspektive (1955-75) heraus erforscht. Im Zentrum der Untersuchung stehen Nollywood, Afrika und die Karibik; dabei werden Spuren von Phantomen nachgezeichnet, um deren Abwesenheit eine Form zu geben. Ausgangspunkt sind Norma Torrado, Safi Faye, Sarah Maldoror, Sara Gómez und viele andere.
Das Projekt stützt sich auf meine Master-Forschung zu einer historiografischen Neubewertung der Frauen, die an der Cinemateca do MAM – einer fast 80 Jahre alten Institution – tätig waren. Ziel ist es, die Namen und beruflichen Werdegänge einiger dieser Frauen, die in Geschichtsbüchern meist vergessen und unsichtbar geblieben sind, wieder sichtbar zu machen. Im Rahmen des Projekts wurden bereits seltene und bislang unbekannte Materialien erschlossen; zudem werden Interviews mit mehreren ehemaligen Mitarbeiterinnen geführt.
Lilia Ben Achour ist Archivarin, Forscherin und ehemalige künstlerische Direktorin der Tunisian Film Heritage Institution mit viel Erfahrung in der Filmrestaurierung und dem audiovisuellen Kulturerbe. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Politik der Filmarchive, die Verbreitung und Fragmentierung des tunesischen Kinos sowie dekoloniale Ansätze zur Bewahrung des Kulturerbes. Derzeit arbeitet sie an einem Forschungsprojekt zum tunesischen Filmkulturerbe, in dem sie Archivpraxis, kuratorische Arbeit und kritische Auseinandersetzung mit dem nationalen Gedächtnis miteinander verbindet.
Jere Ikongio ist Initiator und Kurator des African Film Archive, einer interaktiven Plattform über Film, die sich mit Schwarzen Menschen, Afrika und dessen Diaspora befasst. Als in Lagos und Berlin ansässiger Künstler und Organisator verbindet Jere in seiner Arbeit Medien, Performance und immersive Technologien, um sich mit Infrastruktur, Hyperidentität und marginalisierten Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Jere ist Stipendiat von Digital Earth, World Press Photo sowie der Magnum Foundation.
Drika de Oliviera ist Leiterin der Filmsammlungen der Cinemateca do MAM in Rio de Janeiro. Als Mitglied des FIAF-Exekutivkomitees gründete sie gemeinsam mit Caroline Fournier (Cinémathèque Suisse) das FIAF Gender Observatory. Derzeit absolviert sie ein Masterstudium an der Fluminense Federal University (UFF – Niterói), wo sie den Werdegang von Frauen in der Geschichte der Cinemateca do MAM erforscht.
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