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Archival Assembly #4 – Archives, otherwise

Die 4. Ausgabe des Festivals Archival Assembly findet erstmalig im neuen Kino Arsenal statt. Restaurierungen, neue Filme, Installationen und Projektpräsentationen sind eingebettet in ein Symposium, das dazu einlädt, den Begriff des Filmerbes im Licht der Gegenwart neu zu denken.
Archives, otherwise ist eine Einladung, Filmerbe als imaginiertes Erbe zu betrachten. Durch seine internationale Programmarbeit im Arsenal und im Forum enthält das Arsenal-Archiv Filme aus vielen Ländern der Welt. Dadurch unterscheidet es sich von staatlichen Archiven, deren Auftrag es ist, das jeweils nationale Filmerbe zu be­wahren. Betrachtet man alle Filme im Arsenal-Archiv als ein Ganzes – was wäre dann die Erbschaft? Was verbindet sie? Sie alle wollten einmal etwas neu, etwas anders machen, inhaltlich, ästhetisch oder formal. Daraus lassen sich unzählige Verwandtschaftsbeziehungen ableiten, was neue Konzeptionen von Filmerbe ermöglicht, die auch für regionale und nationale Filmarchive von Bedeutung sind.

Das deutsche Wort „Erbe“ vereint die Bedeutungen von heritage, inheritance und inheritor – Erbe, Erbschaft und Erb*in zugleich. Wer erbt was von wem, wie und zu welchem Zweck? Seit über 200 Jahren lautet die vorherrschende Antwort: Bürger*innen eines Nationalstaats erben von früheren Generationen materielle Objekte (auch angeeignete) und immaterielle Praktiken, vermittelt durch Tradition und Institutionen wie Museen und Festivals, um ein Gefühl gemeinsamer Vergangenheit und Zukunft zu stiften. Kulturerbe schafft damit eine Form imaginärer Verwandtschaft, die Generationen über Zeit und Raum hinweg verbindet – eine Verwandtschaft, die europäische Nationalstaaten im 19. Jahrhundert über Sprache, Ethnizität und Territorium zu naturalisieren suchten, um Zugehörigkeit einzufordern und andere auszuschließen.

Was aber, wenn diese Verwandtschaft nicht als gegeben verstanden wird, sondern als etwas, das immer wieder neu hergestellt werden kann? Das Arsenal ist ausdrücklich bestrebt, filmisches Erbe aus Ländern des „globalen Südens“, das in vielen Fällen verloren oder nicht zugänglich ist, dorthin zurückzubringen. Doch überall in der Welt entstehen durch die Beschäftigung mit ähnlichen Themen und Erfahrungswelten imaginäre Erbgemeinschaften. In Zeiten wiedererstarkenden Ethnonationalismus und neuer imperialer Ambitionen eröffnet eine kritische Perspektive auf das Filmerbe als imaginäre Erbschaft neue Denkräume für Formen von Welt- und Archivbildung jenseits nationalstaatlicher Staatsbürgerschaft. Archival Assembly #4 – Archives, otherwise nimmt Archive und archivarische Praktiken in den Blick, die alternative Antworten auf die Frage, was von wem, wie und zu welchem Zweck geerbt wird, Gestalt geben, um Verwandtschaftsbeziehungen produktiv neu zu erfinden.

So bildet das Londoner Projekt UNREST, das sich mit Fragen von Restitution und Zugang auseinandersetzt und dabei Formen des Archivierens und der Zirkulation jenseits nationalstaatlicher Ordnungen erkundet, den Auftakt des Symposiums. Das Zürcher Projekt „Paranationales Kino – Vermächtnisse und Praktiken“ stellt das Abschlusspanel, das für filmische und archivarische Praktiken, die über die Kategorie des Nationalstaatlichen hinausgehen, den Begriff „paranational“ einführt.

Das Festival eröffnen wir mit der Restaurierung von KADDU BEYKAT (Nachrichten aus dem Dorf, Senegal 1975) von Safi Faye, die im August in Locarno Premiere hatte. Zu weiteren neuen Restaurierungen zählen Filme von Hussein Shariffe, Atteyat Al-Abnoudy, Flora Gomes sowie Christine und Kurt Rosenthal. Außerdem sind neue Arbeiten von Angela Melitopoulos und Kerstin Schroedinger, Rosa Barba, Anastasiia Bergalevich und Ebimoboere Ibinabo zu sehen. Darüber hinaus gibt es Einblicke in Archivprojekte, Solidaritätsnetzwerke und Technologien filmischer Verwandtschaft.

Dass Archival Assembly erneut durchgeführt werden kann, verdanken wir unserem breiten und solidarischen Netzwerk. Hauptpartner sind die Goethe-Universität Frankfurt/Main, die Cinémathèque suisse sowie das Goethe-Institut mit einem einzigartigen Residency-Programm: Neun AA#4-Teilnehmer*innen sind bereits ab August in Berlin: Drika de Oliveira (Rio de Janeiro), Lilia Ben Achour (Tunis), Touda Bouanani (Rabat), Petna Ndaliko Katondolo (Goma), Didi Cheeka (Lagos), Wua-Ling Wu (Taiwan), Jere Ikongio (Berlin), Samuel Bich (Berlin), Beatrice Zerbato (Palermo). Weitere Partner sind die ­Johannes Gutenberg-Universität Mainz, das King’s College London und die Universität Zürich. Unterstützt wird Archival Assembly #4 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das TNB-STEP-Programm des DAAD. (Stefanie Schulte Strathaus/Vinzenz Hediger) (25.–30.9.)

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