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Filmstill aus dem Film "Dragon Tooth" von Rafael Castanheira Parrode. Man sieht abstrakte Formen in rot und gelb.
Rafael Castanheira Parrode, O DENTE DO DRAGAO (Dragon Tooth) (Still) © Rafael Castanheira Parrode

Sa 23.07.
20:00

Aus dem Forum-Expanded-Programm gehen die Filme O DENTE DO DRAGÃO (Rafael Castanheira Parrode, Brasilien 2022) und SONNE UNTER TAGE (Alex Gerbaulet und Mareike Bernien, D 2021) den sozialen, politischen und persönlichen Langzeitfolgen der menschlichen Nutzung radioaktiver Mineralien nach. Im brasilianischen Goiânia, dem Schauplatz des größten zivilen nuklearen Zwischenfalls der Geschichte, und im Umfeld der Uranminen der Wismut-AG in Thüringen und Sachsen suchen sie nach Spuren einer unsichtbaren Gefahr mit langer Halbwertszeit: Kontaminiertes Archivmaterial, radioaktive Artefakte, Zeitzeugenberichte und der eindrückliche Umgang mit Lücken und Auslassungen zeichnen ein komplexes Bild entfesselter natürlicher wie politischer Prozesse. Lydia Nsiah richtet ihre Kamera in VS (Österreich 2021) auf einen anderen Ort, an dem sich Unsichtbarkeit wirkmächtig konzentriert: Hermetisch-unscheinbare Internet-Rechenzentren werden in einem rotierenden Bildstrudel einer unwiderstehlichen und undurchdringbaren Sog-Kraft ausgesetzt.

  • Regie

    Rafael Castanheira Parrode

  • Brasilien / 2022
    27 Min. / OmEU

  • Originalsprache

    Portugiesisch, Englisch

O dente do dragão

Nachdem er den Drachen getötet hatte, setzte Cadmus den blauen Fluch frei, der sich wie Staub über die Stadt ausbreitete. 
Der zweitgrößte Atomunfall der Welt ereignete sich in Goiânia, der Hauptstadt von Goiás in Brasilien. Im September 1987 fanden zwei Schrottsammler in einer stillgelegten Klinik – dem Institut für Strahlentherapie von Goiânia – ein altes Radiotherapiegerät. Aus Neugierde an dem Apparat brachten sie es zu einem Schrottplatz, wo sie es zerlegten und auf eine Kapsel mit einem blauen, im Dunkeln leuchtenden Pulver stießen. Von dieser Nacht an verbreitete sich die Strahlung unbemerkt in der Stadt und vergiftete mehr als hundert Menschen, wodurch tiefe Wunden und Traumata hinterlassen wurden. Aus einer Collage kontaminierter Bilder erscheinen radioaktive Gespenster, die in die Geschichte dieses Ortes eingeschlossen sind.

  • Regie

    Alex Gerbaulet, Mareike Bernien

  • Deutschland / 2021
    39 Min. / OmEU

  • Originalsprache

    Deutsch

Sonne Unter Tage

Ein Schotterweg am Dorfrand, durch Felder hindurch bis zum Zaun, eingezeichnet in die Karte ehemaliger Uranabbaugebiete in Sachsen und Thüringen. Die sowjetische Aktiengesellschaft SAG Wismut baut dort von 1946 bis 1990 Uran für das Atomwaffenprogramm der UdSSR ab. Oben strahlt der Sozialismus in die Zukunft, aus der aufgerissenen Erde strahlt ein uraltes Gestein. Die DDR-Umweltbewegung wirft ein Schlaglicht auf den Weg. Nacht. Dunkelheit. Eine Gruppe von Menschen, eine Taschenlampe, ein Röntgenstreifen wird im Schotter vergraben. Der Boden belichtet den Film, hinterlässt eine Spur seiner unsichtbaren Strahlen. Der Film SONNE UNTER TAGE folgt dieser Spur horizontal durch die heutigen, von Abbau und Sanierung geprägten Landschaften und vertikal durch den Boden als Archiv. Tiefenbohrungen durch Raum und Zeit spüren den sedimentierten Narrativen nach, die das Element Uran materiell, metaphorisch und geopolitisch umgeben. Wie sucht es die Landschaften heim? Wie verbindet es sich mit dem Geist des Sozialismus? Welche Biografien umlagern seine Ausgrabungsstätten? Wie strahlt es in seinen Aufzeichnungsmedien nach? Wie lässt sich das Spektrum des Sichtbaren verschieben, um seine unsichtbare Strahlung ins Bild zu bringen, sie hörbar oder spürbar zu machen?

  • Regie

    Lydia Nsiah

  • Österreich / 2021
    8 Min. / Ohne Dialog

vs

VS (oder „virtual spiral“) beschäftigt sich mit den Dynamiken zwischen Körper und Zeit im Film. Digitales Video und abgelaufener 16-mm-Film bilden das Ausgangsmaterial für die audiovisuelle Transformation des Prozessualen von Zeit und (Film-)Körper durch spiralbewegte Kamerafahrten. Gegenläufige Bewegungen, Distanz und Nähe oder auch Tiefe und Oberfläche führen hier einen ständigen Dialog. Die Spirale zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Für den Effekt der Spiralbewegung hat Lydia Nsiah eine Kamerafahrt-Apparatur erfunden, deren Bewegungen sie während der Filmaufnahme live gesteuert hat. Im Bild: Found Footage-Aufnahmen von Datenzentren, den physischen Körpern unserer allgegenwärtigen und gleichzeitig ephemeren Data Cloud. Der von Hui Ye komponierte Sound stellt den hypnotischen, spiraligen Datenkörperbildern einen immersiven Klangraum gegenüber.

Gefördert durch:

  • Logo des BKM (Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien)
  • Logo des Programms NeuStart Kultur