Im Wintersemester 2006/07 wird Fernando Pérez, der renommierteste und bekannteste Regisseur Kubas, als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der FU Berlin eine Reihe von Veranstaltungen und Seminaren geben. Wir freuen uns, dass er im (fast) wöchentlichen Turnus immer donnerstags im Arsenal eine Reihe seiner eigenen, aber auch andere kubanische Filme präsentieren wird. Pérez wurde 1944 in Havanna geboren und begann bereits 1962 während seines Sprach- und Literaturstudiums an der Universität von Havanna als Produktionsassistent und Übersetzer im kubanischen Filminstitut ICAIC (Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos) zu arbeiten. Pérez drehte zahlreiche Dokumentarfilme, bevor 1987 sein erster Spielfilm entstand. Seine beiden letzten Filme LA VIDA ES SILBAR (Das Leben, ein Pfeifen, 1998) und Suite Habana (2003) zählen zu den Meilensteinen des kubanischen Kinos. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur lehrt er an der kubanischen Filmhochschule und an der Universidad de la Habana.
Wir eröffnen die Reihe mit Pérez' Liebeserklärung an Havanna: LA VIDA ES SILBAR (Das Leben, ein Pfeifen), einem Film, der zwischen Drama und Komödie oszilliert. In Anlehnung an die Traditionen des Mysterienspiels, des absurden Theaters sowie des Surrealismus' entwickelt Fernando Pérez drei parallele Geschichten aus dem real existierenden Alltag von Havanna. Elpidio, ein jugendlicher Kleinkrimineller, verliebt sich in eine Ausländerin; Mariana, eine junge Tänzerin, will Karriere beim Ballett machen, und Julia, eine Altenpflegerin, hat unerklärliche Ohnmachtsanfälle. Kontrastiert werden diese drei Handlungsstränge mit einer feenähnlichen Frauengestalt, die den drei Personen zu ihrem Glück verhelfen will. (9.11.)
HELLO HEMINGWAY (1990) ist weniger eine Literaturverfilmung als vielmehr eine Lektüre Pérez' sehr persönliche Lektüre von Hemingways Schlüsselwerk "Der alte Mann und das Meer". Der Film spielt um 1958: Hemingway lebt auf Kuba und der kubanische Diktator Batista ist kurz davor, gestürzt zu werden. Im Mittelpunkt steht die Schülerin Larita, die in ärmlichen Verhältnissen in nächster Nachbarschaft zu Hemingways Villa lebt. Sobald sie die Schule abgeschlossen hat, will sie der Enge ihrer familiären Verhältnisse entfliehen und hofft auf ein Stipendium für ein Studium in Amerika. Um die notwendige Bürgschaft will sie ihren Nachbarn Hemingway bitten. In Pérez beeindruckendem Film über den sozialen und persönlichen Aufbruch im Kuba Ende der 50er Jahre verschmelzen Privates und Politisches zu einer glaubhaften Einheit. (23.11.)
Auch in MADAGASCAR (1994) bilden Kuba und Havanna den Hintergrund. Die kubanische Hauptstadt hat bessere Tage gesehen. Dennoch haben die Menschen die Hoffnung und das Träumen noch nicht aufgegeben. Ihr Lebenselixier heißt: Illusion. Angelpunkt der Geschichte sind eine Physikprofessorin, für die es trotz ihrer wissenschaftlichen Leistungen keinen Platz mehr gibt, und ihre Tochter, die in religiöser Weltverlorenheit schwelgt und sich nach einem imaginären Ort namens Madagaskar sehnt. Beide befinden sich ständig im Aufbruch, ziehen pausenlos von einem Ort zum anderen. Doch ihre äußere Mobilität ist in erster Linie ein Zeichen ihrer inneren Unbeweglichkeit. Eine schmerzliche Bestandsaufnahme mit offenem Ende. Als Vorfilm läuft OMARA (1983), Pérez' Porträt des legendären kubanischen Stars Omara Portuondo. (30.11.)
In Zusammenarbeit mit dem Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der FU Berlin, dem S. Fischer Verlag und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.

