Seit Ende Oktober widmet das Guardini-Kolleg Gespräche, eine Ausstellung und Filmvorführungen dem Thema "Erinnern. Vergessen – Individuelle Erinnerung in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts". Das Kino stellt die Frage nach der Darstellung individueller Erinnerung besonders radikal. Denn immer noch gilt die weit verbreitete Meinung, Film und Video garantierten den unverfälschten Blick auf Ereignisse und besonders auf jene, die lange zurückliegen und über die uns heute niemand mehr Auskunft geben kann. Im Oktober zeigten wir drei Filme aus den 40er, 60er und 70er Jahren und damit Handschriften dreier Regisseure (Welles, Resnais, Fechner), die der Herausforderung der Visualisierung von Erinnerungsarbeit mit innovativen dramaturgischen Mitteln begegneten. Die Filmreihe wird nun mit drei weiteren Vorführungen und einem Vortrag fortgesetzt, wobei die Problematik der Authentizität des individuellen Erinnerungsakts bzw. dessen Abbildung jeweils unterschiedlich aufgefasst wird und überraschende Visualisierungen erfährt.
Auf der Suche nach "unbenutzten Bildern" sichteten Eyal Sivan und Audrey Maurion mehrere hundert Stunden Archivmaterial – darunter erstmals veröffentlichte Bild- und Tondokumente der Staatssicherheit – und montierten daraus einen dichten Essay über das Selbstbild eines Stasi-Majors. Leitfaden ist der Bericht des ehemaligen Stasi-Offiziers S., aufgeschrieben am letzten Tag seines Dienstes "zum Wohle des Volkes". AUS LIEBE ZUM VOLK (D/F 2003) ist der gelungene Einblick in das Selbstverständnis eines Apparats und dessen Allmachtsfantasie, "alles sehen und wissen zu wollen". Das historische Interesse tritt hinter die von den Filmemachern vertretene These des "Analogiegedächtnisses": Die Darstellung von Geschichte birgt stets Entsprechungen zur Gegenwart (6.12.).
Für filmische Reflexionen zum Thema Erinnern und Vergessen eignet sich vor allem auch der Kurzfilm. Sechs Filme, die die Problematik des Erinnerns und seiner bildlichen Darstellung in ihre filmische Struktur eingeschrieben haben, hat Angela Haardt für dieses Programm ausgewählt. Das Erinnerte wird hier nicht erzählt, sondern es wird seiner gedacht. Vergangenes wird evoziert und zugleich die Distanz dazu verdeutlicht. Identifikation wird so verhindert, stattdessen eine uns aufgegebene Reflexion provoziert. THE MARCH (Abraham Ravett, USA 1999), KONZERT FÜR MILLIONEN (Daniel Kutschinski, D 1992), IN MEMORY (Amar Kanwar, Indien 2003), LES MAINS NÉGATIVES (Marguerite Duras, F 1979), SOVJETSKAJA ELEGIJA (Aleksander Sokurow, UdSSR 1989) (13.12., mit Vortrag)
Für den japanischen Regisseur Kore-eda Hirokazu ist Authentizität nichts weiter als Dekoration. Eine Gruppe Verstorbener versammelt sich im Vorzimmer zum Jenseits. Während ihres Aufenthalts auf der Transitstation zwischen Himmel und Erde wählen sie eine Erinnerung, die mit Schauspielern, Kostümen und Requisiten nachgestellt und von einer Kamera aufgezeichnet wird. Nachdem die persönliche Erinnerung "abgedreht" ist, wird sie auf großer Leinwand dem Toten noch einmal vorgeführt. Er wird endgültig ins Jenseits entlassen. AFTER LIFE (Japan 1998) heißt dieses Filmmärchen und erzählt uns von der Seelenverwandtschaft zwischen Erinnern und Filmemachen. Der Regisseur verweist hier gleich auf das Metaphysische, wo – wie in der Kunst – objektive Wahrheit keine Rolle spielt. Verpflichtet ist jeder allein sich selbst, den persönlichen Erinnerungen und seiner emotionalen, inneren Wahrheit (20.12.). (Laetitia von Baeyer)
Ein Jour Fixe in der Guardini-Galerie begleitet die Filmreihe. Eine Kooperation mit der Guardini Stiftung.

