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Erst vor kurzem erschien im Berliner Aufbau-Verlag ein Buch des renommierten Autors und Filmwissenschaftlers Wolfgang Gersch, "Szenen eines Landes - Die DDR und ihre Filme". Das Buch spürt dem Werden und Vergehen der DDR in legendären wie vergessenen Filmen der DEFA nach. Die Aufmerksamkeit des Autors gilt den ideellen Positionen, den frühen Utopien, die zur Propaganda verkamen, den Reformideen und ihrem Untergang, dem neuen Ich-Bewußtsein, den großen Enttäuschungen, dem Abschied von den Utopien und dem Widersetzlichen, sofern es möglich war. Eine Filmgeschichte der etwas anderen Art, die vom Innenleben des verschwundenen Landes, seinen Visionen und Verwerfungen erzählt.

Das Buch beschäftigt sich im gleichen Maße mit den Filmen wie mit der Geschichte eines Landes und entwickelt daraus eine besondere, eigenwillige Methode der Filmgeschichtsschreibung. Man liest das Buch von Wolfgang Gersch mit Anteilnahme und mit wachsender Faszination. Es will "eine Sehhilfe sein für zeitgeschichtliche Zusammenhänge wie für verdeckte Botschaften engagierter Künstler" (Wolfgang Gersch).

Wir freuen uns, am 21.4. das Buch in Anwesenheit von Wolfgang Gersch vorstellen zu können. Dazu zeigen wir ein Programm mit DEFA-Spielfilmen. Aus der Fülle der von Gersch diskutierten Filme haben wir vier Beispiele ausgesucht, in deren Mittelpunkt jeweils Frauenfiguren stehen.

Utopie und Proganda: FRAUENSCHICKSALE (Slatan Dudow 1952). "FRAUENSCHICKSALE erzählt, wie eine junge Frau, die im KZ gewesen war, auf einen geschniegelten Don Juan hereinfällt; wie Anni, eine kleine, schüchterne Näherin aus Westberlin, wehrlos und voller Angst sich ihm ergibt; wie die abenteuerlustige Renate auf dem Rummelplatz mit ihm anbandelt; und wie die Kommunistin Hertha das Kind, das sie in den Nachkriegswirren angenommen und wie ihr eigenes aufgezogen hat, an dessen Mutter verliert... Auf eine soziale Utopie wird angespielt, die nicht ins Leere ging. Denn zu dem, was in der DDR gelang, gehörte die wachsende Selbständigkeit der Frauen. Aber die Beschädigung der Unabhängigkeit lieferte Dudows Film gleich mit, indem er Denkgebote und Kollektivzwänge als Bedingungen des Systems ins Spiel brachte." (21.4.)

Reformwille und Verbot: KARLA (Hermann Zschoche, 1966/90). "Eiszeit in Babelsberg. Vor dem 11. Plenum der SED begonnene Filme werden 1966 abgebrochen, manche erst zensorisch verstümmelt und dann doch verboten. In KARLA wird der vereinte Reformwille deutlich, der das Gros der 'Verbotsfilme' veranlasst hatte, der Borniertheit der Dogmatiker eine eigenständige Bereitschaft für das Land entgegenzuhalten und Bündnisse mit einsichtsvollen Altkommunisten zu schmieden. Die Absolventin Karla dankt eingangs auf der Abschlußfeier der Pädagogischen Hochschule in ihrer Rede nur der Sekretärin, den Heizern, dem Koch und den Küchenfrauen. In dieser Unterwerfung steckte aber auch, für manchen jedenfalls, eine Heilserwartung, die sich ein proletarisches Idealbild zurechtgelegt hatte. Die von Karla vertretene Utopie, 'daß das Leben leichter, anmutiger und fröhlicher wird', gerät so auf eine illusionäre Bahn, die freilich durch das artifizielle und doch sinnliche Spiel Jutta Hoffmanns eine seltene Schönheit gewinnt." (22.4., in Anwesenheit von Herrmann Zschoche)

Traum von Freiheit: DIE SCHLÜSSEL (Egon Günther, 1974). "Voller Mißtrauen sah die SED auf Egon Günthers Film DIE SCHLÜSSEL, der etwa zeitgleich mit "Paul und Paula" entstand und bezeichnenderweise von einer ähnlichen Konstellation ausging, die das Szenario von Helga Schütz vorgab: Wiederum liebt eine selbstbewußte, unabhängig denkende junge Frau einen Mann, der für die Normierung der DDR-Gesellschaft steht. Und wiederum findet durch den Tod der jungen Frau eine Läuterung des Mannes statt. Das war nichts weniger als der Wunsch nach Toleranz und Sensibilität, aber beides waren Unworte für die SED. Das junge Paar Ric und Klaus reist aus der DDR für einen Urlaub nach Kraków. Spontan und selbstsicher bewegt sich die junge Frau in der fremden Umwelt, deren reichere Farbigkeit und freiere Mentalität ihr gefällt. Die Polen sind 'lockerer', sagt sie. Damit kann sich der Freund nicht zufriedengeben: 'Wir haben hier noch nichts Bleibendes gemacht.' Ihr Dissens hat weniger damit zu tun, daß er Student und sie eine Arbeiterin ist. Was die beiden trennt, waren die – quer durch das Land gehenden – gegensätzlichen Reaktionen auf die herrschende Ideologie, die das wirkliche Leben domestizierte und die Aufstrebenden zur Anpassung zwang." (24.4., in Anwesenheit von Egon Günther)

Geschichten vom sozialistischen Alltag: DAS FAHRRAD (Evelyn Schmidt, 1982). "Susanne, eine alleinstehende Frau mit Kind, kommt mit den kläglichen Bedingungen, die ihr das Leben bietet, nicht zurecht. Sie begeht eine Betrügerei und stößt einen ordentlichen Mann von sich, weil seine Hilfe mit dem opportunistischen Geist der Beschwichtigung verbunden ist. Vor allem aber ihre 'Haltung zur Arbeit' wurde von der ziemlich gereizten Kritik als 'befremdlich' empfunden. Die Heldin gibt ihre stumpfsinnige, laute Arbeit an einer Stanze auf und läuft schreiend aus der vorsinflutlichen Fabrikhalle: 'Macht doch Euren Dreck alleine hier.' Es war das erste Mal, daß in einem DEFA-Spielfilm eine in der DDR verrichtete Arbeit als häßlich, widerlich, zum Davonlaufen gezeigt wurde. Die 'soziale Sicherheit', der heute oft nachgetrauert wird, war nicht zuletzt an erbärmliche Arbeitsbedingungen gebunden, die im technologischen Rückstand der DDR, in der Verkommenheit vieler ihrer Produktionsanlagen ihre Ursache hatten... Und so erzählt DAS FAHRRAD, mehr tastend als deutend, wie es um jene in der DDR bestellt war, die aus dem Rahmen fielen." (Texte zu den Filmen: Wolfgang Gersch) (26.4., in Anwesenheit von Evelyn Schmidt)

Mit Dank an den Aufbau-Verlag und die DEFA-Stiftung.

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