Speed alias Amphetamin erlebte als Medikament gegen das massenhafte Auftreten der "psychischen Normabweichung" ADHS und als illegale Neuauflage in Form des Rauschmittels "Crystal" in den vergangenen Jahren ein Comeback. Hinter der mittlerweile 75 Jahre anhaltenden Karriere der Droge lässt sich auch eine erstaunliche Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts erkennen. Sie handelt von Beschleunigung, Produktivitätssteigerung, Grenzüberschreitung in der Kreativität und Körpergestaltung. An ihren Schauplätzen, zu denen immer wieder das Kino zählte, wird deutlich, warum eine Gesellschaft, die auf Konsum, Leistungssteigerung und Krieg beruht, nur unter Drogen funktionieren kann. Ein kleines Programm von fünf Filmen zeigt die mannigfaltigen Manifestationen von Amphetaminen. Zusammengestellt wurde das Programm von Hans-Christian Dany, Autor des Buches "Speed. Eine Gesellschaft auf Droge", das am 29. Februar um 20 Uhr im Buchladen pro qm vorgestellt wird. Zur Eröffnung im Arsenal am 10. März wird Hans-Christian Dany eine Einführung halten.
Ständig auf Speed und auf Achse sind die Protagonisten in Jonas Åkerlunds Film SPUN (USA 2002). In seiner Gier auf neuen Stoff vergisst Ross seine Freundin gefesselt im Bett, was ihm den Zorn der "Kampflesbe" von nebenan (Debbie Harry) einträgt. Sein Dealer hat keine Ware, deshalb muss er direkt zum Drogen-Koch. Der stellt ihn erstmal als Fahrer ein, bis der Campingwagen, in dem sich das Labor befindet, explodiert. Der Film findet eine überzeugende Form für das schnelle, von Übersprüngen und Aussetzern geprägte Rauscherlebnis unter Einfluss von Crystal Meth. "Amusement at it's own apocalyptic imagination" sagte die "New York Times" dazu. (10. & 12.3.)
Den Flieger Ernst Udet, Vorlage für den General Harry Harras in DES TEUFELS GENERAL (Helmut Käutner, D 1954), hatte das Leben über den Wolken daran gewöhnt, ein strahlender Held zu sein. Um sein Versagen als mächtiger Bürokrat der Wehrmacht zu kompensieren, entwarf er fliegende Wunderwaffen. Seine bekannteste Erfindung sollte der "Stuka" werden, ein Bomber, der im senkrechten Flug nach unten die direkteste Perspektive auf das zu erobernde Gelände liefert, um den Tod punktgenau ins Ziel zu tragen. Ein Phantasma, das sich aus einem halben Dutzend Pervitin® vor dem Frühstück nährte. Käutners Film nach dem Drama von Carl Zuckmayer bügelt Udets Biografie zum tröstenden Mythos vom Deutschen, der im Dritten Reich doch nur tat, was er immer getan hatte. (13. & 15.3.)
Ins Land über dem Regenbogen führt THE WIZARD OF OZ (Victor Fleming, USA 1939). Ein kleines Mädchen wird für die Hauptrolle des Filmmusicals ausgewählt. Als die Produktion anläuft, bemerkt der Arbeitgeber, dass die pubertierende Darstellerin für den Charakter der kindlichen Dorothy körperlich zu alt besetzt wurde. Gegen weiblicher werdende Formen verschreibt der Arzt des Filmstudios Amphetamin. Er verabreicht den Appetitzügler, bis sich das Wachstum des Busens auf Null reduziert. Mit aufgerissenen Augen, die aus endloser Ferne strahlen, singt Judy Garland "Over the Rainbow", den ersten Superhit der Amphetamin-verstärkten Popkultur. (17. & 21.3.)
In DRUGSTORE COWBOY (Gus Van Sant, USA 1989) zieht eine "Familie" junger Drogenbenutzer in den frühen 70er Jahren durch den Nordwesten der USA. Medikamente, die sie aus Apotheken und Krankenhäusern entwenden, werden von ihnen mit großer Sachkenntnis zu Rauschmitteln zweckentfremdet, bis William S. Burroughs als heiliger Junkie auf Entzug ins Bild tritt. "One of the best films in the long tradition of American outlaw road movies." ("Chicago Sun Times"). (18. & 25.3.)
In Jim Jarmuschs PERMANENT VACATION (USA 1980) lässt sich der 16-jährige Allie Parker ziellos durchs Leben treiben. In Besserungsanstalten und Jugendgefängnissen aufgewachsen, wandert er durch die Lower East Side – ohne festes Zuhause, ohne Schule, ohne Arbeit und begleitet von John Luries Saxophon. Er befindet sich in dauernder, richtungsloser Bewegung, hier und da eine Begegnung und ab und zu ein Graffiti. Und er tanzt, selbstvergessen, unermüdlich, wie in Trance, so lange, bis die Platte zu Ende ist. (22. & 24.3.)
In Zusammenarbeit mit dem Metropolis-Kino Hamburg. Dank an Rita Baukrowitz und Hans-Christian Dany.

