Im Rahmen der Ausstellung "Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit", einem Projekt der Deutschen Kinemathek, findet am 29. April ein Symposium in Kooperation mit dem Einstein Forum, Potsdam statt. Dem Ausstellungstitel folgend, soll aus verschiedenen Perspektiven das Spannungsfeld zwischen Lüge und Wahrheit in Bergmans filmischem Werk vermessen werden. Stets hat der Autor Ingmar Bergman intensiv aus seinem Leben, aus seiner Kindheits- und Familiengeschichte und besonders aus seinen eigenen beruflichen und privaten Beziehungserfahrungen geschöpft und sie mehr oder minder verschlüsselt in seinen Filmstoffen verwandt. Er bietet damit einerseits Deutungsmöglichkeiten, treibt aber auch sein Spiel mit dem interessierten Zuschauer. Wie der kleine Alexander in Fanny och Alexander (1982), der sehr zum Missfallen seines Stiefvaters, einem strengen protestantischen Bischof, mit seiner überreichen Fantasie die Grenzen zwischen Lüge und Wahrheit verwischt, so erschafft auch Bergman aus seinem persönlichen Bilderuniversum künstlerische Spiegelungen zwischen Traum und Wirklichkeit. Dabei ist Alexander, wie die Hauptpersonen beinahe aller Bergman-Filme, ein Alter ego Bergmans. In seiner Autobiografie Laterna Magica. Mein Leben schreibt der Regisseur, der immer vorgab, unter seinem strengen Vater, einem protestantischen Pfarrer, gelitten zu haben: "Ich glaube, ich kam noch am besten davon, weil ich mich zum Lügner ausbildete. Ich schuf eine äußere Person, die mit meinem wirklichen Ich sehr wenig zu tun hatte. Da ich Maske und Ich nicht auseinander halten konnte, hatten diese Schäden noch Konsequenzen, als ich längst erwachsen war, und sie beeinträchtigten auch meine Kreativität. Manchmal musste ich mich damit trösten, dass der, der in der Lüge gelebt hat, die Wahrheit liebt."
Das Problem, Maske und Ich nicht auseinander halten zu können, haben viele Protagonisten in den Filmen Bergmans. Ob es nun die Eheleute Johann und Marianne in Scener ur ett äktenskap (1973) sind, die nach Jahren der Eheroutine verzweifelt und ängstlich versuchen, sich gegenseitig die Masken herunterzureißen, oder die drei Schwestern in Viskningar och rop (1972), die im Angesicht des Todes der einen für kurze Zeit die Wahrheit zulassen, dann aber doch wieder in ihre erstarrten Formen, in das Spiel der Lügen zurückfallen.
Für das Begleitprogramm des Symposiums haben wir drei Filme ausgesucht, die um das Thema Lüge und Wahrheit kreisen. Wir beginnen mit BERGMAN OCH FÅRÖ (Schweden 2004, 28.4.). Die schwedische Journalistin Marie Nyreröd hat im Jahr 2003 ausführliche Interviews mit dem Regisseur in seinem Haus auf der Ostseeinsel Fårö geführt. Nyreröd befragt Bergman zu seiner Karriere als Theater- und Filmregisseur, aber auch zu seinen privaten Beziehungen, seinen Wünschen und Ängsten. Und hier gelingt es ihr, den wortgewandten Künstler gelegentlich sprachlos werden zu lassen, ihn mit seinen eigenen Widersprüchen zu konfrontieren und für kurze Momente hinter die Maske des Meisters zu schauen.
ANSIKTET (Schweden 1958, 29.4) basiert auf eigenen Erfahrungen Bergmans als Theaterregisseur in Malmö in den 1950er Jahren. Der Film erzählt die Geschichte des Magiers Albert Emanuel Vogler (Max von Sydow), der mit seiner Gauklertruppe im Hause des Konsuls Egerman (Erland Josephson) gastiert. Im Verlauf der Handlung kommt es zur Konfrontation zwischen den Bürgern und den Künstlern, deren Scharlatanerie von diesen aufgedeckt wird. Zutiefst gedemütigt gelingt es Vogler jedoch, die scheinheilige und heuchlerische Moral der Bürger ebenso bloßzustellen.
Ähnlich wie Marianne und Johann in Scener ur ett äktenskap, leben auch Katarina (Christine Buchegger) und Peter Egerman (Robert Atzorn) in der Lüge und sehnen sich letztlich nach der Wahrheit. In AUS DEM LEBEN DER MARIONETTEN (BRD 1980, 30.4), der in Bergmans Zeit in München mit deutschen Schauspielern entstand, demonstriert er ein weiteres Mal, dass zwischenmenschliche Beziehungen zum Scheitern verurteilt sind. (Nils Warnecke)

