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In Raphaël Griseys Videoarbeiten geht es oft um die sichtbare und unsichtbare Geschichte von Orten. Dabei lässt er sich auf Orte und Terrains ein, die ihm zunächst mehr oder weniger fremd sind, gibt ihnen und sich Zeit, zu einer Geschichte und einer filmischen Form zu finden. Längere Arbeiten entstehen meist in Kooperation mit denjenigen, die an diesen Orten zuhause sind oder ihre Geschichte kennen. Elemente einer oralen Erinnerungskultur verbinden sich mit einer wachsamen Kameraarbeit, in der sich der Glaube an ein visuelles Gedächtnis und an die stumme Sprache von Dingen und Oberflächen zu verkörpern scheint. In Griseys Arbeit geht es um die Gleichwertigkeit verschiedener Erzählungen, auch da noch, wo sie im Widerstreit sind; um den Austausch von Perspektiven, der nie ganz gefahrlos ist, wie es der Titel einer seiner letzten Arbeiten, "The exchange of perspectives is a dangerous game" (2011), nahelegt.

Zuletzt lag Raphaël Griseys Arbeitsschwerpunkt in Brasilien. Zwei der dabei entstandenen Arbeiten wird er bei Der Standpunkt der Aufnahme am 8.5. vorstellen: A MÃE (BR, D 2012) ist ein filmisches Porträt des größten Lebensmittelumschlagplatzes Südamerikas, des Großmarkts von São Paolo. Es verbindet die Erzählungen von Menschen, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, mit den Gesten der Arbeit: dem Teilen, Sortieren, Schneiden, dem Laden, Tragen und Warten. Anschließend stellt Grisey sein aktuelles Projekt REMANESCENTES (AT) als work-in-progress vor und zur Diskussion. Es geht um "quilombos", afro-brasilianische Gemeinschaften, die einst aus dem Widerstand gegen die Sklaverei hervorgingen. Seit 1988 billigt die brasilianische Verfassung den "quilombos" kollektive Restitutionsrechte zu. Was aber macht eine Community heute zu einer quilombo? Im Kampf gegen Landraub und städtische Verdrängung entdecken immer mehr Kommunen und Stadtviertel ihre zum Teil verschüttete afro-brasilianische Geschichte neu. Als Carte Blanche zeigt Grisey aus dem Arsenal-Archiv zwei Filme, die von den heftigen Landkonflikten im Nordosten Brasiliens in den 1960er Jahren handeln: Paulo Rufinos kurzen Experimentalfilm LAVRA DOR (BR 1968) sowie CABRA MARCADO PARA MORRER (BR 1984), Eduardo Coutinhos Versuch, einen Film, den er 1964 wegen des Militärputschs nicht fertigstellen konnte, 20 Jahre später doch noch zu drehen. Das streckenweise quixotisch anmutende Projekt fördert Brüche und Kontinuitäten einer Geschichte des Widerstands zutage. (Tobias Hering) (8.5.) www.standpunktderaufnahme.de

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