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Peter Weiss ist vor allem als Schriftsteller und Bühnenautor bekannt, begann seine künstlerische Laufbahn aber als Maler. Nach der Emigration nach Schweden bestimmten das Gefühl des Fremdseins, die Unsicherheit und existentielle Not im Exil die anstrengende Suche nach neuen Ausdrucksformen. In den 50er Jahren wandte sich Weiss schließlich den Bewegtbildern des Films zu. Er drehte insgesamt 18 Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme, von denen vier Fragment blieben, ehe er mit der Veröffentlichung des Kurzromans "Der Schatten des Körpers des Kutschers" den lange ersehnten literarischen Durchbruch erzielte. Weiss' filmisches Werk markiert den Übergang von einer surrealistisch geprägten Innensicht zur Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit in der geteilten Welt des Kalten Krieges. In seinen Dokumentarfilmen tritt der detaillierte Blick auf Menschen und Orte hervor, die akribische Arbeit mit Fakten und Lebensgeschichten deutet sich an, die später für den Roman "Die Ästhetik des Widerstands" eine so große Rolle spielte. Weiss entwirft kein geschlossenes Geschichtsbild, vielmehr bleibt das Handeln seiner Figuren von individuellen Standpunkten und Widersprüchen durchzogen. Im Denken in Gegensätzen, "angefressen von der Zweifel-Krankheit, Schwierigkeit, mich für eine Sache zu entscheiden, Hin und Her, Schwanken in der Arbeit, früher Malen–Schreiben, Theater–Film, schwedische-deutsche Sprache", wie er es in den Notizbüchern beschreibt, liegt eine wesentliche produktive Kraft der Kunst von Peter Weiss. Vor diesem Hintergrund widmet sich die bereits im September gestartete Filmreihe dem Verhältnis von ästhetischer und politischer Subjektivität in Bezug auf Widerstand und gesellschaftliche Veränderung. Die Zusammenstellung internationaler historischer und zeitgenössischer Filme und Kurzfilmprogramme aktualisiert einige der wiederkehrenden Themen bei Weiss – von der ewigen Ausbeutung menschlicher Arbeit und der Macht des Kapitals über den Kampf gegen Unterdrückung und Ungleichheit, Rassismus und Faschismus bis zu den Schrecken des Krieges und der Frage der Gewalt als Mittel revolutionärer Politik.

In staatlichen Ritualen und Symbolen vergewissert sich eine Gesellschaft ihrer selbst. Ein Angriff hierauf löst meist einen Sturm der Empörung aus. Mit Mitteln der Recherche, der künstlerischen Verfremdung und der Intervention im öffentlichen Raum untersuchen die Filme des Kurzfilmprogramms "Beyond Evidence" (3.10., zu Gast: Lutz Henke) das Verhältnis von Massenmedien, Populismus und Angstproduktion sowie von struktureller Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalität in Deutschland. TREMBLING TIME (Yael Bartana, NL 2001) verwandelt die Schweigeminute während des Nationalfeiertages für die gefallenen Soldaten Israels in ein unheimliches Bild kollektiven Verhaltens. In DER FALL JOSEPH (S 2003) rekonstruiert Petra Bauer die Geschehnisse, die zum Tod von Joseph Abdulla im Freibad von Sebnitz im Juni 1997 führten. Cana Bilir-Meiers Film SEMRA ERTAN (D/A 2013) ist Semra Ertan gewidmet, die 1972 mit ihren Eltern von der Türkei nach Westdeutschland gezogen war und sich zehn Jahre später aus Protest gegen den Rassismus in ihrer neuen Heimat öffentlich verbrannte. Am Beispiel der hitzigen Mediendebatte über die zwei weißen US-Flaggen, die im Juli 2014 plötzlich auf den Türmen der Brooklyn Bridge in New York auftauchten, fragt SYMBOLIC THREATS (Mischa Leinkauf, Lutz Henke, Matthias Wermke, D 2015) nach dem gesellschaftlichen Handlungsspielraum, den Kunst heute innehat.

In ENLIGT LAG (S 1957) dokumentieren Hans Nordenström und Peter Weiss das Jugendgefängnis von Uppsala als Ort der Erniedrigung des Menschen: ein gewöhnlicher Alltag außerhalb der "Normalität" im Schweden der 50er Jahre. Das Leben an den Rändern der Gesellschaft zu zeigen, stellt ein wiederkehrendes Thema des politischen Kinos dar. LA ESTANCIA (Federico Adorno, PY 2014) erinnert an das Massaker von Curuguaty im Juni 2012, bei dem die Besetzung staatlichen, jedoch von einem Konzern beanspruchten Landes durch landlose Kleinbauern gewaltsam aufgelöst wurde. In LA IMPRESIÓN DE UNA GUERRA (CO/F 2015) geht es Camilo Restrepo um die seit Jahrzehnten allgegenwärtige Gewalt in Kolumbien. Von einem trilateralen Friedensposten am Rande der Sicherheitszone zwischen der Republik Moldau und der abtrünnigen Region Transnistrien handelt Steffi Wursters neuer Film POSTEN NR. 6 (D 2016). Im Blick auf die Spuren von Repression und Krieg präsentieren die Filme des Kurzfilmprogramms "Spur der Gewalt" (4.10., zu Gast: Steffi Wurster) unterschiedliche Strategien des Sichtbarmachens.

MEMORIAS DEL SUBDESARROLLO (Tomás Gutiérrez Alea, C 1968, 11.10.) erzählt die Geschichte eines wohlhabenden Amateurschriftstellers, gespielt von Sergio Corrieri, im revolutionären Havanna des Jahres 1961. Er beobachtet die Veränderungen, versucht sich an die alte Zeit zu erinnern und die neue zu verstehen. In die fiktive Handlung hat Gutiérrez Alea Dokumentar- und Wochenschauaufnahmen eingeschnitten, und damit eine der tiefgründigsten Reflexionen über die kubanische Revolution geschaffen.

San Francisco, Santiago, Athen – die Straßen der Stadt waren und sind Orte und Zeichen des Kampfes um soziale, ökonomische und politische Veränderung. Welche Bilder entstehen hierbei, wer wird repräsentiert und wer nicht, und wer repräsentiert sich wie selbst? Das dokumentarische Abbild der Wirklichkeit im Film stelle immer eine Form der Parteinahme dar, betont der britische Filmemacher Peter Watkins in THE ROLE OF A LIFETIME (Deimantas Narkevičius, LT 2003). Das Kurzfilmprogramm "Images of Change" (11.10., zu Gast: Daphne Hérétakis) beginnt mit SECRETS FROM THE STREET: NO DISCLOSURE (Martha Rosler, USA 1980), einer kritischen Betrachtung des Verhältnisses von Kultur und Macht in San Franciscos Mission District. SOMOS + (Pedro Chaskel, Pablo Salas, RCH 1985) dokumentiert einen Protest der Mujeres por la Vida (Frauen für das Leben) gegen das Pinochet-Regime. In ICI RIEN (F/GR 2011) entwirft Daphne Hérétakis ein von Aufruhr geprägtes und zugleich poetisches Bild des Athener Stadtteils Exarhia, in welchem sich die schwere Krise Griechenlands abzeichnet.

In THE ANATOMY OF VIOLENCE (Peter Davis, GB/CDN 1967. 17.10.) und AFSAN’S LONG DAY (THE YOUNG MAN WAS, PART 2) von Naeem Mohaiemen (BD 2014, 17.10.) wird die Frage nach Gewalt und Widerstand in der Geschichte der radikalen Linken auf unterschiedliche Weise verhandelt: Peter Davis dokumentiert den Dialectics of Liberation-Kongress, der im Juli 1967 unter Teilnahme von Herbert Marcuse, Allen Ginsberg, Stokely Carmichael, Carolee Schneemann u.v.m. in London stattfand, während Mohaiemen die politischen Tumulte im Bangladesch der 1970er Jahre in Kontrast zum Deutschen Herbst stellt, inspiriert von den Tagebüchern des Historikers Afsan Chowdhury.

Eric Baudelaires Spielfilm THE UGLY ONE (F 2013, 17.10.) basiert auf einem Drehbuch des japanischen Filmemachers Masao Adachi, der über zwei Jahrzehnte in Beirut im Untergrund lebte. Mit der Geschichte von Lili (Juliette Navis) und Michel (Rabih Mroué) weicht Baudelaire immer wieder von Adachis Text ab: die schmerzhafte Erinnerung an einen terroristischen Akt und den Verlust eines Kindes. Nicht zuletzt in Bezug auf die unlösbare politische Situation im Nahen Osten dreht sich THE UGLY ONE um die Unmöglichkeit, die biografischen, dokumentarischen und fiktiven Elemente des Films miteinander in Einklang zu bringen.

In FACTORY COMPLEX (ROK 2014, 18.10., zu Gast: Sun-ju Choi) zeigt Im Heung-soon die Ausbeutung ungelernter Arbeiterinnen in Südkorea seit den 1970er Jahren. Damals wie heute kämpfen die Frauen für grundlegende Rechte und eine angemessene Bezahlung ihrer oft gesundheitsschädlichen Arbeit in den Textil- und Elektronikfabriken – dort, wo die Produkte der globalen Konsumkultur hergestellt werden. Zwischen Dokumentation und Kunst changierend, gewann FACTORY COMPLEX den Silbernen Löwen der 56. Kunstbiennale Venedig 2015. (fw)

Kuratiert von Florian Wüst. Ein Projekt des HAU Hebbel am Ufer in Kooperation mit dem Arsenal. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von "Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100", ein Festival des HAU Hebbel am Ufer.

Gefördert durch: