"Visionary Archive" ist in fünf thematischen, vernetzt arbeitenden Einzelprojekten organisiert. Im Zentrum der Zusammenarbeit steht die Frage, wie eine zeitgemäße transkulturelle kuratorische und künstlerische Arbeit mit Archiven und Archivforschung aussehen kann. Das Projekt "B-Schemes – Ein Archivprojekt und Filmprogramm zu Filmproduktionen für schwarze Zuschauer in Südafrika der 1970er und 1980er Jahre" in Johannesburg widmet sich der kritischen Aufarbeitung und Präsentation von bis dato nur wenig erforschten südafrikanischen Filmen. Das Ziel ist eine Kontextualisierung und Wiedersichtbarmachung dieser Filme. "B-Schemes" wird geleitet von Darry Els in Zusammenarbeit mit Marie-Hélène Gutberlet. Die Arbeitsergebnisse der Recherche und Filme aus dem Konvolut der "B-Schemes" werden im Rahmen der Abschlussveranstaltung von "Visionary Archive" im Mai 2015 in Berlin präsentiert. Vom 24.–26. Oktober werden drei Filme aus dem Zusammenhang der "B-Schemes" im Johannesburger The Bioscope Independent Cinema, von Darryl Els mitbegründet und geleitet, gezeigt.
Anfang Oktober findet die vierte Veranstaltung von It all depends im Rahmen von Visionary Archive in Form zweier Abende statt. Am 1. Oktober ist Pier Paolo Pasolinis APPUNTI PER UN'ORESTIADE AFRICANA (Notizen für eine afrikanische Orestie, Italien 1969) zu sehen. Im Stil eines filmischen Notizbuchs erzählt, mischt sich Pasolinis dramaturgisches Interesse an einer Verfilmung der antiken Tragödie mit afrikanischen Darstellern mit einem ungebrochen kolonialen Blick auf Realitäten in Tansania, Uganda und Äthiopien. Die Struktur des filmischen Notizbuchs und dessen kulturideologische Aufladung fordern dazu auf, Pasolinis Film in Kontext mit zwei weiteren Filmen zu stellen. In ihrer Videoarbeit NOTES ON PASOLINI'S FORM OF A CITY (Deutschland 2013) untersucht Sandra Schäfer Pasolinis Afrika-Projektionen vor dem Hintergrund seiner Kritik an der Moderne. Wir zeigen den Film am 3. Oktober zusammen mit Haile Gerimas radikaler Gesellschaftssatire MIRT SOST SHI AMIT (Ernte 3000 Jahre, Äthiopien 1975), gedreht in Äthiopien am Ende der Herrschaft von Haile Selassie.
Die Filme dieses von Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer am 20. Oktober präsentierten Programms bringen mittels der Sprache unsichtbare Bilder hervor. Dabei spielen sie mit bekannten Formen der Darstellung wie dem Bekenntnis oder der lateinamerikanischen telenovela. Durch Zuspitzung und Übertreibung der Konventionen fordern sie unseren Glauben an das Sichtbare heraus. Jean Eustache filmt in UNE SALE HISTOIRE (F 1977) gleich zweimal hintereinander das wortwörtlich identische Geständnis eines leidenschaftlichen Voyeurs. Phil Collins tauscht in jeder Szene seiner telenovela SOY MI MADRE die Schauspieler aus, ohne dass davon der Handlungsverlauf beeinträchtigt werden würde. Dem OPTIONISTEN ist die Vorstellung seiner unbegrenzten Möglichkeiten bereits genug.