Am 16. Januar ist es wieder soweit. Auf Wunsch des Filmwissenschaftlers Marc Siegel sichten wir in der monatlich stattfindenden öffentlichen Sichtung des Living Archive Projekts vier Filme des Künstlers Ludwig Schönherr: die drei Super8 Filme FACE I & II (D 1968/69), ZOMM DOKU (D 1967-69) und ELEKTRONIK 4 (D 1969/70, Super8 auf DVD), sowie den 16mm Film DAS UNBEKANNTE HAMBURG (D 1983-88). Ludwig Schönherr begann in den späten 1950ern mit Malerei und Fotografie. Mitte der 1960er verlagerte sich sein Interesse von den bildenden Künsten zum Film. Zwischen 1967 und 1970, einer hochproduktiven Periode für den europäischen Experimentalfilm im Allgemeinen, drehte Schönherr zahllose kurze Super8- und 16mm-Filme, die spezifische technische und ästhetische Aspekte des Mediums, sowie dessen Verhältnis zur Repräsentation erforschten. Im Rahmen von Forum Expanded präsentierte Marc Siegel 2009 bereits einen Teil des Werkes von Ludwig Schönherr, das bis dahin nie öffentlich zu sehen war. Für sein Living Archive-Projekt plant Siegel eine Aufarbeitung von Schönherrs Gesamtwerk, das neben Filmen auch Fotografien, Objekte und zahlreiche Texte umfasst.
"Von der Kunst, Kino zu sein"
Das 17. Internationale Bremer Symposium zum Film beschäftigt sich vom 19. bis zum 22. Januar 2012 mit der Frage "Was ist Kino? Auswählen, Aufführen, Erfahren". Stefanie Schulte Strathaus spricht zum Thema "Von der Kunst, Kino zu sein" und präsentiert ein Programm mit dem Titel "Por primera vez (Zum ersten Mal)". Es enthält Filme, Videos, eine Soundarbeit und eine Fotografie von Agnieszka Brzezanska, Octavio Cortázar, Nam June Paik, Joyce Wieland, Bruce Conner, Keren Cytter, Olaf Nicolai und einem unbekannten Fotografen. Weitere Referenten sind Prof. Dr. Malte Hagener, Cornelia Klauß, Dominique Paini, Prof. Francesco Casetti und Alexander Horwath.
Im Kino: "Ausente"
AUSENTE von Marco Berger ist ab dem 12. Januar in ausgewählten Kinos zu sehen. Der Film, der im letztjährigen Forum uraufgeführt und mit dem TEDDY für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde, erzählt vom Missbrauch eines Erwachsenen durch einen Minderjährigen, der um die heikle Position seines Lehrers weiß und sie ausnutzt. Unter allerlei Vorwänden schleicht sich Martin in die Privatsphäre seines Sportlehrers Sebastian ein und verbringt eine Nacht in dessen Wohnung. Als der Lehrer die Intentionen seines Schülers erkennt, hat dieser ihn bereits kompromittiert. Es bedarf eines tragischen Unfalls, damit Sebastian sich seiner eigenen Zuneigung zu Martin bewusst wird. Marco Bergers origineller Spielfilm erzählt vor allem mit den Blicken, die seine Protagonisten austauschen. Dem herausfordernden Blick Martins, konterkariert durch eine entschuldigende Körpersprache, die allerdings nicht verbergen kann, dass er Tabus zu verletzen, sich Territorien anzueignen sucht. Dem ausweichenden, ängstlichen Blick Sebastians, der nicht wahrhaben will, welches Spiel mit ihm getrieben wird.
In einer neuen Reihe präsentieren FilmemacherInnen, deren Arbeiten wir verleihen, alte und neue Filme von KollegInnen. Am 9. Januar setzt Karø Goldt diese Reihe mit Filmen fort, die dem Hören gewidmet sind. Stumme Filme wie BARN RUSHES von Larry Gottheim, TAILS von Paul Sharits, welche durch ihre Bildsprache Ton suggerieren sowie EAUX D'ARTIFICE von Kenneth Anger und ALL MY LIFE von Bruce Baillie, welche die Musik zeigen. Das besondere hierbei ist die hörbare Aufmerksamkeit des Publikums durch die Stille im Kino, wenn ein tonloser Film gezeigt wird. Zu Klassikern der 16 mm-Filmkunst zeigt Goldt eigene Videos. "Some benefits of listening are presented: as are side effects, which reflect qualities often thought of as being among the most desirable human qualities … If we want to participate, to be connected, we must learn as a priority to listen once again. We need to rediscover The Lost Art of Listening". (R. Glanville)
Kinostart: "Utopians"
Mit UTOPIANS von Zbigniew Bzymek bringt arsenal distribution ab dem 5. Januar einen weiteren Film aus dem Forum 2011 in die Kinos. Er erzählt von drei Menschen, die sich am Rand bewegen, der Gesellschaft, der Beherrschung der Kräfte, des Zusammenbruchs. Roger arbeitet als Yoga-Lehrer. Das Verhältnis zu seiner frisch aus dem Militärdienst ausgeschiedenen Tochter Zoe wird durch deren Liebe zu Maya belastet, einer jungen Frau, der Schizophrenie attestiert wurde. Rogers wiederholtes Zuspätkommen und ein mitgebrachter herrenloser Hund sorgen für Spannungen mit den Teilnehmern seiner Yoga-Klasse. Auch ein Renovierungsauftrag, den Roger, Zoe und Maya in einem bürgerlichen Haus übernehmen, verläuft alles andere als plangemäß und spannungsfrei. Die von Roger problematisierten unterschiedlichen Realitäten, für die Mayas Schizophrenie metaphorisch steht, holen ihn in der Yoga-Klasse ein, wenn sein Glaube "we can make our own time" ebenso schnell an seine Grenzen stößt, wie das "feel united with the world around you" mit der sozialen Realität kollidiert. Fernab vom Sozialdrama hat Zbigniew Bzymek in seinem Spielfilmdebüt eine Form gefunden: Entdramatisiert und nicht linear bildet sich aus teils durch Schwarzblenden separierte Szenen die Skizze einer Geschichte. Mit einer eigentümlich schwebenden Atmosphäre und einer der nachhaltigsten Gitarrenimprovisationen seit "Dead Man".