Jury-Begründung für den Caligari-Filmpreis 2026 an IF PIGEONS TURNED TO GOLD
„Der Film, den wir als Preisträger für den Caligari-Preis 2026 ausgewählt haben, haben wir recht früh in unserem Sichtungsmarathon gesehen und er wollte uns seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Das liegt an seinem Thema, aber auch an seinen filmischen Methoden.
‚Memory is an unreliable storyteller‘, heißt es an einer Stelle. Die Erinnerung, sie ist immer noch unzuverlässig, obwohl das Archiv unserer persönlichen Aufzeichnungen – Fotos, Videos, Audios, Texte, von uns oder anderen aufgezeichnet – unendlich wächst, zunehmend auch in Form von Materialien, die nicht mehr abbildhaften Charakter haben.
Erinnerung und Archiv bleiben zwei verschiedene Dinge. Umso mehr, wenn man Fotos von Menschen Dinge sagen lassen kann, die sie selbst vielleicht nie gesagt hätten. Die Verwendung von KI in diesem Film ist ausgiebig, aber immer verfremdet und immer als solche erkennbar. Die audiovisuellen Brüche, vielleicht auch das ethisch Falsche des In-den-Mund-Legens werden nie durch Hochglanz verdeckt. Die Reflexionsfigur dafür ist eine quietschende Taube. Ein Filter – vielleicht auch eine Maske –, der allen Naturalismus in sein Gegenteil verkehrt.
Die Aneignung des Familienarchivs durch KI ist zweifellos fragwürdig. Gleichzeitig erhebt der Film niemals den absoluten Anspruch, sich ethisch unantastbar zu verhalten, und das ist ihm hoch anzurechnen. Die offensichtlich entfremdeten Fotos und Stimmen stehen tatsächlichem dokumentarischem Material gegenüber und betonen somit diese übergriffige Verfremdung der intimen und fast schon heilig ungetrübten Kindheitsbilder.
Die Videoaufnahmen zeigen ihren Bruder in verletzlichen Situationen, die Regisseurin stellt sich selbst die Frage, inwieweit ein Suchterkrankter überhaupt Zustimmung geben kann. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Entmündigung und Ermächtigung, dem Impuls, den Bruder zu schützen und dem Wunsch, ihm Handlungsmacht zuzugestehen. Dabei steht das reale Material dem nicht-realen gegenüber, sie fordern sich gegenseitig heraus. Selbst wenn KI-generierte Stimmen scheinbar faktische Statements geben, motiviert die ‚uncanny‘ Ästhetik die Zweifel an ihrer Richtigkeit. Zu ihrer eigenen Unzuverlässigkeit bekennt sich Pepa mehrmals.
IF PIGEONS TURNED TO GOLD ist ein an sich selbst und seinen Narrationen zweifelnder Film voller Irritationsmomente. Thema sind Süchte, eigene und die von anderen, und ihre Überwindbarkeit und strukturelle Bedingtheit. Im Vordergrund steht die Sucht nach Substanzen, aber darunter liegt die Sucht nach der Kontrolle über die Erzählung des Filmes und seiner Stimmen sowie über das Suchtverhalten des Bruders. Dieses Spannungsverhältnis wird explizit thematisiert.
Durch brutale Direktheit versucht sie, die eigene Scham zu überwinden. Die poppige, aus YouTube-Formaten entwickelte Form steht im starken Kontrast zu den intimen Bekenntnissen. Gleichermaßen zugänglich und schwer verdaulich ist der reflektierende Prozess des Films.
Der Caligari-Preis des Jahres 2026 wird an IF PIGEONS TURNED TO GOLD verliehen.“