Auch unter dem Eindruck aktueller weltpolitischer Entwicklungen, zunehmender Unsicherheit und anhaltender Kriege wird der Frage nachgegangen, wem die Autorität zugesprochen wird, historische Bewertungen und Festschreibungen vorzunehmen und welche anderen Perspektiven existieren.
Die Installationen, Filme, Videos und Performances aus 30 Ländern fördern so Brüche und Risse zutage, sie weisen auf scheinbar Vergessenes hin, dessen Präsenz trotz aller Leugnung dennoch spürbar bleibt. Ihre oftmals persönlichen Zugänge eröffnen Räume der Selbstreflexion und des Erinnerns.
So montiert Diana Bustamante in ihrem reduzierten, eindringlichen Found-Footage-Film EL LEÓN Videoaufnahmen von Trauer und Protest rund um die Morde an Universitätsprofessoren im Kolumbien der 1980er und 1990er Jahre zu einer gespenstischen Meditation über politische Gewalt.
In NARRATIVE inszeniert Anocha Suwichakornpong in einem Filmstudio mit Betroffenen ein Tribunal: Eine Dekade nachdem das thailändische Militär ein Massaker an pro-demokratischen Demonstrant*innen verübte, kämpfen ihre Hinterbliebenen um Anerkennung und Gerechtigkeit.
Petna Ndaliko Katondolo und Laurent Van Lanckers YURUGU: INVISIBLE LINES setzt sich mit der Zerteilung des afrikanischen Kontinents und den bis heute spürbaren Auswirkungen der sogenannten Kongokonferenz von 1885 auseinander.
UCHRONIA von Fil Ieropoulos schreibt eine queere Geschichte von Widerstand und Protest im 20. Jahrhundert. Zentrum und Zeremonienmeister dieses kaleidoskopischen Parforce-Ritts: Arthur Rimbaud.
Gruppenausstellung in der Betonhalle des silent green
In der Gruppenausstellung in der Betonhalle des silent green widmet sich Riar Rizaldi in seiner Installation FANFICTIE: VOLCANOLOGY den Reibungspunkten zwischen westlich-kolonialer Wissenschaft und lokaler Wissensproduktion in Indonesien.
Die Konvergenz von wissenschaftlicher Erforschung und Kolonialismus thematisiert auch BUTTERFLY STORIES: MALAISE II von Laurence Favre. Die Künstlerin entwirft mit geschichteten und überlagerten Diaprojektionen collagierter Schmetterlingsspezies einen begehbaren Raum aus flirrenden, schwebenden Bildern, die sich strikter Kategorisierung widersetzen.
Mit LAND INVADERS von Cassandra Gardiner und Juan Mateo Menendez ist erstmals ein Videospiel in der Ausstellung vertreten. Angelehnt an den Arcade-Klassiker „Space Invaders“, müssen Spieler*innen Christopher Columbus daran hindern, mit seinen Schiffen die Ufer von Turtle Island zu erreichen. Das Projekt wird mit freundlicher Unterstützung des Indigenous Screen Office präsentiert.
Zwei Expanded-Cinema-Performances
Erneut zeigt Forum Expanded zwei Expanded-Cinema-Performances, die den Kinoraum mit einer Vielzahl von analogen Film- und Diaprojektionen in eine erweiterte Bühne für Bild und Ton verwandeln. Präsentiert werden Arbeiten der singapurischen Performer*innen Mark Chua und Lam Li Shuen (BORN OF THE YAM) sowie des dänischen Duos Bigum + Björge (METANOIA).
Restaurierungen aus Deutschland, Ägypten und dem Sudan
Mit der Weltpremiere der neuen Restaurierung von Claudia von Alemann und Reinold E. Thiels Film EXPRMNTL 4 KNOKKE aus dem Jahr 1968 blickt Forum Expanded in die Geschichte des Experimentalfilms in Europa und des legendären Avantgarde-Filmfestivals in einem belgischen Badeort zurück.
Ein weiteres Programm mit restaurierten Filmen zeigt je ein Werk der ägyptischen Regisseurin Atteyat Al Abnoudy (SAD SONG OF TOUHA von 1972) und des sudanesischen Filmemachers Hussein Shariffe (THE DISLOCATION OF AMBER von 1975). Die Filme wurden von der Cimatheque Cairo restauriert.
In Erinnerung an die 2025 verstorbenen US-amerikanischen Avantgardefilm-Pionier*innen Ken und Flo Jacobs kommt deren Kurzfilm LET THERE BE WHISTLEBLOWERS (Forum Expanded 2007) erneut zur Aufführung.
Forum Expanded wird von Ulrich Ziemons (Leitung), Karina Griffith und Shai Heredia kuratiert.

