Filmarchive sind voller Ideen und Entwürfe, teils erdacht, oft der gelebten Realität entnommen, denen es verwehrt geblieben ist, Geschichte zu schreiben. Kritik, die nicht gehört wurde, Analysen, die geltenden Narrativen weichen mussten, Lebens- und Möglichkeitsräume, denen Grenzen gesetzt wurden. Nicht selten wurden filmische Formsprachen, die andere Perspektiven ermöglichen sollten, als sperrig, zu viel Direktheit dagegen als unfilmisch gebrandmarkt. Gemeinsam mit den Inhalten, auf die sie sich bezogen, verblieben viele Filme auf diese Weise außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung.
Kulturelle Räume werden kleiner und mit ihnen die Vielfalt vergessener, unterdrückter oder historisch gewordener Lebensentwürfe, die zumindest im Kino einmal einen Ort hatten. Angesichts der Krisen und Kriege der Gegenwart brauchen wir sie umso mehr: als Orientierungshilfe und Korrektiv in einer Zeit, die von Polarisierung und eingleisigen Narrativen geprägt ist. Filmarchive sind Sammlungen von Perspektiven und Stimmen mit Ausdruckskraft. Die diesjährige Summer School nimmt sie als Lebens- und Handlungsräume in den Blick.
Zu den Beitragenden zählen in diesem Jahr Stipendiatinnen und Stipendiaten der Living Archive-Residency, die das Arsenal und das Goethe-Institut im August und September gemeinsam ausrichten: Didi Cheeka (Lagos Film Society, Nigeria), Drika de Oliveira (Brasilien), Petna Ndaliko Katondolo (Republik Kongo) und Beatrice Zerbato (Italien). Weitere Referent*innen sind die New Yorker Filmemacherin und Künstlerin Shelly Silver und die Berliner Filmemacher*innen und Künstler*innen Filipa César, Minze Tummescheit und Arne Hector.
Die Veranstaltungen finden in englischer Sprache statt.
Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt
Anmeldeformular als PDF zum Download
PROGRAMM
Mittwoch, 19.8.
09:30–10:00 Uhr, Arsenal Remise
Ankunft und Begrüßung
10:00–11:00 Uhr, Arsenal Remise
Begrüßung und Vorstellung der Teilnehmer*innen
Vorführung des Films INTRODUCTION TO HUMANITIES von Alice Anne Parker (Serverson), USA 1972, 3 Minuten
„Mein Geisteswissenschaften-Kurs aus dem ersten Jahr am San Francisco Art Institute tritt nacheinander vor die Kamera und stellt sich einzeln vor.“ (Alice A. Parker (Severson))
Anschließend Vorstellungsrunde und Bildung von Gruppen, die während der Summer School ihre Gedanken zum Thema und zu den Beiträgen sammeln und im praktischen Teil zusammenarbeiten.
11:30–12:00 Uhr, Arsenal Remise
Stefanie Schulte Strathaus: Introduction to the hidden places in the archive
INTRODUCTION TO HUMANITIES ist einer der vielen Filme im Arsenal Filmarchiv, die kaum jemand kennt. Seminarteilnehmer*innen treten vor die Kamera, um sich vorzustellen. Die einen inszenieren sich bewusst, andere wirken verunsichert oder zurückhaltend. Hinter jeder Körpersprache verbirgt sich eine Biografie, die etwas zu versprechen scheint.
Ein Filmarchiv ist auch ein Archiv unerzählter Geschichten. Manche Geschichten wurden erzählt, aber nicht gehört. Andere wurden erzählt und gehört, aber anschließend vergessen oder verschwiegen. Lohnt es sich, in den verborgenen Bereichen der Archive nach Antworten auf die Fragen der Gegenwart zu suchen?
Anhand von Beispielen aus dem Arsenal Filmarchiv führt Stefanie Schulte Strathaus in das Thema der Summer School ein.
12:00-13:30 Uhr, Arsenal Remise
FORMER EAST / FORMER WEST Shelly Silver, 1994
Anschließend Gespräch mit Shelly Silver
Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands befragte die amerikanische Filmemacherin Shelly Silver während eines Künstlerstipendiums Hunderte von Passanten in Berlin. Aus diesen Interviews setzt sich ihr Film FORMER EAST/FORMER WEST zusammen: ein lebendiger, überraschend offenherziger und manchmal verstörender Dokumentarfilm, der die Vorstellung einer gemeinsamen Sprache hinterfragt, indem er die sich verändernden Vorstellungen von Demokratie, Freiheit, Kapitalismus, Sozialismus, Nationalität und Geschichte zur Sprache bringt. Mehr als ein Vierteljahrhundert später lebt Silver wieder für einige Monate in Berlin und erinnert sich im Gespräch mit den Summer School-Teilnehmer*innen an Aussagen ihrer Protagonist*innen.
13:30 Uhr
Mittagessen im Restaurant Mars
15:00–16:30 Uhr, Arsenal Remise
Workshop I: Analyse eines Kurzfilms
Auf der Suche nach unerzählter Geschichte
17:00–19:30 Uhr, Arsenal Remise
Vorführung der Filme und Präsentation der Ergebnisse des Workshops
19:30 Uhr, silent green, Restaurant Mars
Gemeinsames Abendessen im Restaurant Mars (in der Teilnahmegebühr inbegriffen)
Donnerstag, 20.8.
10:00–12:00 Uhr, Arsenal Remise
MANGROVE SCHOOL Filipa César (2022, 35 min)
Anschließend Gespräch mit Filipa César
Während des Unabhängigkeitskampfes von Guinea-Bissau zwischen 1963 und 1974, der von dem Agraringenieur, politischen Organisator und Dichter Amílcar Cabral angeführt wurde, wurde ein ehrgeiziges Bildungsprogramm zur Bekämpfung der portugiesischen Kolonialmacht gestartet. Die Revolutionäre bauten mehr als 150 Schulen in den befreiten Gebieten, von denen mindestens eine im gezeitenabhängigen Mangrovenwald versteckt war und aus natürlichen Materialien gebaut wurde. Inspiriert von dieser Geschichte ist Mangrove School eine kollektive Fabulation, die von Sónia Vaz Borges und Filipa César zusammen mit der Malafo-Gemeinschaft in der guineischen Region Oio entwickelt wurde. Die tabellarischen Szenen und Off-Stimmen basieren auf gelebten Erfahrungen sowie auf einem dreiwöchigen Workshop. Der Film erörtert eine antikoloniale Pädagogik, die materiell und philosophisch von der ökologischen Umwelt geprägt ist.
12:00 Uhr
Mittagessen im Restaurant Mars
13:30 - 15:30 Uhr, Arsenal Remise
Living Archive-Stipendiat*innen im Gespräch I
15:30 - 18:30 Uhr, Arsenal Remise
IN ARBEIT cinéma copains, 2012 – 2018
Präsentation und Diskussion eines Langzeitfilmprojekts
Minze Tummescheit und Arne Hector (cinéma copains) verstehen ihr Langzeitfilmprojekt IN ARBEIT als Recherche zu Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen kollektiven Handelns. Der kommunikative Prozess der Recherche wird zum Inhalt des Films. Eine Interviewkette verbindet europaweit kollektive Projekte miteinander, in denen das Zusammenarbeiten im Mittelpunkt steht. So entsteht ein Bild kooperativer Praxis in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft. „IN ARBEIT beruht auf der Einfachheit der Geste, sich in Gesellschaft gegenseitig vorzustellen: Um die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns zu erforschen, haben Minze Tummescheit und Arne Hector ein Ketteninterview begonnen. Der erste Interviewpartner führt das Filmteam zum zweiten und so fort. Alle verbindet die Arbeit in kooperativen Strukturen. (...) Die wichtigste Frage, die sie verhandeln, ist die ihrer Legitimation: Ist es sinnvoll und überhaupt möglich, sich außerhalb des industriellen Fortschritts, der politischen Öffentlichkeit oder des Weltmarkts zu verorten? Wir erfahren viel über Kopierwerke und die Materialität des Films, über das Verhältnis von Handwerk und Industrie, über die französische Arbeitsmarktpolitik für Film- und Theaterschaffende und den Widerstand, den sie hervorruft, über mafiose sizilianische Strukturen. Jede Kooperative erzeugt ihre eigenen Bilder, Töne und Rhythmen, und so wird aus Einzelbildern eine Serie und schließlich ein gemeinsamer politischer Diskurs, nicht zuletzt über das Kino selbst.“ Stefanie Schulte Strathaus
18:30 – 20 Uhr
Abendessen / Pause
20 Uhr, Kino Arsenal
TECHQUA IKACHI – LAND, MEIN LEBEN (James Danaqyumptewa, Anka Schmid, Agnes Barmettler, BRD, Schweiz 1989)
Einführung: Markus Ruff
Dieses ethnographische Dokument, eine Collage aus Film, Fotografie und Malerei, erzählt die Geschichte der Hopi in Arizona aus ihrer eigenen Perspektive. Vor dem Hintergrund überlieferter Gesetze und alter Prophezeiungen erzählen die Ältesten aus dem Dorf Hotevilla vom gewaltlosen Widerstand, mit dem sie Anfang des 20. Jahrhunderts der von der US-Regierung anberaumten Landenteignung und Bevormundung ihres Volkes begegneten. Über 20 Jahre lang dokumentierte James Danaqyumptewa mündliche Überlieferungen und Zeremonien. Seine Super-8-Aufnahmen bilden die Grundlage des Films, der mit Hilfe der Regisseurin Anka Schmid und der Künstlerin Agnes Barmettler entstand.
Die digitale Restaurierung liegt in zwei Fassungen vor, die längere (111 Min.) ist die "Hopi-Fassung", in der noch ausführlicher auf die Geschichte des Widerstands in Hotevilla eingegangen wird.
Markus Ruff spricht über die besonderen Herausforderungen bei der Filmrestaurierung, die die mehrere Ebenen der Erinnerung und des Vergessens zu berücksichtigen hatte.
Anschließend Diskussion, moderiert von Summer School-Teilnehmer*innen
Freitag, 21.8.
10:00 - 12:00 Uhr, Arsenal Remise
Living Archive-Stipendiat*innen im Gespräch II
12:00
Mittagessen im Restaurant Mars
13:30 - 15:00 Uhr, Arsenal Remise
Workshop II: Konzeption eines Filmprogramms, das in der Geschichte neue Antworten auf die Gegenwart sucht
15:30 - 16:30 Uhr, Arsenal Remise
Präsentation der Ergebnisse des Workshops
16:45 – 18:15, Arsenal Remise
Abschlussdiskussion
18:15 – 19:30 Uhr
Abendessen / Pause
19:30 Uhr, Kino Arsenal
RIVER DREAMS (Kristina Mikhailova, Kasachstan, Schweiz, Vereinigtes Königreich 2026, 98 min)
Kristina Mikhailova bittet Mädchen und Frauen, sich als Fluss zu imaginieren. Mädchen aus Dörfern, junge Städterinnen, LGBT- und Sex-Positivity-Aktivistinnen, eine Schuldirektorin, die die Vorzüge geschlechterrollenkonformer Erziehung lobt, Frauen im Gefängnis, Studentinnen, die vom Auswandern träumen, und immer wieder Gespräche über toxische Männlichkeit und sexuelle Übergriffe. Am Ufer des unscheinbaren Flusses Aksay sprechen sie aber auch über Wünsche, Träume und Utopien. In radikaler Zärtlichkeit und beinah soziologischer Akribie manifestieren sich über Feministinnen-Demos und die Kunst des aktiven Zuhörens Szenen des Politischen, im Zeichen von Sisterhood und Solidarität. (Gaby Babić, Barbara Wurm)
Anschließend Diskussion (moderiert von Summer School-Teilnehmer*innen)
21:45, Arsenal Backyard
Abschlussdrinks
Anmeldung
Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt. Plätze werden nach Eingang der Anmeldungen vergeben. Teilnahmegebühren: 185 Euro / 165 Euro (Mitglieder, Studierende, Berlin-Pass) / 145 Euro (Mitglieder im Arsenal Freundeskreis)
Anmeldeschluss: 1. August 2026
Veranstaltungsorte
Arsenal Filminstitut, Remise
Gerichtstr. 53
13347 Berlin
Kino Arsenal
Plantagenstraße 30
13347 Berlin
Kontakt
Angelika Ramlow | Projektkoordination
summerschool@arsenal-berlin.de

