Der Bildergraben

von Serge Daney

Julien Farauts L’empire de la perfection beobachtet John McEnroes Auftritte im Pariser Stade Roland-Garros. Auch Filmkritiker Serge Daney saß oft im Publikum. Zwischen 1980 und 1990 schrieb er für die französische Zeitung „Libération“ Kritiken der Tennisspiele.

 

Es regnete. Die Fotografen hatten sich untergestellt und plauderten, als eine laute Stimme sie anwies, sich in den Konferenzraum zu begeben, „in einer sie betreffenden Angelegenheit“. So erfuhren sie, dass mehrere Spieler, darunter John McEnroe, sich bei der ATP und bei der Turnierleitung darüber beschwert hätten, dass die Geräusche der Fotoapparate und Kameras während des Spiels sie störten. „Was machen wir jetzt, um das zu regeln?“, fragte Christian Duxin, eher betreten. Drei Jahre zuvor, im Zuge einer dieser unaufhörlichen Verwandlungen, hatte Roland-Garros auf dem Center-Court sowie auf Court Nummer 1 Gräben für Fotografen anlegen lassen, aus denen sie ihre Bilder von den Spielern schießen konnten. Das war sicher bequem, aber anscheinend zu nah dran. Wie löst man das?
Unter den anwesenden Fotografen gab es alle möglichen Reaktionen. Einige sagten ein wenig defätistisch, Roland-Garros könne zur Not auf Fotografen verzichten. Fernsehen reiche. Andere empörte die Vorstellung, dass man sie zurückwies, für dumm verkaufte oder „wie den Abschaum der Erde behandelte, wo sie doch nur ihren Job machten“. Und dann gab es da noch diejenigen, die sofort nach einem Kompromiss suchten. Duxin erklärte sich bereit, sich bei den Spielern und der ATP „für ihre Belange einzusetzen“, mit dem Vorschlag, zumindest beim Aufschlag Aufnahmen ganz zu untersagen. Man sprach über schallschluckende Wände, über Fotografenstreiks, über den Lärm der Flugzeuge in Flushing Meadows, über einen Verhaltenskodex für Fotografen usw.
Vor allem sprach man über den einzigen der Klage führenden Spieler, dessen Name genannt worden war: John McEnroe. Der am häufigsten fotografierte aller Spieler des Turniers war auch derjenige, der am erbittertsten gegen die Medien kämpfte. Er spielt ihr Spiel nicht mit, gelinde gesagt. Am Vortag hatte er einen Ball auf eine der Luken für die Fernsehkameras geschossen und zwei Fernsehtechnikern vernichtende Blicke zugeworfen – auf Entfernung –, die, sich allein auf der Welt wähnend auf ihrem Kamerakran, in lichter Höhe ein Schwätzchen hielten. Selbst Mikrofone, obwohl bekannt für ihre Geräuscharmut, werden nicht verschont vom Zorn des Big Mac, und Fragen von Journalisten retourniert er häufig mit sarkastischen Bemerkungen.
Es bedurfte keines besonderen Nachdrucks, um die vom Stamm der Fotografen dazu zu bringen, auf Französisch und auf Englisch ihren Herzen etwas Luft zu machen. Oder besser: ihrer Galle. Sie verdienten „wenig“ damit, einen McEnroe zu fotografieren, der in Geld schwimme und seinen Marktwert dazu nutze, Schiedsrichter einzuschüchtern und seinen Willen durchzusetzen. Auch er sei zu ermahnen, ein Minimum an Höflichkeit einzuhalten! Er solle aufhören, das Spiel der Fotografen zu stören! Duxin möchte den Zwischenfall herunterspielen und erreicht das Gegenteil. Als in den hinteren Reihen die Rede aufkam über lukrative Geschäfte, rief er aus: „Seien Sie so nett und sprechen Sie nicht von Geld; hier wird Sport getrieben.“ Worauf er, ganz gekränkter Mittler, von dannen zog, um an einem Kompromiss zu tüfteln.

5. Juni 1984

(„La Fosse aux Images“ in „L’amateur de tennis“ by Serge Daney © P.O.L. Editeurs, 1994)