Barbara Hammer

Evidentiary Bodies
2018

21.2. 15:00 OF Arsenal 1
23.2. 18:00 OF Akademie der Künste

10 Min. Ohne Dialog.

Auch ein Leben, das zwischen den Perforationen eines Filmstreifens abläuft, kann tanzen.
Die Schönheit des menschlichen Körpers, sei er auch versehrt, tanzt weiter.
Hoffnung lebt nicht ewig, sondern täglich.

Ein Publikum, versunken in drei Leinwände, spürt die Umklammerung der Krankheit, die Isolation des physischen Körpers. Die endlose Filmschleife läuft, doch sie kann der Protagonistin keinen Halt geben. Die Zeit ist dehnbar, der Körper verändert sich und der Film beginnt erneut. Eine Trilogie des Selbst, Zeugin von Verfall und Leid, das Undenkbare vollbringend, unaufhaltsam, ein Totentanz. Drei umgibt, umschließt, umarmt die Eine, die nicht für sich stehen kann. Wir – menschliche Wesen auf einem kleinen Globus, vereint durch evolutionäre Struktur und biologische DNA – haben die Chance, durch Empathie und Identifikation mit dem empfindsamen Körper zueinanderzufinden. Ein unausgesprochenes Plädoyer an die Zuschauer*innen, Mitgefühl zu spüren, Verletzlichkeit zuzulassen, die Evidenz des Körpers zu erkennen, eines Körpers, der auch ihr eigener Körper ist. (Barbara Hammer)

Barbara Hammer, geboren 1939 in Hollywood, USA, lebt und arbeitet als Künstlerin und Filmemacherin in New York City. Sie blickt auf ein 40-jähriges Schaffen zurück, das viele junge Künstler*innen bis heute beeinflusst. Ihre Arbeit war in den großen Biennalen zu sehen und ist in wichtigen Sammlungen vertreten. Ihr wurden außerdem umfassende Retrospektiven in internationalen Kunstinstitutionen gewidmet. Sie ist Autorin von „Hammer! Making Movies Out of Sex and Life” (Feminist Press 2009). Ihre Filme A Horse is not a Metaphor (2008), Generations (2010) und Maya Deren’s Sink (2011) wurden alle mit Teddy Awards ausgezeichnet.

Artist Statement

Evidenz, im weitesten Sinne, ist alles, was zur Unterstützung einer Behauptung vorgelegt wird.

In diesen schrecklichen Zeiten, in denen Lügen unverfroren als Wahrheiten ausgegeben werden, Angst Keile zwischen uns treibt, Unterschiede in Fremdenfeindlichkeit umschlagen und Gräueltaten im Namen des Spektakels verübt werden, müssen wir durch Einfühlungsvermögen zu einer stillen Art der Anteilnahme, des Mitgefühls und der Großzügigkeit finden.

Als Kind und Teenager, in den Jahren, bevor ich aufs College ging, dachte ich, es müsste einen Weg geben, die andere Person vollständig zu verstehen, einen Weg in den/die Nachbar*in zu schlüpfen und zu denken, was sie denkt, zu denken, was er denkt, zu wissen, was sie wissen. Ich dachte, es müsste eine Art medizinische Verkabelung geben, durch die Flüssigkeiten und Eingeweide ausgetauscht werden könnten. Wo ist das Gefühl überhaupt verortet? Wir sprechen vom Herzen, vom Magen, aber befinden sich Gefühle nicht im Gehirn? Wir werden angewiesen, „unser Herz zu öffnen“, aber sollten wir nicht „unser Gehirn öffnen“?

Aber egal was wir öffnen, ich habe keinen Weg gefunden, den/die andere*n vollständig zu verstehen oder von anderen verstanden zu werden. Für mich wurde Film, Bewegtbilder und Sound, zum Weg, mich zu öffnen, verletzlich und hingebungsvoll zu sein, zu teilen und gleichzeitig für meine Freund*innen, Filmemacher- und Künstlerkolleg*innen und all diejenigen, die kreative und experimentelle Neuerschaffung der Welt schätzen, einzigartig zu bleiben.

Ich sehne mich immer noch nach dieser intimsten Art des Teilens, und obwohl ich nicht in die Haut meiner Liebhaberin hineinkriechen und sie von innen heraus erleben kann, so kann ich doch empathisch zuhören, wiederholen, was ich gehört und gelernt habe, teilnahmevoll Andersartigkeit und Unterschiede annehmen. Indem ich diese „häuslichen“ Praktiken auf die Performance im Film übertrage, stelle ich sie dem Publikum zur Verfügung.

Der Film und die Betrachter*innen treten dadurch in eine neue Beziehung zueinander, in der sich der Raum der Leinwand im Rhythmus des Atems ausdehnt und in sich zusammenfällt. Der Film vermittelt sich durch den Körper der Performerin. Wir atmen mit ihr und erinnern uns, dass Krebs kein „Kampf“, sondern eine Krankheit ist.  Es gibt veränderte Zellen, keine „tödlichen Feinde“. Sie ist nicht „kämpferisch“ und „tapfer“, sie lebt mit Krebs. Sie wird ihren „Kampf“ nicht gewinnen oder verlieren. Sie ist keine „Überlebende“, sie lebt mit Krebs. Es gibt keinen „Krieg“ gegen den Krebs, es gibt gezielte Forschung.

Das könnte Einfühlungsvermögen sein.

(Barbara Hammer)

Produktion Barbara Hammer. Produktionsfirma Barbara Hammer Productions (New York, USA). Regie Barbara Hammer. Kamera Angel Favorite. Montage Barbara Hammer. Musik Norman Scott Johnson. Sound Design Barbara Hammer. Ton David Laurence Goldman. Production Design Barbara Hammer. Mit Barbara Hammer.

Filme

1968: Barbara Ward Will Never Die (3 Min.), Schizy (4 Min.). 1972: Elegy (3 Min.), Traveling (8 Min.), Marie and Me (12 Min.), A Brakhage Song (3 Min.). 1975: Jane Brakhage (9 Min.), Menses (4 Min.), Superdyke (25 Min.), Psychosynthesis (8 Min.), “X” (8 Min.), A Gay Day (3 Min.), Sisters! (8 Min.), Yellow Hammer (3 Min.), Dyketactics (4 Min.), Song of the Klinking Kup (3 Min.), I Was/I Am (7 Min), Women’s Rites or Turth is the Daugher of Time (8 Min.). 1976: Superdyke Meets Madame X (28 Min., mit Max Almy), Women I Love (25 Min.), Stress Scars & Pleasure Wrinkles (20 Min.), Moon Goddess (15 Min., mit Gloria Churchman). 1979: Available Space (20 Min.), Double Strength (16 Min.), Eggs (10 Min.), Haircut (6 Min.), Dream Age (12 Min.), The Great Goddess (25 Min.), Multiple Orgasm (6 Min.), Home (12 Min.), Sappho (7 Min.). 1985: Optic Nerve & andere Kurzfilme (16 Min., Panorama 1986), Hot Flash (17 Min.), Would You Like To Meet Your Neighbor? A New York Subway Tape (13 Min.), Doll House (4 Min.), Parisian Blinds (6 Min.), Tourist (3 Min.), See What You Hear What You See (3 Min.), Bent Time (21 Min.), Pearl Diver (6 Min.), New York Loft (9 Min.), Stone Circle (7 Min.), Pools (9 Min., mit Barbara Klutinis), Sync Touch (10 Min.), Audience (32 Min.), Our Trip (4 Min.), Pond and Waterfall (15 Min.), Arequipa (12 Min.), Machu Piccu (6 Min.), Pictures for Barbara (10 Min.), Bamboo Xerox (9 Min.), The Lesbos Film (27 Min.). 1986: Snow Job: The Media Hysteria of Aids (9 Min.). 1988: Endangered (19 Min.), Two Bad Daughters (12 Min.), T.V. Tart (12 Min.), History of the World According to a Lesbian (22 Min.), Bedtime Stories, I, II, III (33 Min.), No No Nooky T.V. (12 Min.), Place Mattes (9 Min.). 1990: Still Point (9 Min.), Sanctus (19 Min.). 1991: Vital Signs (9 Min.), Dr. Watson’s X-Rays (22 Min.). 1992: Nitrate Kisses (67 Min., Forum 2016). 1995: Tender Fictions (58 Min., Forum 1996). 1998: The Female Closet (58 Min.), Blue Film No. 6: Love Is Where You Find I (3 Min.), Out in South Africa (51 Min.), Shirley Temple and Me (3 Min.). 2000: Devotion, A Film about Ogawa Productions (84 Min., Forum 2001), History Lessons (66 Min.). 2001: My Babushka: Searching Ukrainian Identities (53 Min.). 2003: Resisting Paradise (80 Min.). 2006: Lover Other (55 Min., Panorama 2006). 2007: Diving Women of Jeju-do (30 Min.). 2008: A Horse Is Not A Metaphor (30 Min., Forum Expanded 2009). 2009: Generations (mit Gina Carducci, Forum Expanded 2011). 2011: Maya Deren's Sink (30 Min., Forum Expanded 2011). 2015: Welcome To This House (79 Min.), Lesbian Whale (7 Min.). 2018: Evidentiary Bodies.

Foto: © Barbara Hammer