Say Amen, Somebody

George T. Nierenberg
1982

08.02.2019 18:30 OF Kino Arsenal 1
09.02.2019 22:30 OF Cubix 9
16.02.2019 14:00 OF Werkstattkino@silent green

101 Min. Englisch.

Gospel ist die DNA des Pop. Ob hedonistische Sex-Drugs-und-Bling-Hymnen oder düstere Sozialkritik – die Stimmen vieler Soul-, R&B- und Hip-Hop-Künstlerinnen schmeicheln dem Ohr und wurden durch jahrelange Praxis in afroamerikanischen Chören protestantischer Gemeinden geschult. Say Amen, Somebody kam 1982 in die Kinos, als Gospel-Musik eine Blüte erlebte. Der Film würdigt zwei bedeutende Figuren des Genres: Thomas A. Dorsey, der in den 1930er-Jahren Blues-Musiker war, später beschloss, die frohe Gospel-Botschaft zu verkünden und Komponist, Songbook-Verleger und Konzertveranstalter wurde, und Willie Mae Ford Smith, Gospel-Diva, die als Sängerin und Predigerin mit ihrer Haltung zur Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche und im Beruf Debatten auslöste. Durch ihre Unterstützung junger Talente brachte sie das Gospel-Genre weit voran.
Die Interviews und Gespräche zwischen Familienmitgliedern und Kollegen finden in Settings statt, die viel über die Zeit aussagen und darüber, wie sich die Welt des Gospels mit gesellschaftlichen Veränderungen arrangierte. Eine soziologisch „dichte Beschreibung“ mit filmischen Mitteln (und sehr viel Gesang) – einer der wegweisenden Musikdokumentarfilme. (Natalie Gravenor)

George T. Nierenberg wurde 1952 auf Long Island (Bundesstaat New York, USA) geboren. Er studierte Film und Kunst an der Rutgers University / The State University of New Jersey (USA) und drehte 1975 seinen ersten Film, The Hollow.

Die Pioniere des Gospels

Nach Fertigstellung meines Films NO MAPS ON MY TAPS (1979) über afroamerikanische Jazz-Stepptänzer wuchs mein Interesse für die Wurzeln der amerikanischen Kultur. Ich war auf der Suche nach einem Thema für mein nächstes Filmprojekt, als der Musiker und Grammy-Preisträger Ry Cooder während eines Abendessens zu mir sagte: „Du solltest dich mit Gospelmusik beschäftigten. Diese Leute sind einfach klasse!“ Damit fing alles an. Vor Beginn der Arbeit an SAY AMEN, SOMEBODY wusste ich wenig über Gospel, ich konnte mich dem Thema also ganz ohne vorgefasste Meinung nähern.
Ich war 27 Jahre alt, als ich 1981 begann, afroamerikanische Kirchengemeinden in New York City aufzusuchen, erste Eindrücke von Gospelmusik zu sammeln, Gospelmusiker kennenzulernen und mehr über die Rolle von Gospelmusik innerhalb des kirchlichen Kontextes zu erfahren.
Beim amerikanischen Verband für Gospelmusik, der National Convention of Gospel Choirs and Choruses, traf ich zwei Pioniere der Gospelmusik: Thomas A. Dorsey, den Vater der Gospelmusik, und Mother Willie May Ford Smith, eine der berühmtesten Gospelsängerinnen aller Zeiten, die zudem für die enge Verbindung zwischen Musik und Religion stand, die der Gospelmusik zugrundeliegt. Die beiden wurden zu wichtigen Protagonisten des Films, neben Vertretern der nächsten Gospelgeneration, die jeweils von Dorsey oder Ford Smith ausgebildet wurden.
Alle Beteiligten nahmen mich mit offenen Armen in ihre Welt auf – vom ersten Moment an bestand eine besondere Verbindung zwischen uns. Um sie besser kennenzulernen und einen Eindruck von den Menschen zu bekommen, die sie beeinflusst hatten, verbrachte ich Zeit mit Dorsey und Ford Smith, mit ihren Familie und ihren Gemeinden in Chicago und St. Louis. Sie vertrauten mir ihre persönlichsten Geschichten an, erzählten aus ihrem Leben, von ihren Hoffnungen und ihren Enttäuschungen.

Intolerante Kirche
Im Verlauf der nächsten zwölf Monate führte ich ausführliche Interviews und nahm Hunderte von Fotos auf. Auf diese Weise konnte ich sowohl eine Vertrauensbasis zu diesen wunderbaren Menschen aufbauen als auch an der Struktur des Films arbeiten und jene Abschnitte aus dem Leben der Protagonisten auswählen, auf die ich mich im Film konzentrieren wollte. Mein Ziel war es, mit SAY AMEN, SOMEBODY die Gefühle zu vermitteln, die die Musik in mir auslöste, und den Protagonisten meines Films eine Stimme zu geben, um so den Zuschauer*innen einen tiefen und persönlichen Zugang zu ihren Geschichten zu ermöglichen.
SAY AMEN, SOMEBODY stellt die Geschichte der evangelikalen Gospelmusik aus der Perspektive ihrer Pioniere dar und erzählt von den damaligen Schwierigkeiten, diese Musik in Kirchen spielen zu dürfen. Der Film ist gleichermaßen ein Dokument der Hingabe der frühen Gospelmusiker wie des Tributs, das ihr Engagement von ihnen und ihren Familien forderte.
Alle meine Filme adressieren ihr Publikum auf mindestens drei unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig, um so den Zugang zur jeweiligen Thematik zu vertiefen. Sie sind vielschichtig und kreisen um mehr als nur den offensichtlichen Gegenstand des Films. So zeigt SAY AMEN, SOMEBODY auch den Kampf der Frauen gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen sowie die Beziehungen innerhalb der Familien und den Zustand der damaligen Gospelmusik. In ähnlicher Weise thematisierte mein Film THAT RHYTHM… THOSE BLUES die Erfahrungen von Vertretern der frühen Bürgerrechtsbewegung in der Musikindustrie. NO MAPS ON MY TAPS wiederum schildert die Geschichte des Stepptanzes nicht nur als Kunstform, sondern auch als Ausdruck des afroamerikanischen Erbes und seiner Kultur. Die Offenheit, mit der mir die Protagonist*innen aller meiner Filme begegnet sind, ehrt mich und macht mich gleichzeitig demütig. Es ist ein Segen für mich, dass ich an der Leidenschaft und Berufung dieser Menschen teilhaben durfte. (George T. Nierenberg)

Kein Bildungsfilm

SAY AMEN, SOMEBODY ist einer der fröhlichsten Filme, den ich in der letzten Zeit gesehen habe. Er ist zudem auch eines der besten Musicals und einer der interessantesten Dokumentarfilme. Der Film macht einfach Spaß.
Die Musik in SAY AMEN, SOMEBODY ist aufregender und erhebender als jede andere Musik, die ich je in einem Film gehört habe. Auch die Leute in diesem Film sind etwas ganz Besonderes. Der junge New Yorker Filmemacher namens George T. Nierenberg stellt uns zunächst zwei Pioniere des Gospel vor: die 79-jährige Willie Mae Ford Smith und Thomas A. Dorsey, der 83 Jahre alt ist. (...) Der Film beginnt mit je einem Tribut an die beiden: an Smith in einer Kirche in St. Louis, an Dorsey bei einer Versammlung in Houston. Nierenberg schneidet hin und her zwischen ihren Erinnerungen, ihren Familien, ihrer Musik und der Musik, die ihnen zu Ehren von jüngeren Interpreten gesungen wird. Das bewirkt, dass der Film nie zu jener falschen Art von Dokumentarfilm wird, die, vollgestopft mit langweiligen Daten und Orten, wie Bildungsfilme wirken. SAY AMEN, SOMEBODY hört nie auf, sich zu bewegen, und sogar die Daten und Orte werden zu Gegenständen der Kontroverse: Es gibt eine hoch vergnügliche Sequenz, in der Dorsey und Ford Smith einander widersprechen, wer von ihnen wann die erste Gospel Convention ins Leben gerufen hat.
Beeindruckend in allen Musik-Szenen des Films ist die Qualität der Tonwiedergabe. Viele Dokumentarfilme arbeiten mit „zur Verfügung stehendem“ Ton, aufgenommen von Mikrofonen, die eher für die Nachrichtenberichterstattung geeignet sind. Die Konzerte dieses Films wurden mithilfe von acht Mikrofonen aufgenommen, und das Dolby-System produziert entsprechenden Stereoton.
Mit seinem Film hat Nierenberg ein Meisterwerk an Recherche, Sorgfalt und Regieführung geschaffen. Seine Arbeit wäre jedoch bedeutungslos, wenn der Film nicht die Geisteshaltung seiner Protagonisten vermitteln würde. Dies wiederum tut SAY AMEN, SOMEBODY, mit größter Freude – eine herausragende Erfahrung. (Roger Ebert, Chicago Sunday Times, March 30, 1983)

Produktion George T. Nierenberg. Produktionsfirma GTN Pictures, (New York, USA). Regie George T. Nierenberg. Kamera Ed Lachman. Montage Paul Barnes. Sound Design Danny Michael. Ton John Hampton. Digitale Restaurierung Milestone Film & Video, Smithsonian National Museum of African American History and Culture, Academy Film Archive. Mit Thomas A. Dorsey, Willie Mae Ford Smith, Sallie Martin, Delois Barrett Campbell, Zella Jackson Price, Edward O'Neal, Edgar O'Neal, Reverend Frank W. Campbell, Billie Greenbey, Rodessa Porter.

Weltvertrieb Milestone Film & Video
Uraufführung 05. September 1982, Filmfestival Telluride

Filme

1975: The Hollow (64 Min.). 1979: No Maps on My Taps (60 Min.). 1982: Say Amen, Somebody. 1983: Moment of Crisis (30 Min.). 1985: About Tap (30 Min.). 1988: That Rhythm… Those Blues (60 Min.). 1992: Neon Lights (20 Min.). 1995: Gotta Dance! (zwei Teile, jeweils 30 Min.). 2000: Head of the Class: The Lion King (60 Min.). 2005: Bill Withers Just as I Am (20 Min.).

Foto: © 2019 George T. Nierenberg