S.C.U.M. Manifesto 1967

Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig
1976

16.02.2019 16:45 OmEU Kino Arsenal 1

28 Min. Französisch.

S.C.U.M. Manifesto inszeniert eine Lesung von Valerie Solanas’ gleichnamigem Manifest aus dem Jahr 1967. Während im Hintergrund Nachrichtenbilder des männlich dominierten Weltgeschehens über den Fernseher flackern, breitet Delphine Seyrig Valerie Solanas' Thesen zum biologisch unvollständigen und vom Vagina-Neid getriebenen Mann aus.

Carole Roussopoulos wurde 1945 in Lausanne (Schweiz) geboren, sie starb 2009. Sie studierte in Lausanne und zog 1967 nach Paris, wo sie gemeinsam mit ihrem späteren Mann das militante Video-Kollektiv „Video Out“ gründete. 1970 kaufte sie sich auf Anraten ihres Freundes Jean Genet eine tragbare Videokamera und realisierte ihren ersten Film Genet parle d’Angela Davis. 1982 gründete sie zusammen mit Delphine Seyrig und Ioana Wieder das Centre audiovisuel Simone de Beauvoir, das erste Archiv für audiovisuelle Arbeiten mit feministischem Schwerpunkt. Ihre umfangreiche Filmografie umfasst mehr als einhundert Arbeiten.

Delphine Seyrig wurde 1932 in Beirut (Libanon) geboren und verbrachte ihre Kindheit abwechselnd im Mittleren Osten und in den USA. 1952 begann sie eine Schauspielkarriere in Frankreich. 1956 ließ sie sich am Actors Studio in New York ausbilden. Ihre erste Filmrolle spielte sie in Robert Franks Pull My Daisy (USA 1959), in den 1960er und 1970er Jahren wirkte sie in Filmen von Alain Resnais, François Truffaut, Luis Buñuel, Jacques Demy und Chantal Akerman mit. Zur selben Zeit schloss sich Seyrig der Frauenbewegung an. Anfang der 1970er Jahre entdeckte sie im Umfeld von Carole Roussopoulos die Möglichkeiten der Arbeit mit Video; unter anderem drehte sie 1976 mit Roussopoulos den feministischen Film S.C.U.M. Manifesto. Gemeinsam mit Ioana Wieder und Carole Roussopoulos gründete sie 1982 das Centre audiovisuel Simone de Beauvoir, dessen Präsidentin sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1990 war.

Eine wirkliche Utopie

Delphine Seyrig hält ein Buch in der Hand; ihr gegenüber sitzt die Filmemacherin Carole Roussopoulos an einer Schreibmaschine. Im Hintergrund sind auf einem Fernsehbildschirm Livebilder ohne Ton aus einer aktuellen Nachrichtensendung zu sehen. Delphine Seyrig beginnt mit der Lektüre des „S.C.U.M. Manifesto“ (1) von Valerie Solanas (2), Carole Roussopoulos tippt den Text ab. Die Geräusche der klappernden Tasten, des immer wieder zurückgeführten Wagens und der Stimme überlagern sich, sodass ein omnipräsenter Ton entsteht, dessen Rhythmus unsere Wahrnehmung des Textes begleitet. Die ersten Zeilen proklamieren: „Das Männliche ist ein genetischer Unfall, eine unvollständige Frau, eine ambulante Abtreibung. Mann zu sein bedeutet, mangelhaft zu sein.“
Ab und zu hält Carole Roussopoulos beim Tippen inne und stellt den Ton des Fernsehapparates an. Man hört Kommentare von Reportern zu Bildern von bewaffneten Konflikten (die Kamera fährt näher an die Bilder heran) und Antikriegsdemonstrationen von katholischen und protestantischen pazifistischen Frauen in Irland (3).  Der Journalist kommentiert: „Sie wurden von der IRA als Kollaborateure ausgebildet.“
Erneut nimmt Delphine Seyrig die Lektüre des Solanas-Textes auf. Carole fährt mit der Eingabe des Textes auf der Schreibmaschine fort. Die Kamera steht wieder in fester Position, die Bildkomposition ist wie am Anfang des Films. Carole Roussopoulos beendet das Eintippen und hört rauchend und aufmerksam Delphine Seyrig zu. Der Text von Solanas stellt eine Parallele zwischen „jemanden flachlegen“ und „Krieg führen“ her. Die Nachrichtenbeiträge zeigen Polizeigewalt in Argentinien und erneut Demonstrationen von Frauen in Belfast.
Der Text von Solanas ist zu Ende, Carole Roussopoulos nimmt das Blatt Papier aus der Maschine, Delphine Seyrig erhebt sich, und beide verlassen die Bildfläche.
Der Bildaufbau gibt den drei zentralen Figuren/Objekten des Films ihre Bedeutung: Carole Roussopoulos als Vermittlerin des Textes, Delphine Seyrig als Vorleserin des „S.C.U.M. Manifesto“ von Valerie Solanas, und dem Fernsehapparat, der kontrapunktisch dazu Bilder zeigt. Das Manifest ist eine wirkliche Utopie, die die Machtverhältnisse umkehrt, um eine zur Gewohnheit gewordene Situation wirkungsvoller anzuprangern: die Situation des permanenten Krieges, der von Männern auf der ganzen Welt geführt wird. Im Off ist die Stimme von Carole Roussopoulos zu hören, die erläutert, dass Solanas‘ Buch S.C.U.M. in französischer und englischer Sprache vergriffen ist und sie deshalb einige Passagen in Bild und Ton umgesetzt habe. (Nicole Fernandez Ferrer, Centre audiovisuel Simone de Beauvoir)

(1) S.C.U.M. = Society for Cutting Up Men
(2) Valerie Solanas wurde 1936 in New Jersey geboren. 1967 verfasste sie das „S.C.U.M. Manifesto“, das sie 1967 im Eigenverlag veröffentlichte. Zu ihren Werken zählen unter anderem pornografische Novellen. 1968 schoss sie auf Andy Warhol, dem sie vorwarf, ein Theaterstück von ihr nicht finanzieren zu wollen. Sie starb 1988.
(3) Im August 1966 wurden bei einer Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern der IRA und der Polizei drei Kinder getötet. Daraufhin entstand das Women‘s Peace Movement, eine breite Bewegung, die Frauen beider Konfessionen vereint.

 

Produktion Les insoumuses. Regie Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig. Kamera Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig. Montage Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig. Ton Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig. Mit Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig.

Weltvertrieb Centre audiovisuel Simone de Beauvoir

Digitale Restauration durch das Studio der audiovisuellen Abteilung der Bibliothèque nationale de France.

Foto: © Centre audiovisuel Simone de Beauvoir