Juni 2012, kino arsenal

Trinh T. Minh-ha zu Gast

SHOOT FOR THE CONTENTS, 1991

Trinh T. Minh-ha ist Theoretikerin, Autorin, Komponistin und Filmemacherin. In Vietnam geboren und aufgewachsen, kam sie 1970 zum Studium in die USA. Sie lehrte Musik in Dakar / Senegal und ist heute Professorin für Women’s Studies an der Universität von Berkeley und für Film in San Francisco. Seit 1982 dreht sie Filme – in den USA, Westafrika, Vietnam, Japan und China –, die vielstimmige Reflexionen über Repräsentationen, Machtverhältnisse und hybride Identitäten sind und die wie ihre Texte in postkolonialen und feministischen Diskursen einen wichtigen Platz einnehmen. Ihre Filme widersetzen sich herkömmlichen Kategorisierungen und Grenzziehungen. An der Überschneidung von Dokumentarischem, Fiktivem und Experimentellem angesiedelt, arbeiten sie mit verschiedenen Erzählformen, untersuchen Funktion und Ideologie von Sprache, untergraben dominante Repräsentationsmuster und verwenden einen multiperspektivischen, nicht-hierarchischen Blick. Wir freuen uns, Trinh T. Minh-ha zwischen dem 2. und 4. Juni im Arsenal begrüßen zu dürfen und bieten die seltene Gelegenheit, alle ihre sieben bisher entstandenen Filme zu sehen. Hinweisen möchten wir auf die Präsentation des Sammelbandes "Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond" mit einem Beitrag von Trinh T. Minh-ha am 21. Juni im HBC-Berlin.

SURNAME VIET GIVEN NAME NAM (1989, 2.6., anschließend Diskussion mit Trinh T. Minh-ha, moderiert von Tabea Metzel) handelt von den vielfältigen Schichten von Mythen und Geschichte, von denen vietnamesische Frauen geprägt sind. Trinh lässt Frauen sprechen: Zentral im Film sind Interviews, die einer doppelten Verfremdung unterliegen. Aus einem ins Französische übersetzten Interviewband mit vietnamesischen Frauen wurden sie von Trinh mit vietnamesischen Emigrantinnen in den USA nachinszeniert. "So handelt der Film mindestens genauso vom Übersetzen, wie er von Vietnam handelt. Außerdem geht es wieder um das Erzählen: Der Unterschied zwischen sogenannten dokumentarischen und fiktiven Erzählformen bezüglich der beschriebenen Realität ist eine Frage von Fiktivitätsgraden." (Madeleine Bernstorff)

"I do not intend to speak about. Just speak nearby", heißt es im von Trinh selbst gesprochenen Kommentar zu Beginn ihres ersten 16mm-Films REASSEMBLAGE (1982, 3.6., anschließend Diskussion mit Trinh T. Minh-ha, moderiert von Madeleine Bernstorff). Gedreht im Senegal, destilliert sie Töne und Bilder aus dem alltäglichen Leben von Dorfbewohnern und widersteht dem ethnologischen Bedürfnis, den "Anderen" mittels eindeutiger Zuschreibungen erklären zu wollen. Eine Kritik am ethnologischen Blick und der dokumentarischen Autorität, in der sie ihre Position als Filmemacherin ebenso hinterfragt wie sie die Unmöglichkeit einer neutralen und objektiven Sprecherperspektive konstatiert.

NIGHT PASSAGE (2004, 3.6., Einführung Trinh T. Minh-ha) ist eine Hommage an Kenji Miyazawas klassischen Roman "Milky Way Railroad" und erzählt von drei jugendlichen Freunden, die zusammen in einem einsamen Nachtzug eine spirituelle Reise in das Zwischenreich von Leben und Tod machen. Die filmische Reise in eine Welt des Dazwischen übersetzt das Unbewusste in Bilder und schafft Zugänge zu anderen Welten – sinnliche Traumlandschaften, die von einer ebenso traumartigen Musik begleitet werden.

A TALE OF LOVE (1995, 4.6., anschließend Diskussion mit Trinh T. Minh-ha, moderiert von Marc Siegel) Vor dem Hintergrund zeitgenössischen amerikanischen Lebens folgt der Film der Suche einer Frau, die verliebt ist in die Liebe. Die Inspiration entstand durch Das Märchen der Kieu, ein vietnamesisches Liebesgedicht aus dem 19. Jahrhundert, das vom Schicksal einer Märtyrerin erzählt und das zur Metapher und mythischen Beschreibung für das Schicksal Vietnams wurde. Strukturiert durch Voyeurismus, tritt die Handlung zugunsten der filmischen Reflexion zurück und verbindet sich die Vielschichtigkeit von Klängen, Farben und Worten zu einem dichten Raum.

NAKED SPACES – LIVING IS ROUND (1985, 5.6.), über Menschen und ihre Lebensräume in Dörfern in sechs westafrikanischen Ländern, ist einer "Poesie des Verweilens" (Nadja Rottner) verpflichtet, in der ein gesteigertes Bewusstsein für Klang, Musik und Umgebungsgeräusche der / dem Zuschauer/in ein sinnliches Sehen und Wahrnehmen der spezifischen Kultur ermöglicht. Trinh selber: "Der nicht-expressive, nicht-melodische, nicht-narrative Aspekt der Arbeit erfordert eine andere Aufmerksamkeit: eine, die den Ton als Ton hört, das Wort als Wort und das Bild als Bild sieht." Ein Kommentar, der von drei verschiedenen Frauen (darunter Trinh selbst) gesprochen wird, vermittelt unterschiedliche Sichtweisen: die Perspektive der Afrikaner / innen, eine, die der Logik des Westens verschrieben ist, und eine, die auf persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen basiert.

SHOOT FOR THE CONTENTS (1991, 8.6.) Eine Annäherung an die chinesische Kultur durch verschiedene, einander konstrastierende und überlagernde Positionen. Trinh reflektiert politische und kulturelle Fragen von Macht und Veränderung nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 am Tiananmen-Platz. Aussagen von Mao und Konfuzius, klassische chinesische Musik, die Stimmen von Frauen, Philosophen und Künstlern, Aufnahmen des ländlichen China und stilisierte Interviews evozieren Fragen nach der Repräsentation Chinas, der Vielfalt von Identitäten und dem Prozess des Filmemachens selbst.

THE FOURTH DIMENSION (2001, 10.6.) ist eine Erkundung Japans durch seine Kunst, Kultur und Rituale. Die Meditation über Zeremonien  und das Reisen wirft eine Vielzahl von Fragen auf: nach der Erfahrung von Zeit, dem Einfluss von Video auf das Bilder-Machen und die spezifische Ästhetik von Video. Der erste digital gedrehte Film Trinhs eröffnet durch das Filmen durch mobile Rahmen wie Fenster und Türen neue Ansichten.

kino arsenal: UdK-Seminar: Multistabiles Filmemachen

17:00 Kino 2


Grandma Threading Her Needle

The Evil Faerie

Le rêve du maître du ballet

Meshes of the Afternoon

The Teddy Bears

Institutional Quality

Grandma Threading Her Needle George Albert Smith GB 1900 16 mm ohne Dialog 1 min

The Evil Faerie George Landow USA 1966 16 mm ohne Dialog 1 min

Le rêve du maître du ballet Georges Méliès Frankreich 1903 16 mm ohne Dialog 2min

Meshes of the Afternoon Maya Deren USA 1943 16 mm OF 12 min

The Teddy Bears Edwin S. Porter USA 1907 16 mm ohne Dialog 13 min

Institutional Quality George Landow USA 1969 16 mm OF 5 min

Einführung: Kerstin Cmelka
kino arsenal: Die DEFA-Stiftung präsentiert

19:00 Kino 2


Der liebe Gott in Berlin. Gerhard Klein 1920–1970

Der liebe Gott in Berlin. Gerhard Klein 1920–1970

Fred Gehler, Ulrich Kasten D 1997 DigiBeta 45 min

Zu Gast: Fred Gehler
kino arsenal: Trinh T. Minh-ha zu Gast

20:00 Kino 1


A Tale of Love

A Tale of Love 1994 35 mm OmU 107 min

Anschließend Trinh T. Minh-ha im Gespräch mit Marc Siegel
kino arsenal: Die DEFA-Stiftung präsentiert

21:00 Kino 2


Die Russen kommen

Die Russen kommen Heiner Carow DDR 1968/87 35 mm 97 min