Juli 2016, kino arsenal

Schauspielerin, Produzentin, Regisseurin: Ida Lupino

HIGH SIERRA, 1941

Die 1918 in London geborene Ida Lupino stammt aus einer Showbiz-Familie, stand bereits im Alter von 13 Jahren zum ersten Mal vor der Kamera und erhielt zwei Jahre später einen Fünfjahresvertrag bei Paramount. Das vom Production code gebändigte Studiosystem bot für die mit Vorliebe sinnliche, ein wenig wahnwitzige Figuren verkörpernde Lupino zunächst wenig Entfaltungsspielraum. Erst der in den 40er Jahren aufblühende Film noir bescherte ihr eine Reihe von Paraderollen, unter anderem entwarf sie für Raoul Walsh denkwürdige Femme fatales in HIGH SIERRA und THEY DRIVE BY NIGHT. Gemäß den Maßstäben der Industrie hatte Lupino den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Ihren künstlerischen Ambitionen allerdings genügten glamouröse Hauptrollen und der damit verbundene Starruhm nicht. In der zweiten Hälfte ihrer Karriere, von den späten 40er bis in die späten 60er Jahre, widmete sie sich hauptsächlich der Produktion und der Regie in Kino und Fernsehen. Um die Gelegenheit zu bekommen, als Frau auf die andere Seite der Kamera zu wechseln, musste sie freilich erst eine eigene Firma gründen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Collier Young und dem Drehbuchautor Malvin Wald produzierte sie unter dem Banner "The Filmakers" ab 1949 in schneller Folge neun Filme, fünf davon inszenierte sie selbst. NEVER FEAR (1949) war der erste Hollywoodfilm seit Dorothy Arzners First Comes Courage (1943), 
den eine Frau als Regisseurin unterzeichnen konnte. Die schwierigen Bedingungen, mit denen sich Frauen auf dem Regiestuhl konfrontiert sahen (und bis heute sehen), spiegeln sich in den Filmakers-Produktionen wider: Oft stehen Frauen im Mittelpunkt, die sich gegen viele, vor allem auch innere Widerstände einen Platz in der Welt erkämpfen müssen. Die Filme der Filmakers sind jedoch nicht nur weitgehend vergessene Klassiker des feministischen Kinos, sondern auch herausragende Beispiele eines neuen, unabhängigen B-Films, der in den 50er Jahren die klassischen Poverty-Row-Produktionen zu verdrängen begann. Wo jene auf bewährte Genreformeln setzten, ging Lupino Risiken ein, drehte Filme über Vergewaltigung (OUTRAGE), Sadismus (THE HITCH-HIKER) und Ehebruch (THE BIGAMIST). Wer freilich hinter diesen Titeln reißerische Exposés vermutet, wird überrascht sein von dem zärtlichen, zutiefst humanistischen Blick, den Lupino auf ihre Figuren wirft. Die von Hannes Brühwiler und Lukas Foerster kuratierte Filmreihe verbindet beide Aspekte der Karriere und präsentiert jeweils fünf Arbeiten der Schauspielerin und der Regisseurin Lupino.

THE BIGAMIST (Ida Lupino, USA 1953, 2.7., Einführung: Hannes Brühwiler & 9.7.) THE BIGAMIST ist der einzige Film, in dem Lupino sich selbst inszeniert. In ihrer vorletzten Regiearbeit für das Kino spielt sie Phyllis Martin, eine Kellnerin in Los Angeles. Auf den ersten Blick ist diese Phyllis Martin nur die "andere Frau", in die sich der Handelsreisende Harry Graham verliebt, der eigentlich mit seiner Gattin und Geschäftspartnerin Eve ein paar hundert Meilen nördlich in San Francisco lebt. Aber THE BIGAMIST ist eben kein spekulatives Melodram, sondern ein herzzerreissender, zutiefst humanistischer Film über drei Menschen, die besten Willens sind und dennoch aneinander verzweifeln.

THE GAY DESPERADO (Rouben Mamoulian, USA 1936, 3. & 7.7.) Ein Kino voller Mexikaner, unter ihnen der Bandit Pablo Braganza, der von dem Film – einem amerikanischen Gangsterstreifen – so angetan ist, dass er kurzerhand beschließt, seine kriminellen Machenschaften dem Standard der Chicagoer Bosse anzupassen. Da er auch Musik liebt, entführt er noch den Opernsänger Chivo, der wiederum in seiner Gefangenschaft auf Jane (Ida Lupino), ein weiteres Opfer Braganzas, trifft. Es ist ein Kommen und Gehen in THE GAY DESPERADO, man wird entführt, flieht, verliebt sich – und versucht erneut zu fliehen. Rouben Mamoulians filmische Extravaganza ist teils Satire auf das damals aufkommende Genre des Gangsterfilms, teils genüsslich-hysterische Musicalkomödie.

THE MAN I LOVE (Raoul Walsh, USA 1946, 14. & 19.7.) Die Sängerin Petey Brown (Ida Lupino) verlässt New York und besucht zur Erholung ihre Geschwister an der Westküste. Ruhe findet sie auch dort nicht; die Probleme ihrer Familie, ein zwielichtiger Nachtklubbesitzer und San, ein Klavierspieler, der sich in sie verliebt, sorgen für Unruhe. THE MAN I LOVE ist ein zwischen den Genres mäandernder Film, dessen Form stets in Bewegung ist: mal Film noir, dann wieder Musical und immer wieder romantisches Melodrama.

OUTRAGE (Ida Lupino, USA 1950, 5.7.) Lupinos vielleicht wagemutigste Regiearbeit widmet sich einem auch heute im Hollywoodkino noch weitgehend tabuisierten Thema: Die Hauptfigur Ann Walton (die beeindruckende Mala Powers in ihrer ersten großen Rolle) wird früh im Film Opfer einer Vergewaltigung. Der Rest von OUTRAGE ist nicht dem juristischen, sondern dem psychologischen und zwischenmenschlichen Nachhall dieser Gewalttat gewidmet, der existenziellen Verunsicherung einer im Innersten verletzten jungen Frau und einer vorsichtigen, bis zum Schluss brüchigen Rekonvaleszenz.

THEY DRIVE BY NIGHT (Raoul Walsh, USA 1940, 6.7., Einführung: Michael Baute & 9.7.) Der endgültige Durchbruch zum Superstar gelingt Lupino in ihrer zweiten Zusammenarbeit mit Raoul Walsh. Das Lastwagenfahrerdrama ist einer der schönsten Filme über das Leben (und Sterben) "on the road" und ein Musterbeispiel für jene Art wendiges, raubeiniges Bewegungskino, für das der amerikanische Filmkritiker Manny Farber den Begriff "termite cinema" prägte. Wobei: "Der Film entzieht sich jeder Klassifizierung, jedem Genre" (Bernard Eisenschitz). Es geht um zwei Trucker (George Raft und Humphrey Bogart) und zwei Frauen: Ann Sheridan spielt das all-American Girl, Lupino die Femme fatale. Und was für eine Femme fatale! Mit der Wucht eines Zwölftonners kann es ihr eiskalt psychopathischer Killerblick allemal aufnehmen.

NEVER FEAR (Ida Lupino, USA 1949, 17. & 26.7.) Nachdem sie bei dem schon fast komplett von ihr inszenierten "Not Wanted" den Regie-Credit noch dem B-Movie-Veteranen Elmor Clifton überlassen hatte, übernahm Lupino bei NEVER FEAR auch im Vorspann die volle Verantwortung. Die von ihr entdeckte Sally Forrest spielt Carol Williams, eine junge Tänzerin, die an Polio erkrankt. Der Film ist in erster Linie ihrer langsamen, mühsamen Rekonvaleszenz gewidmet: den mit fast dokumentarischer Genauigkeit dargestellten physiologischen Reha-Maßnahmen, aber auch den psychischen Krisen, die sie überwinden muss, um wieder einen Platz in ihrem eigenen Leben einnehmen zu können. NEVER FEAR ist ein im besten Sinne aufmerksamer Film, der ein Auge hat für die kleinen Zärtlichkeiten und Grausamkeiten des zwischenmenschlichen Alltags.

HIGH SIERRA (Raoul Walsh, USA 1941, 4. & 25.7.) Roy Earle, berüchtigter Bankräuber und einst eine grosse Nummer, sieht sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einer ihm feindlich gesinnten Welt. Jüngere Gangster beäugen ihn misstrauisch, und die majestätische Berglandschaft der High Sierra entpuppt sich als ebenso eng wie die Schluchten der Großstadt. Nach THEY DRIVE BY NIGHT ist HIGH SIERRA eine weitere Zusammenarbeit von Raoul Walsh, Ida Lupino und Humphrey Bogart und ein Klassiker des Film noir. Walsh erzählt HIGH SIERRA als aufrichtige Geschichte über Menschen, die versuchen, ihre Träume zu verwirklichen. Das Glück mag Nebenfiguren treffen, nicht jedoch Lupino und Bogart. Ihr Verhängnis ist unausweichlich, das scheinen die Figuren von Beginn an zu wissen – und auch die Zuschauer.

PRIVATE HELL 36 (Don Siegel, USA 1954, 21. & 27.7.) Nicht nur als Hauptdarstellerin, sondern auch als Produzentin und Koautorin dominiert Lupino diesen späten, desillusionierten Noir, einen Film voller hochgradig verletzlicher Menschen, die auf moralisch abschüssigem Gelände den Halt verlieren. Lupino spielt die zynische Nachtclubsängerin Lilli Marlowe, eine melancholische Variation ihrer Femme-fatale-Rollen der 40er Jahre. Die dunkelromantische Emphase ist der puren Gier nach Geld gewichen. Auch dank Don Siegels wie immer hochökonomischer Regie entwickelt die Erzählung um Marlowe und zwei korrupte Polizisten einen unwiderstehlichen Sog.

THE HITCH-HIKER (Ida Lupino, USA 1953, 22. & 30.7.) Zwei Freunde nehmen auf ihrem Weg einen Anhalter mit. Dieser entpuppt sich jedoch als Sadist sondergleichen, der von der Polizei gejagt wird und nun mit erzwungener Hilfe der beiden Hobbyfischer zu entkommen versucht. THE HITCH-HIKER ist die wohl bekannteste Regiearbeit von Ida Lupino. Ein meisterhafter wie harter Film noir, der im Blick des Killers, der selbst im Schlaf ein Auge offen behält, sein unheimliches Abbild findet. Gleichzeitig jedoch liegt Lupinos Interesse in erster Linie nicht in den reißerischen Aspekten der auf einem wahren Fall beruhenden Geschichte.

HARD, FAST AND BEAUTIFUL (Ida Lupino, USA 1951, 24. & 28.7.) Außerhalb der Filme Lupinos blieb Sally Forrest die große Karriere versagt. Für ihre Entdeckerin und Mentorin hat sie jedoch gleich drei denkwürdige Hauptfiguren erschaffen. In HARD, FAST AND BEAUTIFUL, dem letzten dieser drei, verkörpert sie die junge Tennisspielerin Florence. Talent hat diese selbst genug, ehrgeizig ist aber vor allem ihre Mutter Millie (Claire Trevor), die Florence zur Starsportlerin formen möchte, koste es, was es wolle. Am Ende erweist sich HARD, FAST AND BEAUTIFUL weniger als Sportfilm denn als Geschichte einer Emanzipation. "Erstaunlich ist, was die Karrierefrau Lupino wirklich an ihrer Protagonistin interessiert: Nicht, dass sie hart kämpfen muss, um nach oben zu kommen, sondern dass sie lernen muss, sich zu widersetzen, ja sogar zu verzichten." (Michael Kienzl) (hb/lf)

Mit Dank an das Filmpodium Zürich.

kino arsenal: Magical History Tour
: Flanierendes Kino, Flaneure im Film

19:30 Kino 2


La notte

La notte The Night Michelangelo Antonioni Italien/Frankreich 1961
Mit Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Bernhard Wicki
35 mm OmE 122 min

kino arsenal: Schauspielerin, Produzentin, Regisseurin: Ida Lupino

20:00 Kino 1


The Bigamist

The Bigamist Ida Lupino USA 1953
Mit Ida Lupino, Joan Fontaine, Edmund Gwenn, Edmond O'Brien
35 mm OF 80 min
35 mm preservation print courtesy of the UCLA Film & Television Archive. Preservation funding provided by The Film Foundation and the Hollywood Foreign Press Association.

Eröffnung
Einführung: Hannes Brühwiler