März 2020, kino arsenal

Black Light

THE COOL WORLD, 1963

Black Light basiert auf der von Greg de Cuir Jr kuratierten Retrospektive des internationalen Schwarzen Films, die beim letztjährigen Filmfestival von Locarno präsentiert wurde. Wir zeigen eine stark auf das US-amerikanische Kino fokussierte Auswahl, die den Bogen von den späten 10er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zum Jahr 2000 spannt. Diese kann die enorme Vielfalt der cineastischen Auseinandersetzung mit dem Schwarzsein nur ansatzweise darstellen, sie ist als Vorschlag zu verstehen, der zwangläufig unabgeschlossen bleiben muss. Inwiefern lassen sich die in sehr unterschiedlichen Kontexten entstandenen Filme unter einer Überschrift zusammenfassen? Nicht um die „schlichte Repräsentationsvorstellung von einem schwarzen Körper hinter oder vor der Kamera“ (de Cuir) geht es, sondern um gemeinsame Formen von Erfahrungen und geteilter Geschichte, die Rassismus, Selbstermächtigung und Fragen der Repräsentation umfassen. Wir freuen uns, Greg de Cuir Jr an den ersten beiden Abenden der Retrospektive begrüßen zu können. Am zweiten Abend wird er mit dem Filmemacher Kevin Jerome Everson diskutieren, der sich zur Zeit als Fellow der American Academy in Berlin aufhält. „Es gab ein paar grundsätzliche Prinzipien, denen ich gefolgt bin. Zum einen wollte ich eine internationale Auswahl treffen und gleichzeitig sollte die Reihe einen historischen Überblick verschaffen. Ich wusste, dass ich Afrika außen vor lassen wollte. Afrika ist ein Thema, das eine eigenständige Retrospektive verdient. Es verdient einen genauen Blick und einen eigenen speziellen, klugen und wohlüberlegten Ansatz. Stattdessen wollte ich mich auf die Nachkommen konzentrieren, die gezwungen waren, durch die Welt zu reisen, um zu überleben, und ihren eigenen Platz, ihre eigenen Wurzeln zu finden. Ich wusste auch, dass ich den Fokus konkret auf das 20. Jahrhundert richten wollte. Es sollte eine echte Retro sein, die zurückblickt und zurückdenkt, die sich damit befasst, wie wir dort hingekommen sind, wo wir heute stehen, und damit, was uns die Vergangenheit über unsere Gegenwart und vielleicht sogar unsere Zukunft verrät. Und was noch ganz wichtig ist: Die Reihe sollte eine Collage von verschiedenen Stilen, Genres, politischen und ästhetischen Herangehensweisen offenbaren. Ich wollte, dass die unterschiedlichen Werke miteinander in Beziehung treten und gleichzeitig Kontraste setzen, dass sie einen Dialog bilden.“ (Greg de Cuir Jr in ray Filmmagazin)

SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG (Melvin Van Peebles, USA 1971, 10.3., Einführung: Greg de Cuir Jr) Ein Zuhälter rettet einen Black Panther vor Polizeigewalt und tötet zwei rassistische Cops, woraufhin eine Hetzjagd auf ihn beginnt. Die Verbündeten bei Sweetbacks abenteuerlicher Flucht und parallel dazu bei seiner politischen Bewusstwerdung: Prostituierte, die Ghetto Community und eine Truppe Hell’s Angels. Autor, Produzent, Cutter, Regisseur und Hauptdarsteller Melvin Van Peebles verwendete das mit der Komödie Watermelon Man (1970) – der Geschichte eines weißen Rassisten, der eines Morgens als Schwarzer aufwacht – in Hollywood verdiente Geld, um in den Straßen von Los Angeles den ersten unabhängigen black action film zu drehen. Eine wütende, polemische Mischung aus Black Power, Sex und Kampf gegen „the Man“, „rated X by an all-white jury“, wie die Plakate werbewirksam verkündeten. „Die Mutter aller Blaxploitation-Filme und nach wie vor die Messlatte des Genres: Wesentlich radikaler, intensiver und origineller als die kommerzialisierten Nachfolgewerke, die sein Überraschungserfolg schnell zeitigte, präsentiert sich SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG als wahrer independent film.“ (Christoph Huber)

TAKE THIS HAMMER (Richard O. Moore, USA 1964, 11.3., anschließend Gespräch zwischen Greg de Cuir Jr und Kevin Jerome Everson) Die Fernsehproduktion des Senders KQED folgt James Baldwin 1963 bei einem Besuch in San Francisco und zeigt ihn im Gespräch mit der afroamerikanischen Bevölkerung, die auch im vermeintlich progressiven Kalifornien mit mannigfaltiger Diskriminierung konfrontiert ist. Baldwins Interesse galt „the real situation of Negroes in the city, as opposed to the image San Francisco would like to present.“ Das und seine scharfe Analyse der Verhältnisse führten dazu, dass der Sender das knapp einstündige Dokument um 15 Minuten kürzte. Erst seit 2014 ist es als Director’s Cut verfügbar.

STILL/HERE (Christopher Harris, USA 2000, 11.3., Einführung: Greg de Cuir Jr) „We walk down the street and we see all these houses. And all these houses have some kind of brick.“ Der Künstler Christopher Harris wählt eine filmische Form, die zwischen essayistischer Stadtsymphonie und Experimentalfilm schwebt, um den Wandel seiner Heimatstadt St. Louis filmisch zu erfassen. Als studentisches Projekt begonnen und auf 16-mm-Filmmaterial gedreht, filmte er im Nordteil von St. Louis, in dem zur Entstehungszeit des Films die Arbeiterklasse sowie der ärmere Teil der afroamerikanischen Bevölkerung wohnte. Verwahrloste Gebäude, abblätternde Werbung auf den Billboards, aufgegebene und heruntergekommene Kinosäle, Kirchen, durch deren Dächer Bäume sich ihren Weg ins Freie bahnen: Harris’ zutiefst poetischer Film ist ein Fanal der urbanen Trostlosigkeit, in der die wahlweise agile, wahlweise erstarrt beobachtende Kamera wie eine letzte, wehmütige Überlebende der Menschheit wirkt, während der Filmton die Gespenster der Vergangenheit und Zukunft evoziert.

THE BLOOD OF JESUS (Spencer Williams, USA 1942, 12.3.) Ein großer Zug afroamerikanischer Gläubiger begibt sich singend und in festlichem Schritt an ein Flussufer, um dort die Taufe einiger Mitglieder der Gemeinschaft zu vollziehen. Darunter ist auch die fromme Martha, die unglücklich verheiratet ist mit einem Tagedieb und Wilderer, der nichts vom Glauben wissen will. Kurz nach ihrer Rückkehr von der Taufe kommt es zu einem Unfall, bei dem Martha schwer verwundet wird. Während ihr Körper mit dem Tod ringt, gelangt ihre Seele an einen Kreuzweg, wo sie zwischen den Versuchungen der Hölle und dem Himmel wählen muss. Von 1915 bis in die 50er Jahre entstand abseits von Hollywood eine große Anzahl sogenannter „race films“ mit schwarzer Besetzung und für ein schwarzes Publikum. Produziert und inszeniert wurden diese Filme in der Regel von weißen Filmemachern. THE BLOOD OF JESUS war dagegen ein Projekt des afroamerikanischen Schauspielers, Regisseurs und Entrepreneurs Spencer Williams, das mit seiner hypnotischen Gospelmusik und atemberaubenden Bildideen zu einem überragenden Erfolg an den Kinokassen wurde und viele spätere afroamerikanische Filmemacher inspirierte.

DRYLONGSO (USA 1998, 12.3.) Cauleen Smith’ auf 16 mm gedrehter Debütfilm portätiert die junge Kunststudentin Pica, die bei einem Fotografiekurs in Rückstand gerät. Ihr Fokus gilt stattdessen einem Projekt zur fotografischen Dokumentation von schwarzen Männern, die sie aufgrund von Polizei- und Justizgewalt als „gefährdete Spezies“ sieht. Daneben kämpft sie mit der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, lernt aber auch eine Verbündete kennen: Tobi, die sich auf der Straße als Mann ausgibt, um so Belästigungen und ihrem gewalttätigen Ex-Freund zu entkommen. In Form von alltäglichen Begegnungen und Ereignissen erzählt der Film von den großen Themen – Liebe, Tod, Beziehungen zwischen den Geschlechtern – und lebt von der genauen Beobachtung der afroamerikanischen Communitiy in der kalifornischen Bay Area.

SHE’S GOTTA HAVE IT (Spike Lee, USA 1986, 14. & 29.3.) Die selbstbewusste Nola Darling weigert sich, den Erwartungen ihres Umfelds zu entsprechen – so auch der, sich für einen ihrer drei Liebhaber zu entscheiden. Das noch nicht gentrifzierte Brooklyn ist der Schauplatz für eine Heldin, die sich Zuschreibungen verweigert und auf radikaler Selbstbestimmung beharrt, die die Kamera direkt adressiert und die in körnigem Schwarzweiß gefilmte Welt auch mal in Farbe erstrahlen lässt. Spike Lees Durchbruch als Regisseur markiert gleichzeitig den Beginn eines neuen unabhängigen afroamerikanischen Kinos in den USA. Realisiert mit einem minimalen Budget von nur 175.000 Dollar und unter Mitwirkung von Freunden und Familienmitgliedern, spielte er zehn Millionen ein.

DAUGHTERS OF THE DUST (Julie Dash, USA/GB 1991, 13. & 21.3.) Der Film spielt Ende des 19. Jahrhunderts auf den Inseln vor der Küste von South Carolina. Dort lebt das Volk der Gullah – Nachfahren ehemaliger Sklav*innen westafrikanischer Herkunft, die in Kolonien entlang der unteren Atlantikküste Amerikas beheimatet waren. Die Familienmitglieder kommen ein letztes Mal zusammen, bevor die meisten von ihnen aufs Festland aufbrechen. Im Zentrum des Films – fotografiert von Arthur Jafa, einem der bedeutendsten Kameramänner des schwarzen US-Kinos – stehen die Frauen als Bewahrerinnen des afrikanischen kulturellen Erbes. Die nicht-lineare Handlung knüpft an den Griot-Stil der westafrikanischen oralen Kultur an. „Der Griot erscheint bei einer Geburt, einer Hochzeit oder einem Begräbnis und erzählt mehrere Tage lang die Familiengeschichte, wobei seine Erzählungen an der Peripherie ansetzen und sich ein- und aus-, aus- und einfädeln. Ich habe mich entschieden, DAUGHTERS OF THE DUST gemäß dieser Tradition zu erzählen.“ (Julie Dash)

THE HARDER THEY COME (Perry Henzell, Jamaika 1972, 14. & 27.3.) „You can get it if you really want“: Der Reggaestar Jimmy Cliff verkörpert Ivanhoe Martin, einen jungen Jamaikaner vom Land, der auf der Suche nach Arbeit in die Slums der Hauptstadt Kingston kommt. Nachdem er als Fahrradreparateur und Musiker abgezogen wird, gelangt er als Marihuana-Dealer und Copkiller kurzzeitig doch noch zu Geld und Ruhm. Als Inspiration für den Film diente das Leben des jamaikanischen Outlaws „Rhyging“, der in den 40er Jahren nach Kingston zog und durch Schießereien mit der Polizei zum Held der Massen wurde. Der Regisseur Perry Henzell schuf einen wunderbar lebendigen, frechen, farbenprächtigen Film, den er selbst als Ausdruck jamaikanischen Selbstverständnisses verstanden wissen wollte. Als „Midnight Movie“ wurde THE HARDER THEY COME vor allem in den USA zu einem Kultfilm. Der Soundtrack von Jimmy Cliff, Desmond Dekker, den Maytals, Melodians u.a. verhalf dem Reggae zum internationalen Durchbruch.

ORFEU NEGRO (Marcel Camus, Brasilien/F/I 1959, 15. & 19.3.) Mitten in den Vorbereitungen zum Karneval trifft die junge Euridice in Rio de Janeiro ein und begegnet dem Straßenbahnschaffner Orfeu, der als Gitarrenspieler für eine Sambaschule am Karneval teilnehmen wird. Bald treffen Euridice und Orfeu zum zweiten Mal aufeinander und verlieben sich. Dann taucht aus dem wilden Karnevalstreiben eine Gestalt auf, die als Tod verkleidet ist und fortan Euridice verfolgt. In freier Abwandlung des antiken Mythos’ vom Sänger Orpheus und seiner Geliebten Eurydike, die er aus der Unterwelt zu retten versucht, schrieb der brasilianische Schriftsteller Vinícius de Moraes 1956 sein Stück „Orfeu da Conceição“. Der französische Regisseur Marcel Camus formte daraus eines der berühmtesten filmischen Dokumente der afrobrasilianischen Kultur. Auf der Tonebene vermengen sich die von afrikanischen Sklaven entwickelte Sambamusik mit dem Mitte der 50er Jahre entstandenen Bossa-Nova-Stil, der durch ORFEU NEGRO weltberühmt wurde.

LA PERMISSION / STORY OF A THREE-DAY-PASS (Melvin Van Peebles, F 1966, 16. & 27.3.) Der junge schwarze US-Soldat Turner ist in Frankreich stationiert. Bei einem dreitätigen Freigang begegnet er einer Französin und verbringt das Wochenende mit ihr. „Mit einem Drehbuch, das vom CNC mit 60.000 Dollar unterstützt wurde und während sechs Wochen in Paris und Étretat mit einem Budget von 200.000 Dollar gedreht, wählt Melvin Van Peebles’ erster Spielfilm einen kontraintuitiven Ansatz zum Thema Rassismus. Anstatt sich mit wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten oder polizeilicher Verfolgung zu befassen, entwickelt LA PERMISSION / STORY OF A THREE-DAY-PASS eine Situation, in der sein Protagonist allmählich von Glück erfüllt wird. Aber in jedem Augenblick und über jeden Kanal (Sprache, Geste, Fantasie …) kommen Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Fehltritte und Vorurteile ins Spiel, die nicht nur zwischen Menschen herrschen, sondern auch innerhalb der Psyche. Diese permanente Uneinigkeit des Ichs mit sich selbst, des Ichs und der Welt, füllt das Bild und die Tonspur mit Doppelungen, Überlagerungen, symmetrischen und asymmetrischen Echos, die vom Genie des Kinos zeugen, wenn es darum geht, die affektiven Resonanzen eines Konflikts zu verstehen, der seine Akteure durchdringt, strukturiert und über sie hinausgeht.“ (Nicole Brenez)

LOSING GROUND (Kathleen Collins, USA 1982, 17. & 23.3.) Die New Yorker Philosophieprofessorin Sarah arbeitet über Ekstase in der Kunst. Ihr Mann Victor (gespielt von Regisseur Bill Gunn) hat als Maler gerade ein Bild an ein Museum verkauft und möchte den Sommer in Upstate New York verbringen, ungeachtet der Tatsache, dass Sarah für ihre Arbeit Zugang zu einer Bibliothek benötigt. Er zeigt sich von den dörflichen Strukturen, aber auch den Frauen begeistert, sie revanchiert sich, indem sie eine Rolle im Film eines Studenten annimmt. Die in ihrer Leichtigkeit und Hintersinnigkeit an Eric Rohmer erinnernde Komödie um die Liebesverwicklungen eines schwarzen Mittelschichtspaars war Kathleen Collins’ erster und letzter langer Spielfilm – sie starb 1988 mit 46 Jahren an Krebs. Bei seinem Erscheinen fand er wenig Beachtung und bekam in den USA keinen Verleih. Erst 2015 wurde er ins Kino gebracht und genießt seitdem den Ruf eines fast vergessenen Meisterwerks.

WHITE DOG (Samuel Fuller, USA 1982, 18. 3.) Bei einer nächtlichen Autofahrt erblickt die Schauspielerin Julie Sawyer einen auf der Fahrbahn liegenden weißen Hund, der verletzt zu sein scheint und nimmt ihn zu sich. Eines Tages entdeckt sie, dass es sich bei ihm um einen sogenannten „white dog“ handelt, einen Hund, der darauf abgerichtet ist, schwarze Menschen tödlich anzugreifen. Der Tiertrainer Keys stellt sich der Aufgabe, den Hund von seinem angelernten Hass zu befreien. Samuel Fullers Karriere war bereits am Ausklingen, als er über Umwege zu der Regie von WHITE DOG kam, der einen Roman von Romain Gary adaptiert. Der Film wurde zu einem unverwechselbaren Samuel-Fuller-Werk: eine hochkonzentrierte Erzählung, dynamische, bisweilen brutal direkte Bilder, packend und bedrängend in ihrer lehrstückhaften Botschaft. Das Ausnahmewerk, dessen luzides Plädoyer für Toleranz und Vergebung zudem sehr berührend ist, wurde bei seiner Veröffentlichung bizarrerweise zum Teil als rassistisch missverstanden, sodass der Film erst Jahre später seine verdiente Würdigung erfuhr.

WITHIN OUR GATES (Oscar Micheaux, USA 1919, 20.3., am Flügel: Eunice Martins) Eine junge Frau zieht in den Süden der USA und wird Lehrerin in einer unterfinanzierten Schule. Als sie nach Boston reist, um Spenden zu sammeln, begegnet sie einem Arzt und einer weißen Philanthropin, die ihre Sache unterstützen. „Oscar Micheaux’ kühnes, kraftvolles Melodrama von 1919 – der älteste noch erhaltene Spielfilm eines schwarzen amerikanischen Regisseurs – entfaltet die gewaltigen politischen Dimensionen intimer romantischer Krisen. Mit einem flotten und scharfkantigen Stil entwirft Micheaux ein breites Panorama der schwarzen Gesellschaft und porträtiert einen Ingenieur mit internationaler Karriere, einen Privatdetektiv mit einflussreichen Freunden, einen ausbeuterischen Gangster, engagierte Pädagogen – und das entsetzliche Umfeld einer gewalttätigen Rassendiskriminierung, die er schonungslos und grausig ins Bild setzt. Neben seiner Abscheu über die hasserfüllte Rhetorik und mörderische Tyrannei der weißen Südstaatler zeigt Micheaux besonderen satirischen Ekel vor einem schwarzen Prediger, der seiner Gemeinde den Himmel als Lohn für bedingungslose Unterwürfigkeit anbietet. Micheaux’ Erzähltechnik ist so gewagt wie sein Thema, mit Rückblenden und Einschüben, die die Geschichte erweitern.“ (Richard Brody)

KILLER OF SHEEP (Charles Burnett, USA 1978, 20. & 25.3.) Mitte/Ende der 70er Jahre studierten an der kalifornischen Filmhochschule UCLA schwarze Filmemacher*innen, die jenseits des weißen Hollywoods, aber auch der Blaxploitation-Filme nach neuen Bildern suchten, um -afroamerikanische Lebenswelten darzustellen. Charles Burnett war als Kameramann und Regisseur zentrale Figur der sog. „L.A. Rebellion“. Sein Debütfilm zeigt in körnigem Schwarzweiß und mit Poesie und Hingabe Vignetten aus dem Leben des sensiblen Träumers Stan, der mit Frau und Kind in Los Angeles lebt und dessen Job im Schlachthof ihm mehr und mehr zusetzt. Augenblicke einfacher Freuden, ein Tanz mit seiner Frau oder eine Tasse Kaffee lassen Stan für kurze Zeit die harsche Realität vergessen. Eine „heroische Demystifikation“ (David E. James) der Arbeiterklasse, fern jeglicher romantischer Klischees, getragen von Jazz- und Blues-Klängen.

ODDS AGAINST TOMORROW (Robert Wise, USA 1959, 21. & 26.3.) Der alternde weiße Kriminelle David Burke schmiedet den perfekten Plan: einen Banküberfall, der eigentlich nicht schiefgehen kann. Als Komplizen sucht er sich den schwarzen Nachtklubmusiker Johnny Ingram (Harry Belafonte), der dringend Spielschulden abbezahlen muss und den weißen Ex-Sträfling Earle Slater, der mit seinem Misstrauen gegenüber Johnny alles zu sabotieren droht. Der Film noir unter der Regie von Hollywood-Routinier Robert Wise mit seiner Darstellung von moralisch komplexen Figuren erwies sich als ideales Vehikel, um Rassismus, gesellschaftliche Ängste und Spannungen zu thematisieren. Harry Belafonte produzierte den Film mit seiner eigenen Firma HarBel Productions, die die Repräsentation von vielschichtigen schwarzen Charakteren in Hollywood zum Ziel hatte.

A DRY WHITE SEASON (Euzhan Palcy, USA 1989,  22. & 30.3.) erzählt von der allmählichen politischen Bewusstwerdung eines weißen Mannes im Südafrika des Jahres 1976. Ben (Donald Sutherland) führt als Geschichtslehrer ein behagliches Leben mit seiner Familie, völlig abgeschirmt von der Realität seiner schwarzen Landsleute. Als der Sohn seines Gärtners Gordon nach einer Schülerdemonstration erst brutal von der Polizei verprügelt und schließlich im Gefängnis ermordet wird, glaubt er noch an die Richtigkeit des Systems. Erst als auch Gordon spurlos verschwindet, bekommt sein Weltbild Risse und er erkennt, dass das Justizsystem Südafrikas eine Farce ist. Die in Martinique geborene und in Paris ausgebildete Euzhan Palcy war die erste schwarze Regisseurin eines Hollywoodfilms. Sie recherchierte vor den Dreharbeiten geheim in Soweto und kleidete ihre deutliche Anklage gegen das Apartheidsystem in das Gewand eines mitreißenden Mainstream-Films mit Stars wie Donald Sutherland, Susan Sarandon und Marlon Brando sowie den bekannten südafrikanischen Schauspielern Zakes Mokae und Winston Ntshona.

GANJA & HESS (Bill Gunn, USA 1973, 24. & 28. 3.) Der Anthropologe Hess Green (Duane Jones, der Hauptdarsteller aus George A. Romeros Night of the Living Dead) forscht über die alte afrikanische Kultur der Myrthianer, die ein Volk von Bluttrinkern gewesen sein sollen. Sein psychisch labiler Assistent (gespielt von Regisseur Bill Gunn selbst) verwundet Green eines Tages mit einem Dolch, der den Myrthianern für ihre Zeremonien gedient haben soll, und bringt sich danach um. Am nächsten Tag ist Greens Wunde verheilt, doch nunmehr fühlt er sich von Blutdurst besessen. Als er Ganja begegnet, der Frau des Assistenten, werden sie zu einem Liebespaar. Eine unabhängige Produktionsfirma beauftragte den Theaterregisseur Bill Gunn, ihnen im Zuge des Erfolgs der ersten Blaxploitationfilme einen Vampir-Horrorfilm zu liefern. Gunn gestaltete indes einen von der ersten Minute an experimentell montierten, traumentrückten, hypnotischen und mysteriösen Film, in dem der Vampirmythos sich in eine Allegorie verwandelt. Seine Urfassung wurde bei der Premiere in Cannes gefeiert, da er aber an den US-Kinokassen floppte, verunstalteten die Produzenten ihn in zahlreichen alternativen Schnittversionen. Wir zeigen die vom Museum of Modern Art in New York rekonstruierte ursprüngliche Fassung dieses kühnen Filmgedichts.

THE COOL WORLD (Shirley Clarke, USA 1963, 28. & 31.3.) Die New Yorkerin Shirley Clarke gilt mit ihrem Interesse an nichtlinearen Erzählstrukturen und einer dokumentarischen Ästhetik zu einer Pionierin des unabhängigen US-amerikanischen Kinos. In THE COOL WORLD erzählt sie mit einer schnörkellosen Bildsprache vom 14-jährigen Duke, Mitglied einer jugendlichen Straßengang in Harlem, der es sich in den Kopf gesetzt hat, eine Waffe zu besorgen, um damit Anführer seiner Gang zu werden. Die raue Energie Harlems setzt Clarke in eine unmittelbare filmische Erfahrung mit einem Jazzsoundtrack von Dizzy Gillespie um, die in ihrer Abfolge alltäglicher Ereignisse trotz der Darstellung zerstörter Familien, Drogensucht, schwierigen Wohnverhältnissen, Gewalt und Marginalisierung nicht zur Sozialreportage wird. (al/gv)

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