Februar 2019, kino arsenal

49. Forum

SO PRETTY, 2019

Gleich mehrere Filme des diesjährigen Programms finden ihre Inspiration in der Literatur: Ein Roman von Elfriede Jelinek, eine Novelle von Robert Musil und ein Prosatext von Ronald M. Schernikau bilden Vorlage und Ausgangspunkt für Spielfilme aus Österreich, Portugal und den USA. Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma nehmen sich in ihrem Super-8-Stummfilm DIE KINDER DER TOTEN Elfriede Jelineks gleichnamigem Gespensterroman an. Heimatfilm und Home Movie Horror zugleich, lässt er Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, einen lebensmüden Förster und eine syrische Dichterfamilie durch die Steiermark geistern – unheimlich und komisch.

Im Zentrum von Rita Azevedo Gomes’ A PORTUGUESA (The Portuguese Woman) steht die frisch verheiratete Frau des Lord von Ketten, die dieser von Portugal nach Italien holt. Während ihr Mann sich dem Krieg widmet, beginnt sie sich allmählich aus ihrer Einsamkeit zu emanzipieren. Trotz prächtiger Kostüme und opulenter Bilder behält der Film eine sachliche Note – und wartet außerdem mit Ingrid Caven als Bänkelsängerin auf.

In Jessie Jeffrey Dunn Rovinellis SO PRETTY werden Alltag und Politik der West-Berliner Schwulenszene der 80er Jahre in einer queeren WG im heutigen New York neu verhandelt. Der Spielfilm mit autobiografischen Anklängen erzählt die Geschichte von Tonio/Tonia und Franz, Paul und Erika, von politischem Aktivismus und Modellen der Liebe: Adaption, Übersetzung und Re-Lektüre von Ronald M. Schernikaus Roman „So schön“.

Ghassan Salhab kehrt mit einem Film ins Forum zurück, der Rosa Luxemburgs Korrespondenz aus dem Gefängnis zur Grundlage nimmt. UNE ROSE OUVERTE/WARDA (An Open Rose) verbindet Briefe und Fotos mit metaphorisch aufgeladenen Bildern aus dem Libanon und dem winterlichen Berlin zu einer vielschichtigen Collage.

Der große Dokumentarist Thomas Heise zeichnet anhand von Briefen und Dokumenten seine eigene Familiengeschichte über vier Generationen nach. In seinem monumentalen Werk HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT verbinden sich Sprache und Bilder zum eindringlichen Porträt einer Familie, eines Landes und eines Jahrhunderts.

Auch Florian Kunerts Debütfilm FORTSCHRITT IM TAL DER AHNUNGSLOSEN greift deutsche Geschichte auf: In den Ruinen des DDR-Betriebs „Fortschritt“ im sächsischen Neustadt lässt er ehemalige Werksangestellte auf syrische Geflüchtete treffen, die dort nun in Gemeinschaftsunterkünften leben. Archivmaterial aus Zeiten, in denen die Freundschaft zwischen Syrien und der DDR bejubelt wurde, kontrastiert zeitgenössische Aufnahmen von Pegida-Versammlungen.

Zwei Erstlingswerke aus China setzen sich mit Biografien und Erinnerungen auseinander. In Lei Leis Essayfilm BREATHLESS ANIMALS berichtet eine Frau aus dem Off vom Leiden ihrer Familie zur Zeit der Kulturrevolution, während Bilder eines aufstrebenden Landes über die Leinwand flackern: So entstehen zwei konkurrierende Visionen des chinesischen Alltags.
Der erst 22-jährige Zhu Xin inszeniert mit MAN YOU (Vanishing Days) eine geheimnisvoll mäandernde Familiengeschichte. Es ist ein heißer, regenloser Sommer in der Provinzstadt Hangzhou und die 14-jährige Senlin hat Mühe, ihren Aufsatz für die Schule zu schreiben. Als eine alte Freundin ihrer Mutter zu Besuch kommt, verschwimmen Realität, Träume und Erinnerungen.
Der Spielfilm CHUN NUAN HUA KAI (From Tomorrow on, I Will) von Ivan Marković und Wu Linfeng hingegen ist in der Metropole Peking angesiedelt und gibt Einblick in das Leben eines jungen Nachtwächters, der seinen Schlafplatz mit einem Tagarbeiter teilt. In beeindruckend fotografierten, atmosphärischen Bildern erzählt sich das Nebeneinander von Luxus und Prekarität.

Extreme Arbeits- und Lebensbedingungen in Europa findet Bernd Schoch in einem Mikrokosmos in den südlichen Karpaten. Sein Film OLANDA beobachtet eine Gruppe von Familien, die dort über den Sommer in behelfsmäßigen Zeltlagern lebt und im Morgengrauen Pilze und Beeren für die Konsument*innen in Westeuropa sammelt. Die informellen ökonomischen Strukturen vor Ort bilden das kleinste Glied einer europaweiten Handelskette.

Die Erde im Zeitalter des Anthropozän nimmt Nikolaus Geyrhalter in seinem gleichnamigen Film in den Blick. An sieben Orten, die der Mensch gewaltig umgestaltet, zeigt ERDE die zwiespältigen Auswirkungen dieses Schaffens: Es wird umgegraben, angebohrt, abgebaut, beackert und vermessen – ohne Rücksicht auf die Folgen für Umwelt und Natur.

Politische Diskurse der Gegenwart greift auch Jean-Gabriel Périots NOS DÉFAITES (Our Defeats) auf. Zusammen mit Jugendlichen einer Schulklasse reinszeniert er Momente des Streiks, Widerstands und Arbeitskampfs aus Filmen von Jean-Luc Godard, Alain Tanner und anderen. Der Performance folgt die Reflexion: In Befragungen zu ihrem Spiel untersucht der Filmemacher die Sicht einer jungen Generation auf Politik. Kann daraus politischer Aktivismus werden?

Wie jedes Jahr komplettiert das Forum sein Programm mit einer Reihe von Special Screenings, die einer alternativen Filmgeschichtsschreibung verpflichtet sind, wie beispielsweise DELPHINE ET CAROLE, INSOUMUSES (Delphine and Carole) von Callisto Mc Nulty. In den 70er und 80er Jahren nutzten die Filmemacherin Carole Rous-sopoulos und die legendäre Schauspielerin Delphine Seyrig die neue Videotechnik, um an der Seite der Frauenbewegung zu kämpfen. Der Film skizziert die Anfänge einer kreativen politischen Praxis, die kollektive Aktion, mediale Intervention und archivarische Dokumentation frech, subversiv und mit Humor verband.

Mitglieder im Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. erhalten für alle Vorführungen von Forum und Forum Expanded eine Ermäßigung auf den regulären Ticketpreis (gegen Vorlage des Mitgliedsausweises). Auch der Einsatz von Sammelkarten (erhältlich nur im Kino Arsenal) ist in allen Spielstätten von Forum und Forum Expanded möglich.

kino arsenal: Archival Assembly #1

10:00 silent green Kulturquartier


Found Futures I

Found Futures I: Eröffnung mit Projektpräsentationen und Vorstellung des Papers „Call for Action and Reflection on Decolonising Film Archives“
Mit dem Autor*innenkollektiv, Arsenal – Institut für Film und Videokunst, Goethe-­Institut und Dox Box

Eintritt frei
kino arsenal: Archival Assembly #1

13:00


Les nomades du soleil La Suisse s’interroge

Les nomades du soleil (Nomaden der Sonne) Henry Brandt Schweiz 1953 44 min
DCP OmE 44 min
La Suisses’interroge (Die Schweiz im Spiegel) Henry Brandt Schweiz 1964
DCP OF 22min
Digital restauriert von der Cinémathèque suisse

Einführung: Frédéric Maire (Direktor der Cinémathèque suisse)
kino arsenal: Archival Assembly #1

15:15 Kino 1


Hussein Shariffe: Of Dust and Rubies

Hussein Shariffe: Of Dust and Rubies
Of Dust and Rubies, a Film on Suspension Tamer El Said Deutschland 2020
Digital file engl.OF 49 min
Diary in Exile Atteyat Al Abnoudy, Hussein Shariffe Sudan 1993
Digital file OmE 52 min

Mit Tamer El Said (Filmemacher), Eiman Hussein (Psychotherapeutin, Tochter von Hussein Shariffe), Talal Afifi (Sudan Film Factory), Haytham El­Wardany (Autor), Erica Carter (King’s College London) und Stefanie Schulte Strathaus
kino arsenal: Archival Assembly #1

18:30 Kino 1


Die Sammlung Rafla

Die Sammlung Rafla Projektpräsentation mit Filmbeispielen

Mit Tamer El Said, Maged Nader (Cimatheque – Alternative Film Centre), Ali Atef, Dana Enani, Randa Megahed und Ihab Rafla Eintritt frei
kino arsenal: Archival Assembly #1

21:30 Open-­Air-­Kino im Haus der Kulturen der Welt


Ekmek Parasi Geld für’s Brot

*Ekmek Parasi Geld für’s Brot Serap Berrakkarasu Deutschland 1994
DCP OmE 100 min
Premiere der digital restaurierten Fassung