Juli 2019, distribution news

"Querência / Heimkehren"

von Helvécio Marins Jr., Kinostart: 21.11.2019

Marcelo ist Cowboy in der brasilianischen Pampa. Er liebt seinen Beruf, das Reiten, die Rinder, die er zärtlich bei ihren Namen nennt, das Land, das ihn ernährt. Als er bei einem brutalen Überfall auf die Farm nicht verhindern kann, dass hunderte Rinder aus seiner Obhut gestohlen werden, ist nichts mehr wie zuvor. Marcelo wird depressiv und hängt seinen Job an den Nagel. Zum Glück hat er gute Freunde und eine große Leidenschaft: Als Zeremonienmeister bei Rodeo-Shows blüht er zu neuem Leben auf. Seine furios gerappten Ansagen huldigen nicht nur der Cowboykultur, sondern auch der gelebten Solidarität der Landbevölkerung, die wenig Vertrauen in die politische Führung des Landes hat.

Gedreht 2016, in dem Jahr, als die Präsidentin Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores aufgrund von bis dato ungeklärten Anschuldigungen ihres Amtes enthoben wurde, lässt QUERÊNCIA erahnen, warum ein rechter Populist wie Jair Bolsonaro an die Macht gelangen konnte.

In seinem zweiten Spielfilm nach GIRIMUNHO (Swirl, 2011) zeigt Marins' einen aus der Bahn geworfenen, melancholischen Helden, der dennoch ganz bei sich ist. Im Portugiesischen hat das Wort querência mehrere Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es die Fähigkeit von Tieren, zurück an ihren Ursprungsort zu kehren nachdem sie weit weggebracht wurden, zum anderen den Platz in der Rodeo-Arena, an dem sich der Bulle am sichersten fühlt. Beide Bedeutungen finden sich in QUERÊNCIA wieder. Marins' souveräne Inszenierung verzichtet weitgehend auf alles Dramatische und konzentriert sich darauf, einen spezifischen Lebensstil zu porträtieren. Das gelingt nicht zuletzt dank einer Kamera, die Momente der Einsamkeit ebenso präzise einfängt wie die laute Aufregung der Rodeo-Shows und die in warmes Licht getauchte endlose Weite der Landschaft.

Helvécio Marins Jr. (*1973 in Belo Horizonte (Bundesstaat Minas Gerais, Brasilien) studierte zunächst Jura bevor er an der Pontifícia Universidade Católica de Minas Gerais in Belo Horizonte Film studierte. 2014 verbrachte er als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD mehrere Monate in Berlin. Filme (Auswahl): 2005: Nascente. 2006: Trecho. 2009: Nem Marcha Nem Chouta Nor a trot or a cânter. 2011: Girimunho / Swirl (Co-Regie: Clarissa Campolina). 2013: Fernando Que Ganhou Um Pássaro Do Mar / Fernando Who Received a Bird From the Sea (Forum Expanded 2014). 2019: Querência.

Forum 2019

Brasilianisches Rodeo
QUERÊNCIA ist ein Film über das ländliche Brasilien – ein unbekannter, missachteter und an den Rand gedrängter Teil Brasiliens. Der Film porträtiert eine Region, die sich sehr von dem unterscheidet, was sonst in Filmen oder in den Medien thematisiert wird: die Großstädte mit ihren Problemen. In diesem Film aber geht es um das Leben der Protagonisten auf dem Land und um einen Landstrich, der nach wie vor von den Ritualen und Traditionen ihrer Vorfahren geprägt ist. In QUERÊNCIA leben die Menschen vom Ertrag ihres Landes, teilen sich das Land mit ihren Tieren, zu denen sie eine persönliche und liebevolle Beziehung haben – was wiederum ein zentraler Bestandteil ihrer beständigen (und widerständigen!) Kultur ist. Das Verhältnis der Landbewohner*innen zu ihrem Land und ihren Tieren zieht sich durch alle Bereiche des Landlebens und spiegelt sich in religiösen Zeremonien und Festen ebenso wie in der Gastronomie und in der Musik.
Der Film spielt in einer ländlichen Region des Bundesstaates Minas Gerais. Menschen in der Region, wo wir gedreht haben, übernahmen Rollen in unserem Film. Die Handlung beruht zum großen Teil auf wahren Begebenheiten. Marcelo, die Hauptfigur des Films, trägt im richtigen Leben denselben Vornamen; die meisten Figuren sind nach den sie Darstellenden benannt worden. Marcelo spielt einen 30-jährigen Cowboy, der am Flussufer des Urucuia geboren und aufgewachsen ist, jenem Fluss, den die literarische Figur Riobaldo aus Guimarães Rosas Roman „Grande Sertão Veredas“ verehrte. Inzwischen lebt Marcelo auf einer Farm. Der Film macht sich seine Stimme, seinen Körper und seine Gesten zu eigen, um seine Geschichte und die der anderen Cowboys zu erzählen.
Mit nichtprofessionellen Schauspielern zu arbeiten erfordert ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Eine solche Beziehung aufzubauen braucht Zeit – eine Zeit, in der man zusammenlebt und -arbeitet, sich anfreundet und sich austauscht. Dank dieses Annäherungsprozesses war es Marcelo, Kaic, Branco, Roni und den anderen Laiendarstellern möglich, Rollen zu spielen und Regieanweisungen zu folgen, ohne dabei ihre Identität aufzugeben. Diese Zeit war von einer Großzügigkeit geprägt, die sich auch auf der Leinwand wiederfindet.

"… Durch Brasilien zieht sich aber nicht nur ein Riss zwischen Liberalen und Wertkonservativen. Auch Stadt und Land haben sich stark entfremdet. Querência fängt die Verbitterung auf dem Land in den Weitwinkelaufnahmen eines Western ein. Malerisch heben sich die Silhouetten der Farmer vom glühenden Abendhimmel ab, doch Regisseur Helvécio Marins Jr. hat keinen betont kunstvollen, sondern einen beinahe dokumentarischen Spielfilm gedreht." Simon Rayss, www.tagesspiegel.de

"Weite Teile der erzählten Geschichte beruhen auf wahren Begebenheiten, die Darsteller sind aus der Region und spielen sich selbst - Cowboys in der brasilianischen Pampa. Der Regisseur filmt ihren Alltag, was sie essen und trinken, welche Musik sie hören, wie bescheiden sie wohnen, vor allem jedoch zeigt er, wie innig ihr Verhältnis zu den Tieren ist und wie sehr sie mit der Natur verbunden sind. Die Kamera von Arauco Hernandez dokumentiert dies eindrücklich." Daniela Kloock, www.art-in-berlin.de

QUERÊNCIA
HEIMKEHREN
Brasilien / Deutschland 2019. Länge: 90 min. Sprache: Portugiesisch. Sprachfassung: OmU. Regie, Buch: Helvécio Marins Jr.. Kamera: Arauco Hernandez Holz. Montage: Telmo Churro. Musik, Sound Design: O Grivo. Ton: Gustavo Fioravante. Production Design, Kostüm: Denise Vieira. Produktion: Eliane Ferreira, Pablo Iraola, Walter Salles, Paulo de Carvalho, Gudula Meinzolt. Produktionsfirmen: Muiraquitã Filmes (São Paulo, Brasilien), Videofilmes (Rio de Janeiro, Brasilien), Autentika Films (Berlin, Deutschland). Mit Marcelo di Souza (Marcelo), Kaic Lima (Kaic), Carlos Dalmir (Branco), Márcia Rosa (Márcia), Abadia Amparo Pires do Maciel (Badu), Nivaldo Botelho (Nivaldo), Vanessa Ribeiro (Vanessa), Rone Trindade (Rone), Diélyka Souza Maciel (Diélyka), Antonio Pires Maciel (Tonho).