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70 Min. Portugiesisch.

Ein Film als Einladung nach Hause: Zwischen Kaffeekochen und schwulen Sex-Dates offenbaren sich in Marcelos Wohnung in São Paulo so beiläufig wie intensiv seine Fetische und Sehnsüchte. Marcelos engste Vertraute scheinen Bücher zu sein. Ganz besonders Novalis´ Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, dessen Hauptfigur auf der unerfüllten Suche nach einer blauen Blume ist. Auch Marcelo ist ein Suchender und wandelt dabei auf den Spuren seiner ereignisreichen Vergangenheit. Die Kamera beobachtet ihn und fängt seine Erzählungen konzentriert ein, bis ein bloßer Schwenk die Nachstellung einer biografischen Station initiiert. Marcelos Worte stehen nur vermeintlich im Vordergrund. Seine Körperinszenierungen berichten mehr, sie sind performative Speicher von Erinnerungen. Marcelos Wohnung wird zur Bühne seines Lebens – schillernd, kurzweilig, amüsant, ernst und ehrlich. Die Regisseure Vinagre und Carneiro kreieren in ihrer dokumentarischen Inszenierung aus dem geschlossenen Kosmos der Wohnung heraus ein vielschichtiges Universum. A rosa azul de Novalis ist weit mehr als ein offenherziges und intimes Porträt: ein Film wie die Blütenblätter der blauen Blume, zart und betörend zugleich. (Ansgar Vogt)

Gustavo Vinagre wurde 1985 geboren. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität von São Paulo sowie Drehbuchschreiben an der Escuela Internacional de Cine y TV (EICTV) in Los Baños (Kuba). A rosa azul de Novalis ist sein zweiter abendfüllender Film.

Rodrigo Carneiro wurde 1984 geboren. Er studierte Geschichte an der brasilianischen Universidade Federal de Ouro Preto sowie Editing an der Escuela Internacional de Cine y TV (EICTV) in Los Baños (Kuba). 2013 war er Gastwissenschaftler am Institut für Filmwissenschaft der Faculty of Fine Arts der Concordia University in Montreal. Nach drei Kurzfilmen ist A rosa azul de Novalis sein erster abendfüllender Film.

Der Arsch ist demokratisch

Unser Wunsch war es, mit A ROSA AZUL DE NOVALIS einen Film gemeinsam mit einem Protagonisten zu realisieren – nicht über ihn. Generell beginnen wir unsere Projekte damit, dass wir mit der Hauptfigur des Films eine Beziehung auf Augenhöhe aufbauen, ihr die Möglichkeit geben, sich während der Entstehungsphase des Drehbuchs zu äußern und im Zweifelsfall auch ein Veto einzulegen. Dabei geht es uns nicht darum, Kompromisse einzugehen – wir arbeiten nie mit Menschen, die nur ihre ‚schöne‘ Seite präsentieren möchten –, sondern eine Beziehung zu entwickeln, die auf Respekt und Bewunderung für die Menschen beruht, die uns ihre Konflikte anvertrauen.
Am Anfang unserer Arbeit steht immer eine konkrete Realität, die wir nachbilden und in etwas verwandeln, womit dem Zuschauer Themen vermittelt werden können, die oft mit einem Tabu belegt sind. Auch der Protagonist, der sich selbst spielt, kann sich im Verlauf der Arbeit vieler Dinge bewusst werden. Das Gleiche gilt natürlich für uns als Regisseure. Auch wenn unsere Dokumentarfilme jeweils auf Drehbüchern basieren, bleibt doch Raum für Zufälle und Improvisation.
Wir drehen unsere Filme immer in möglichst kurzer Zeit – die Aufnahmen für A ROSA AZUL DE NOVALIS dauerten nur drei Tage  –, das bestärkt das Gefühl, in ein Universum riskanter Möglichkeiten geworfen zu werden und rückt die Dreharbeiten in die Nähe zur Performance. Diese Art von Arbeit setzt immer einen Prozess der Selbsterkenntnis in Gang; viele unserer Filme beschäftigen sich mit erlittenen Traumata und sind überaus dialoglastig (in überwiegend monologischer Form), ähnlich wie psychoanalytische Sitzungen.
Auch A ROSA AZUL DE NOVALIS entwickelt sich in dieser Form. „Go fuck yourself in the ass!“ Was bedeutet diese verbreitete Beleidigung für Menschen, für die der Anus zum Sex gehört? Wem obliegt es festzulegen, welche Teile unseres Körpers als Geschlechtsorgane zu gelten haben? Was können wir über das Auge des Anus (das dritte, mystische Auge) wahrnehmen?
Diese Fragen bilden den Hintergrund der Arbeit an unserem Film. Mit A ROSA AZUL DE NOVALIS wollten wir es dem Zuschauer ermöglichen, in das Innere der Hauptfigur unseres Films einzutauchen, in seine Erinnerungen, Ängste und seine Sehnsüchte. Aus diesem Grund beginnt der Film mit dem Arschloch, das im weiteren Verlauf immer wieder auftaucht. Viele Menschen halten dieses Loch für obskur, uns gewährt es Zugang zu unserem Protagonisten.
Das Bild des Arschlochs in dieser Form sichtbar zu machen, ist notwendig, weil auf Analverkehr in acht Ländern dieser Welt die Todesstrafe steht und weil er in mehr als achtzig Ländern mit lebenslanger Haft geahndet werden kann.
Dabei ist das Arschloch ein Körperteil, das Erregung und Lust erzeugen kann und sich, da es nicht der menschlichen Reproduktion dient, dem traditionellen System der Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht entzieht. Es ist ein Ort, der es erlaubt, anders und aus neuen Perspektiven über den menschlichen Körper nachzudenken. Der Arsch ist demokratisch, jeder hat Zugang zu ihm, und jeder hat seinen eigenen.
In Zeiten von Aids wird die Sache zusätzlich kompliziert. Die Wissenschaft benutzt das Arschloch, um Homosexualität zu pathologisieren. Paul B. Preciado erklärt: „In der Vergangenheit wurde das Arschloch als minderwertiges Organ aufgefasst, das niemals ausreichend sauber und geräuschlos ist. Es ist politisch nicht korrekt und wird es nie sein können.“ Auf der Basis einer Politik der Passivität möchten wir eine Korrektur vorschlagen, nämlich die Wertschätzung der ‚Passivität‘ (in Ermangelung eines treffenderen Begriffs) mittels des Eintauchens in das dunkle Loch, in dem Zeit und Raum nicht existieren, wie im Unterbewusstsein. Das Arschloch muss dringend in den sozialen und politischen Bereich eingeführt werden. (Gustavo Vinagre, Rodrigo Carneiro)

Produktion Gustavo Vinagre, Rodrigo Carneiro. Produktionsfirma Carneiro Verde Filmes (São Paulo, Brasilien). Regie Gustavo Vinagre, Rodrigo Carneiro. Buch Gustavo Vinagre, Marcelo Diorio. Kamera Bruno Risas. Montage Rodrigo Carneiro. Sound Design Ruben Valdes. Ton Ruben Valdes. Production Design Rodrigo Carneiro, Gustavo Vinagre. Kostüm João Marcos de Almeida. Maske Alma Negrot. Mit Marcelo Diorio, Majeca Angelucci, Christian Sedemaka, Rafael Rudolf, Estela Laponi, Beatriz Pomar, Thais Almeida Prado, Marcos Hermanson Pomar.

Uraufführung 25. Januar 2019, Mostra de Cinema de Tiradentes

Filme

Gustavo Vinagre: 2012: Filme para poeta cego / Film for Blind Poet (27 Min.). 2013: La llamada / The Call (19 Min.), Nova Dubai (50 Min.). 2014: Mãos que curam / Healing Hands (19 Min.). 2015: Chutes / Kicks (24 Min.). 2016: Os cuidados que se com o cuidado que os outros devem ter consigo mesmos / The Cares One Takes of the Care Others Must Take of Themselves (21 Min.). 2017: Filme-catástrofe / Disaster Film (18 Min.), Cachorro / Bitch (14 Min.), Medo medo medo / Fear Fear Fear (20 Min.). 2018: Lembro mais dos corvos / I Remember the Crows (82 Min.). 2019: A rosa azul de Novalis / The Blue Flower of Novalis.

Rodrigo Carneiro: 2013: Marília (22 Min.), Microsieverts (7 Min.). 2015: Copyleft (30 Min.). 2019: A rosa azul de Novalis / The Blue Flower of Novalis.

Foto: © Carneiro Verde

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