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79 Min. Italienisch.

Die Familie Durati lebt idyllisch und abgeschieden auf dem Land inmitten von Olivenbäumen. Ihr Alltag ist nicht sonderlich spektakulär, aber demnächst soll die Hochzeit der älteren Tochter gefeiert werden und alle sind auf ihre eigene Art mit den Vorbereitungen beschäftigt.
Der Film macht kein Geheimnis daraus, dass Vater Enzo, Mutter Alice, Tochter Dora und Sohn Matteo den nächsten Tag nicht erleben werden. Das Wissen um das nahende Ende verändert den Blick auf die alltäglichen Verrichtungen und die kleinen und großen Pläne. Die Fragilität des Lebens scheint durch, man meint förmlich, eine Verlangsamung zu spüren. Kleinste Ereignisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt und dadurch mit größerer Bedeutung aufgeladen. Montage, Musik und Kamerafahrten lassen das unentrinnbare Schicksal wie einen tranceartigen Countdown wirken. Mord und Totschlag sind gängige Filmthemen. Indem sie sich radikal auf das Davor konzentriert, erzählt Sara Summa hier auf eine ganz besondere Art und Weise von einem Gewaltverbrechen. Gli ultimi a vederli vivere ist so sehr viel mehr eine zärtliche Erzählung über das Leben als über den Tod. Wir sind die Letzten, die sie leben sehen. (Anna Hoffmann)

Sara Summa wurde 1988 in Frankreich in eine italienische Familie geboren. Sie studierte Film an Universitäten in Frankreich, Italien und den USA, darunter an der Sorbonne (Paris), an der Brown University (Providence, Rhode Island/USA) sowie an der Rhode Island School of Design (USA). Seit 2013 studiert sie Filmregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin. Gli ultimi a vederli vivere ist ihr erster abendfüllender Film.

Die Zeit, die sich nicht fassen lässt

Das Setting ist minimalistisch: ein Haus, ein Tag, vier Figuren. Die Mitglieder der Familie Durati bewegen sich auf dem Grundstück, und wir folgen ihnen ohne bestimmte Absicht. GLI ULTIMI A VEDERLI VIVERE erzählt keine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Der Film gleicht eher einem Trancezustand. Der kontemplative Rhythmus lässt kaum Platz für kritische Distanz: Wir werden mit hineingezogen in das Fließen von einer Figur zur nächsten, von einem Raum zum anderen, einer Handlung zur folgenden. Manchmal wiederholt sich die Zeit mit dem Wechsel der Perspektive, aber der Tag schreitet fort – es ist der Rhythmus des Alltags.
Stück für Stück erkennen wir die Regeln und Mechanismen, von denen die Dynamik innerhalb der Familie beherrscht wird. Mit jeder Szene werden die Figuren definierter, ihre Beziehungen untereinander werden bildlich fassbar, und wir entdecken ihre jeweilige Einzigartigkeit. Dabei geht es nicht um Psychologie – die Erfahrung des Films ist vielmehr plastisch. Die Emotionen, die die individuellen Reisen der Protagonist*innen durch das Leben begleiten, manifestieren sich in ihren Körpern, in ihrem Innehalten, ihrer Physiognomie und der Landschaft, von der sie umgeben sind.
Der willkürliche Tod, der die Figuren am Ende dieses Tages erwartet, verbindet die Banalität des Alltags mit der Einzigartigkeit der menschlichen Existenz. Im Kern meiner Reflexionen zu diesem Film stand die finale Verabredung der Figuren mit dem Tod, die auch unser eigenes Ende spiegelt: oft unerwartet, aber unausweichlich. Der Zuschauer wird zum Zeugen abgerissener Lebensfäden; dadurch wirft der Film ein besonderes Licht auf das Geschehen dieses Tages und besonders auf die Dimension der Zeit, die immer weiter fortschreitet und sich dabei nicht fassen lässt.
Ich bin fasziniert von den Mitgliedern dieser Familie, deren Entscheidungen und Handlungen in traditionellen und religiösen Werten verankert sind. Das ist eine beruhigende und zugleich quälende Art, durch das Leben zu gehen. Sie gibt einerseits viel Sicherheit, lässt aber wenig Raum für individuelle Freiheit. Die Konflikte, mit denen die Figuren konfrontiert sind, offenbaren die Widersprüche und die ambivalente Macht eines konservativen Familienmodells.
Trotz der Steifheit ihrer der Vergangenheit zugewandten Welt projiziert sich jede der vier Figuren während dieses Tages in die eigene Zukunft. Die Entwicklung des Films basiert auf dieser Dynamik – bis am Abend der Tod kommt und alles unterbricht. Dieser unterbrochene Schwung berührt mich besonders. Der Film ist ein Porträt des Lebens als einer Reihe von Sehnsüchten, die uns antreiben und voranbringen. (Sara Summa)

Produktion Cecilia Trautvetter. Produktionsfirma Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (Berlin, Deutschland). Regie, Buch Sara Summa. Kamera Katharina Schelling. Montage Sara Summa mit Unterstützung von Valeska Grisebach. Musik Ben Roessler. Sound Design Michael Holz. Ton Ben Roessler, Fabio Fusillo. Production Design Camille Grangé. Kostüm Gabriella Martino. Maske Chiara Marotta. Mit Canio Lancellotti (Renzo Durati), Pasquale Lioi (Matteo Durati), Barbara Verrastro (Dora Durati), Donatella Viola (Alice Durati), Massimiliano Bossa (Tommaso), Mauro De Felice, Michela Imperatore (Giorgina), Samantha Lioi, Rocco Martino, Antonio Martino.

Weltvertrieb Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Uraufführung 10. Februar 2019, Forum

Filme

2013: Late One Night (7 Min.). 2014: Ricordi, la spiaggia / Remember, the Beach (10 Min.). 2015: Contre les bonnes mœurs, la vie / Against Common Decency, Life (19 Min.). 2016: Vers l’océan / Toward the Ocean (21 Min.). 2017: Große Erwartungen / Great Expectations (4 Min.). 2018: Mes amies / My Friends (37 Min.). 2019: Gli ultimi a vederli vivere / The Last to See Them.

Foto: © Katharina Schelling

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