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Grace Ndiritu bewegt sich zwischen Performancekunst, Aktivismus, Schamanismus, ethischer Mode, publizistischen Tätigkeiten und Film. Ihr zentrales Anliegen: Das Aufspüren von Momenten der Verwandlung unserer zeitgenössischen Welt. Ndiritu ist eine produktive Filmemacherin, die neben experimentellen Fotografien, die sie als „Post-Hippie Pop-Abstraction Collages“ bezeichnet, und schamanischen Performances ein beeindruckendes Archiv von mehr als vierzig „handgemachten“ Videos produziert hat. Neben Ausstellungen in Kunstinstitutionen und auf Biennalen sowie Präsentationen auf Filmfestivals hat sie kürzlich die Publikation „Dissent Without Modification“ mit der Bergen Kunsthall herausgegeben, eine Sammlung von ausufernden Gesprächen mit kompromisslosen und unkonventionellen Frauen, die sie zwischen 2013 und 2016 aufgenommen hat. Diese Gespräche inspirierte wiederum Ndiritus Mode- und Ökologie-Rechercheprojekt „COVERSLUT©“. Das 2018 gegründete Projekt befasst sich mit Jugendkultur, den 1990er-Jahren und zeitgenössischer Politik. Grace bringt alternative Arten der Gemeinschaftlichkeit ins Spiel, indem sie nach Formen des Seins und Lebens inmitten einer Welt sucht, in der die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Rassismus immer noch übersehen werden.

Jareh Das: Deine Arbeit ist enzyklopädisch. Sie umfasst verschiedenste Disziplinen und schließt gleichzeitig eine Vielzahl ungewöhnlicher Lebenserfahrungen mit ein. Was hat Dich dazu gebracht, nach anderen Wegen des „in der Welt seins“ zu suchen und dazu auf alternative, gemeinschaftliche Lebensentwürfe zurückzugreifen?

Grace Ndiritu: Seit ich klein war hatte ich immer eine Neugier auf die große Welt da draußen. Meine Mutter war Feministin und Aktivistin, also bin ich in einem pluralistischen Haushalt aufgewachsen und ging zu antirassistischen Demos und lief bei Anti-Apartheit-Märschen mit. Sie war auch ein bisschen ein Hippie und hatte einen Freund, der einen Wohnwagen hatte und sie zum Findhorn Ecovillage mitnahm, was in der damaligen Zeit für eine afrikanische Frau eher ungewöhnlich war. Auch weil ich einen Teil meiner Kindheit in Kenia verbrachte verstand ich, dass die Welt mehr war als nur mein Haus oder mein Viertel in Birmingham. Und so wollte ich natürlich neue Leute kennenlernen und neue Erfahrungen machen. Das hat sich verstärkt, als ich als Teenagerin alleine zu reisen begann – nach Europa und Indien und dann später in den Rest der Welt. Man könnte sagen, dass ich ein fundamentales Interesse an dem habe, was wir als Menschen gemeinsam haben – im Gegensatz zu dem, was uns unterscheidet. Und hier kommt meine Liebe zur Natur und auch zu esoterischen Themen ins Spiel. Ich untersuche ständig, welche Glaubensgrundsätze uns als Menschen gemeinsam sind. Schamanismus, zum Beispiel, ist die erste „Weltreligion“. Und ich, als jemand, die Schamanismus praktiziert, finde, dass mich das nicht nur zeitlich, sondern auch geografisch mit vielen verschiedenen Kulturen und Völkern verbindet. Das hat zu einem immer stärker werdenden Interesse an Fragen der Umweltgerechtigkeit und der indigenen Landrechte geführt.

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JD: In Deinem Film BLACK BEAUTY: FOR A SHAMANIC CINEMA(2021) verbindet ein Zeitloch den Modernismus mit der Gegenwart, indem es das Model Alexandra Cartier (alias Black Beauty) mit dem Schriftsteller Jorge Louis Borges ins Gespräch bringt. Sie debattieren über Klimawandel, Pandemien, Migration und Zeit. Inwiefern spielt Dein Interesse am Schamanismus als kritisches Werkzeug zur Benennung der alarmierenden Geschwindigkeit, mit der indigene Ökosysteme durch nationale und transnationale Gesetzgebungen in Gefahr geraten, eine Rolle für den Film?

GN: In den letzten vier Jahren habe ich für meine laufende Performancereihe „Healing the Museum“ (fortlaufend seit 2012) recherchiert. Der Ausgangspunkt war die Idee, dass Museen sterben, weil sie den Bezug zu dem, was in der echten Welt vor sich geht, völlig verloren haben. Durch meine Praxis bringe ich nichtrationale Methodologien wie Meditation und Schamanismus ins Museum. Ich biete sie als Wege an, neue Antworten auf soziopolitische Probleme zu finden, indem die rechte Gehirnhälfte angesprochen wird. Einige dieser Aktionen hatten reale Auswirkungen. So habe ich zum Beispiel 2018 für „A Meal for Ancestors: Healing the Museum“ in Brüssel zwei getrennte Gruppen gebildet: Geflüchteten und Aktivist*innen bot ich kostenlose Meditationssessions an, während ich mit Angestellten des Europäischen Parlaments, der UNO und der NATO Visualisierungsworkshops durchführte. Nach vier Monaten brachte ich beide Gruppen für eine schamanische Performance zusammen, die auf eine Heilung des Traumas der syrischen Flüchtlingskrise und der terroristischen Anschläge in Europa abzielte. Dies führte schließlich zu einem Essay, den ein Teilnehmer veröffentlichte, in dem die Definition des Konzepts „Klima-Flüchtling“ beschrieben wird und der nun Teil der Sammlung des Recherchediensts des EU-Parlaments ist.

Man könnte sagen, dass ich ein fundamentales Interesse an dem habe, was wir als Menschen gemeinsam haben – im Gegensatz zu dem, was uns unterscheidet.

All das hat mich angespornt, mich weiter mit Klimathemen zu befassen, was schließlich zu einer Einladung des British Council in Argentinien zu einer Künstler*innenresidenz führte, die gemeinsam mit Arts Catalyst aus Sheffield organisiert wird. Ich nutzte die Residenz in Buenos Aires für die Arbeit am Drehbuch zu BLACK BEAUTY – einem Projekt, das ich schon sehr lange plante. Nachdem ich also durch Patagonien gereist war, verschiedene indigene Gruppen getroffen und einen Workshop mit Klimaforscher*innen, Anthropolog*innen und Genetiker*innen organisiert hatte, um 2020, kurz bevor die Pandemie losging, einige Fragen zu beantworten, fühlte ich mich bereit.

Fragen wie „Wer waren die ersten Menschen in Patagonien? Waren sie Afrikaner*innen? Und wo sehen wir Patagonien in tausend Jahren, in einer Zukunft, die vom Klimawandel bestimmt ist? Wie werden sich Menschheit und Natur aufgrund des Klimawandels genetisch weiterentwickeln?“ Diese Fragen ließen mich eine spekulative Geschichte entwickeln, in der eine Late-Night-Talkshow-Moderatorin namens Karen Roberts im Jahr 1983 den Schriftsteller Jorge Louis Borges zu Klimawandel, Pandemien, Migration und Zeit interviewt.

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Jareh Das ist Kuratorin, Autorin und Wissenschaftlerin. Sie lebt in Nigeria und Großbritannien. Ihre Doktorarbeit im Fach Curating Art and Science, „Bearing Witness: On Pain in Performance Art“ (2018), legte sie am Royal Holloway, University of London ab.

Dieses Interview wurde von BOMB Magazine in Auftrag gegeben und am 5. Januar 2022 in BOMB Daily veröffentlicht. © Bomb Magazine, New Art Publications, und deren Beitragende. Alle Rechte vorbehalten. Das BOMB Digital Archive ist unter www.bombmagazine.org zugänglich.

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