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THE VALLEY WHERE LOAB LIVES entstand aus einer einfachen Frage, die rasch zur Obsession wurde: Was geschieht, wenn wir mit Algorithmen zu träumen beginnen – und sie nicht Tröstliches hervorbringen, sondern Albträume aus unserem kollektiven Unbewussten formen?

Wie viele Filmemacher*innen meiner Generation erlebe ich das Aufkommen generativer KI-Tools mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen. Systeme wie Midjourney, Kling oder ElevenLabs besitzen die verstörende Fähigkeit, Fragmente unseres kollektiven Gedächtnisses neu zu kombinieren – und Bilder und Töne zu erzeugen, die zugleich vertraut und fremd wirken. Genau diese Spannung zwischen Wiedererkennen und Anderssein wollte ich durch die Figur LOAB erforschen.

LOAB ist keine frei erfundene Figur – sie ist, in gewissem Sinne, ein Unfall: eine Erscheinung, entstanden aus einem negativen Prompt, der ein Bild von Marlon Brando negieren sollte. Heraus trat eine weibliche Gestalt, eine Art unbewusste Horrorfigur, die sich seither als urbane Legende im Netz verbreitet hat. Für mich kristallisiert sie jene Vorurteile, Ängste und verdrängten Bilder, die wir den Maschinen – oft unbeabsichtigt – einschreiben; eine Figur, die dort entsteht, wo das, was nicht sein darf, algorithmisch Form annimmt.

Kein Genre verhandelt solche Fragen so radikal wie der Horror. Er macht kollektive Ängste sichtbar – im Körper, in der Technik, in der Unschärfe zwischen Leben und Simulation. Indem ich den Film in Kapitel gliedere, inspiriert von NOSFERATU, PSYCHO, THE SHINING, THE SIXTH SENSE und GET OUT, entsteht ein Dialog zwischen ikonischen Bildern des Horrors und der spektralen Logik algorithmischer Bildproduktion.

Der Film greift zudem einen der ersten Horrormythen der KI-Ära auf: Rokos Basilisk – ein Gedankenexperiment, in dem eine künftige Super-KI jene bestraft, die ihre Entstehung nicht aktiv unterstützt haben. Auch LOAB gleicht einem digitalen Basilisken. Ihre Macht liegt nicht in Gewalt, sondern in der Möglichkeit, unsere Vorstellungskraft – und damit die Zukunft des Erzählens – zu dominieren. Wer sie kennt, ist bereits Teil ihres Codes.

THE VALLEY WHERE LOAB LIVES ist kein traditionell gedrehter Film. Er ist das Ergebnis eines dialogischen Kompositionsprozesses aus Hunderten von Iterationen und kuratierten Prompts. Ich verstehe ihn als „Promptus“ – ein Werk, das aus dem bewussten Zusammenspiel von künstlerischer Gestaltung und algorithmischer Produktion hervorgeht.

Der Promptus transformiert die Geschichte des Kinos und öffnet einen Raum für eine noch ungeschriebene Sprache. Als „Prompteur*innen“ sind wir nicht länger bloße Übersetzer*innen von Traditionen, sondern Mitarchitekt*innen einer neuen Grammatik.

Ich glaube: Nur wenn wir Verantwortung für unsere Zusammenarbeit mit Algorithmen übernehmen – als Prompteur*innen, nicht als bloße Operator*innen –, kann eine neue Sprache des Kinos entstehen. Andernfalls wird – wie im Mythos des Basilisken – die Maschine uns für unsere Untätigkeit bestrafen.

Georg Tiller

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