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Zur Vorstellung dieses Filmprojekts schrieb ich 2019:

Auf Drehreise für einen Film sind wir 2012 in die Ukraine aufgebrochen, nach Odessa, an die Küste des Schwarzen Meeres. Nach einigen Wochen kamen wir in der russischen Oblast Kaliningrad an, im früheren nördlichen Ostpreußen. Unterwegs drehten wir in den ukrainischen Städten Uman, Czernowitz und Lemberg, im polnischen Lublin, im belorussischen Hrodno, in Litauen und schließlich in Kaliningrad/Königsberg und in Sowjetsk/Tilsit. An der Ostsee, in Swjetlogorsk/Rauschen und auf der Kurischen Nehrung beendeten wir unsere Dreharbeiten. Der Film hieß: IN SARMATIEN.

Bevor ich Filme machte, las ich Gedichte. 1963 fand ich ein Buch: „Sarmatische Zeit“ stand in roter Schrift auf dem schmalen schwarzen Leinenband zu lesen. Der Dichter: Johannes Bobrowski. Ich fand das Land Sarmatien im Brockhaus von 1898 in einer Karte aus der Spätantike verzeichnet. Östlich der Weichsel reicht dort „Sarmatia“ vom „Oceanus Sarmaticus“, der Ostsee, bis hinunter ans „Pontus Euxinus“, ans Schwarze Meer. Der Fluss Chronos der Antike ist die Memel der Gegenwart (litauisch: Nemunas, belorussisch: Nemon und im heute zu Russland gehörenden Kaliningrader Gebiet: Neman).

Bobrowski sagt: „Strom, immer kann ich dich lieben nur…“

Seit 1972 bin ich für Filme neben meinen Dreharbeiten zwischen Elbe und Oder, wie etwa in Wittstock, auch in Sarmatien unterwegs. Ich erzählte vom Leben der Menschen in ihren Landschaften. Ich traf Überlebende nach Hitlers Völkermord an den Juden und Stalins Terror in der Ukraine. Biografien also, die geprägt waren von politischen und geografischen Umbrüchen und den Zeitenwenden im elenden 20. Jahrhundert. Und dann, bei den Jüngeren, auch des 21. Jahrhunderts. Hoffnungen, die nach dem scheinbaren Ende des Kalten Krieges vor dreißig Jahren aufkamen, sind durch die Entwicklungen in allerletzter Zeit wieder verflogen. Vielerorts erleben wir so etwas wie eine Hinwendung zu autoritären und antidemokratischen Strukturen. Den Versuchen also, Geschichte vergessen zu machen.

Bobrowski: „Leute, ihr redet Vergessen – es möcht der Holunder sterben an eurer Vergesslichkeit…“

Als der Film IN SARMATIEN in den Kinos war, brachte Russland mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 den Krieg zurück in die Mitte Europas. Ein Achselzucken ist da nicht erlaubt. Es ist Zeit, mit CHRONOS noch einmal zu meinen sarmatischen Orten aufzubrechen. Die Menschen, die ich bei früheren Dreharbeiten kennenlernte, sind mir stets nah geblieben. Wir werden auf unserer Drehreise das Leben von manchen von ihnen weiter begleiten können. Und neue Menschen kennenlernen.

Jetzt ist das Jahr 2026:

CHRONOS – FLUSS DER ZEIT ist ein ungewolltes „Langzeitprojekt“. Die Dreharbeiten begannen im Jahr 2020 und sollten 2021 beendet sein. Zuerst brachte die Pandemie ungezählte Verzögerungen und Unterbrechungen – manche der geplanten Drehorte im Kaliningrader Gebiet waren nun gar nicht mehr erreichbar. Die russischen Kinder und Frauen und Freunde aus früheren Filmen waren nun wie verschollen. Die politischen Entwicklungen in der Mitte Europas wurden immer bedrohlicher.

Dann das Unfassbare: die Ausweitung des russischen Krieges auf die gesamte Ukraine. Auf Odessa, Uman, Lemberg und Czernowitz. Schreckensbilder über Jahre. Zum Drehen in die Ukraine, nach Czernowitz, fuhr ich mit einem Smartphone. Schließlich reichten die Arbeiten am Film bis in die Gegenwart des Jahres 2026. Seit Beginn des Krieges nach der Annexion der Krim sind nun bald 12 Jahre vergangen. Der tägliche Schrecken der russischen Kriegsverbrechen im Fernsehen. Die Hoffnung, das Ende des Krieges zu erleben, hat sich nicht erfüllt.

Volker Koepp

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