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Barbara Wurm: Wie ich hörte, hast Du gerade die Postproduktion abgeschlossen?

Anat Even: Ich habe den Film in Israel mit meinem Cutter Oron Adar geschnitten, mit dem ich seit über 25 Jahren zusammenarbeite. Als wir den Schnitt abgeschlossen hatten, bin ich nach Paris gereist, um das Sounddesign und die Farbkorrektur zu machen. Es gab viel zu tun, vor allem, weil ich hauptsächlich mit einem iPhone gedreht habe. Das Material musste sehr sorgfältig bearbeitet werden.

BW: Wann hast Du Dich entschieden, mit dem Drehen anzufangen?

AE: Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals „entschieden” habe. Gleich nach dem 7. Oktober bin ich zum Kibbuz Nir Oz gefahren, sobald die Straßen wieder offen waren. Ich musste sehen, was geschehen war. Nir Oz war viele Jahre lang mein Zuhause. Enge Freunde wurden getötet oder entführt. Die Häuser waren niedergebrannt, das gesamte Gebiet wurde zur Militärzone. Zunächst hatte ich nicht die Absicht, einen Film zu drehen. Ich stand unter Schock, war voller Wut und Trauer. Aber nach ein paar Tagen hatte ich das Gefühl, dass ich zurück in den Negev musste. Es war fast körperlich, wie ein Impuls. Ich nahm meine Kamera, mein iPhone und ein Stativ und fuhr alleine los. Ich brauchte Zeit zum Beobachten und ich musste allein sein, um nachzudenken: Vielleicht würde die Zeit zu mehr Klarheit führen. Ich begann damit, Standaufnahmen der zerstörten Häuser zu machen. Ich dachte, ich würde nur ein Archiv für den Kibbuz anlegen. Dann fuhr ich durch die Felder in der Nähe der Grenze. Überall standen Panzer, es gab Militärstützpunkte und Barrikaden. Landwirtschaftliche Flächen, Flächen voller Leben, die das Land ernährten, waren zu einem toten, leeren Raum geworden. Während ich filmte, gingen mir Bilder aus Filmen und Literatur durch den Kopf. All diese Kultur, die auf den Menschen, der Liebe, dem Verlangen, dem Krieg, der Zerstörung aufbaut. Und ich fragte mich immer wieder: Wie können Menschen so grausam zueinander sein? Ich hatte noch keinen Plan, keine Worte. Nur meine Beobachtungen.

BW: Wir hoffen, dass der Film in gewisser Weise für Dich spricht.

AE: Das hoffe ich. Die Worte kamen viel später, im Schneideraum mit Oron Adar. Lange Zeit hatte ich nur Bilder. Dann mussten wir entscheiden: Wie viel sagen wir? Wie viel Kontext ist notwendig? Wie vermeiden wir es, etwas so Komplexes zu vereinfachen? Eine Erzählung ist immer ein Dilemma. Wir suchten bis zum letzten Tag nach den richtigen Worten, immer noch verwirrt, immer noch in Trauer.

BW: Hattest Du je das Gefühl, verstanden zu haben?

AE: Manche Ereignisse brauchen Jahre, um verarbeitet zu werden. Was im Negev passiert ist und was in Gaza passiert, ist unbegreiflich. Ich weiß nicht, wie wir von diesem Bruchpunkt aus weitermachen sollen.

BW: Wer ist „wir”?

AE: Die israelische Gesellschaft. Aber hauptsächlich meine Freunde und Kollegen in Menschenrechtsorganisationen. Wir haben von Anfang an demonstriert, gegen den Krieg, gegen die Zerstörung von Gaza, gegen das Aushungern. Leider sind wir eine Minderheit, und die Situation verschlechtert sich weiter. Nach dem 7. Oktober hat sich in der israelischen Gesellschaft etwas grundlegend verändert. Es ist derzeit schwer, sich überhaupt eine politische Perspektive vorzustellen.

BW: Wegen Deiner Verbindung zu Nir Oz – letztes Jahr hatten wir den Dokumentarfilm HOLDING LIAT zu Gast, hast Du davon gehört?

AE: Ich kenne Liat und ihren Mann Aviv seit seiner Kindheit. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber natürlich habe ich davon gehört.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Film ohne Plan begonnen habe, nur mit dem Impuls, einen Ort zu beobachten und zu versuchen, zu verstehen, was ich sehe.

Fabian Tietke: Wann wurde Dir klar, dass Du tatsächlich an einem Film arbeitest?

AE: Hätte ich nicht eine so tiefe Verbindung zu Nir Oz gehabt, wäre ich nicht immer wieder dorthin zurückgekehrt. Ich hatte die Situation nicht unter Kontrolle – die Situation hatte mich unter Kontrolle. Ich war wütend, verwirrt. Ich fragte mich immer wieder: Wie ist es möglich, dass wir diese nationale Orgie des Todes nicht stoppen können? Aber nach einigen Tagen des Filmens wurde mir klar, dass das Material zu einer Metapher für diese absurde, widersprüchliche Realität wurde, in der Israelis und Palästinenser gefangen sind. Das hat mich dazu getrieben, weiterzumachen. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht genug Abstand hatte, dass ich Hilfe brauchte. Ich rief meinen Freund Ariel an, der in Paris lebt. Ich bat ihn, mich auf dieser Reise zu begleiten, damit wir vielleicht gemeinsam einen Weg finden würden. Ich schickte ihm regelmäßig Drehmaterial, und wir sprachen fast jeden Abend miteinander. Monatelang unterhielten wir uns über die Struktur, über die Sprache, darüber, was für ein Film das werden könnte. Diese Gespräche haben mich wirklich gerettet. Der Film entwickelte sich, während ich ihn drehte. Alle meine früheren Filme begannen mit langwierigen Recherchen, einer Frage oder einer bestimmten Idee. Hier gab es nur einen Impuls. Der 7. Oktober stellte alles auf den Kopf.

FT: Wie hast Du angefangen, den Film zu gestalten?

AE: Ich begriff, dass der Film in Nir Oz beginnen und sich in Richtung Gaza bewegen musste, in Richtung dessen, was wir Tag und Nacht ständig hören, die Bombardierungen hinter der Grenze. Das Wort „Vernichtung” war überall, in politischen Reden, in den Medien, auf den Straßen. Die meisten Menschen wollten Rache. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich dieser Sprache widersetzen musste. Seit über 25 Jahren mache ich Filme über den israelisch-palästinensischen Konflikt und die Nakba. Aber das hier fühlte sich beispiellos an. Ich hatte das Gefühl, dass ich über den unvorstellbaren Zustand unserer Existenz sprechen musste, über das Leid und den Verlust, den dieser endlose Konflikt verursacht.

BW: Was war der letzte Film, den Du davor gedreht hattest?

AE: 2017 drehte ich DISAPPEARANCES über Manshiya, eine Gegend am Strand zwischen Tel Aviv und Jaffa, das nach 1948 ausgelöscht wurde. Die Palästinenser wurden vertrieben, dann lebten dort vorübergehend jüdische Einwanderer, und später wurden auch sie vertrieben. Schließlich wurde das gesamte Viertel ausgelöscht und durch einen Park und ein Geschäftszentrum ersetzt. Dieser Film war der letzte Teil einer Trilogie über israelisch-palästinensische Orte, darüber, wie unsere Geschichte in der Landschaft begraben ist.

FT: Wo lebst Du gerade?

AE: Ich bin vor einigen Jahren nach Jaffa gezogen, nachdem ich fast dreißig Jahre lang in der Nähe von Manshiya gelebt hatte. Ich hatte begonnen, einen Film über Jaffa als neuer Einwohnerin zu entwickeln, aber als der Krieg begann, habe ich alles stehen und liegen lassen und stattdessen mit diesem Film begonnen.

BW: Wann wusstest Du, dass der Film ein Ende hatte?

AE: In diesem Film war es die Deadline. Als ihr uns gesagt habt, dass der Film ausgewählt worden ist, waren wir noch am Schneiden, und ich drehte noch bis Ende November weiter. Eigentlich hat sich nichts geändert, auch wenn es einen Waffenstillstand gibt, sodass ich ewig weitermachen könnte, aber die Deadline setzte dem ein Ende.

Mir wurde klar, dass ich nur mein eigenes Material, meine eigene Sichtweise verwenden konnte. Die Stimmen aus Gaza werden ihre eigene Geschichte erzählen.

FT: Wie bist Du formal an diese Entscheidung herangegangen?

AE: Die wichtigste filmische Frage war: Wie beobachten wir? Was bedeutet es, aus dieser Perspektive, aus dieser Entfernung zu beobachten? Irgendwann kam mir HIROSHIMA MON AMOUR (1956) als Referenz in den Sinn, die Frage, was es bedeutet, Zeuge zu sein. Wie nehmen wir das wahr, was wir sehen? Welche Verantwortung bringt unser Blick mit sich, und wie handeln wir danach? Ich kann nur aus meiner Position heraus sprechen, nur mein eigenes Material, meine eigene Perspektive nutzen, um auszudrücken, wie der Krieg das Leben der Menschen beeinflusst, ihr Leiden und ihren Schmerz und das Trauma, das sie ihr ganzes Leben lang mit sich tragen werden. Etwa sechs Monate nach Kriegsbeginn begann ich, Texte von SchriftstellerInnen und DichterInnen aus Gaza zu lesen. Die Sprache, der Schmerz, die Würde – es war überwältigend. Ich beschloss, dass ihre Worte Teil des Films sein sollten, dass ihre Stimmen in der Welt Widerhall finden müssen.

BW: Bist Du so mit Ezzideen Shehab in Kontakt gekommen?

AE: Ich kenne Ezzideen nicht persönlich. Er hat zehn Jahre im Ausland studiert und war fünf Tage vor Kriegsbeginn zurückgekehrt, um seine Familie in Gaza zu besuchen. Über einen deutschen Professor in Jerusalem habe ich Kontakt zu ihm aufgenommen und ihn gefragt, ob ich seine Texte verwenden darf. Er hat ohne zu zögern zugestimmt. Jetzt versuchen wir, ihn aus Gaza herauszuholen. Ich hoffe, wir sehen ihn bald ,außerhalb von Gaza.

FT: Wie kam es zu der Szene, in der Netanjahu den Kibbuz besucht?

AE: Durch Zufall. Ich war dort und plötzlich hörten wir, dass er kommen wird. Es kursierte die Nachricht: „Sagt es niemandem.“ Sie wollten keine Demonstranten. Er schlich sich leise hinein, aus Angst vor den Demonstranten, die ihm überallhin folgten. Ich habe es gefilmt. Stilistisch ist die Szene anders, fast als stamme sie aus einem anderen Film, aber wir konnten sie nicht weglassen.

BW: Kannst Du etwas über Avichai sagen?

AE: Avichai arbeitet bei Breaking the Silence und forscht zu militärischer Bewaffnung. Seit Beginn des Krieges hat er die in Gaza eingesetzten Waffen analysiert. Er hat mir geholfen, sehr genau zu verstehen, was wir dort tun.

BW: Dein Gespräch mit Ariel im Film bricht an einer bestimmten Stelle ab.

AE: Wir sind enge Freunde, aber wir haben viel gestritten, über die Form, über Schwerpunkte, über Verantwortung und Zugehörigkeit. Es war sehr angespannt. Das Schneiden im zweiten Kriegsjahr war ziemlich kompliziert. Ariel hatte aus der Ferne Klarheit. Ich war komplett in das Material vertieft. Wenn man jeden Tag mit den Bildern hantiert, ist das etwas anderes. Ich brauchte mehr Zeit, um zu verstehen, was für einen Film ich mache. Irgendwann sagte Ariel: Nichts spielt eine Rolle außer Gaza. Letztendlich wurde dieser Konflikt Teil der Struktur des Films. Die Unsicherheit, die Meinungsverschiedenheiten, das Suchen – das ist der Film.

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