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„Wovor bin ich weggelaufen? Alles hat mich eingeholt.“

Einar Schleef lässt mich nicht los. Seit dem Tag vor 18 Jahren, an dem ich in einem leerstehenden Karstadt-Gebäude in Halle vor seinen gewaltigen Deutschland-Bildern stand. Mit jeder Stunde und Aberstunde von Material, durch das ich mich gearbeitet habe, hat meine Faszination, mein Staunen über Schleef, den Menschen und den Künstler, immer noch zugenommen. Schleef ermüdet nicht. Er setzt Energie, Gedanken, Gefühle frei. Was Kunst werden soll, muss brennen, sagt Schleef. Ich habe Feuer gefangen.

Schleefs Thema ist auch das meiner Filme, meiner Texte: Unsere Herkunft aus diesem Land und seiner Geschichte. Für mich hat sich kein anderer Künstler dieser Aufgabe so schonungslos gestellt wie Einar Schleef. „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Faust, der ur-deutsche Stoff, an dem Schleef sich sein Leben lang abgearbeitet hat.

Die Brüche in diesem Land laufen quer durch diesen Menschen – die Verheerungen des Krieges, die Teilung Deutschlands, die Verwerfungen der Vereinigung. Schleefs Nicht-Zuhause-Sein-Können ist mir bekannt. Es hat etwas mit diesen Brüchen zu tun, die auch noch durch meine Generation, durch mich hindurch laufen.

Es geht Schleef nie um die „tagespolitische Sauce“, sondern um das, was darunter brodelt, und was weder die sogenannten Leitmedien noch die Politik zu artikulieren und zu binden vermögen. Schleef und seine Kunst wirken wie ein Gegengift: Weil er die Tragik im Leben vieler Menschen, ihren existentiellen Kampf am eigenen Körper und an eigener Seele erleidet.

Die Theater müssten nach jeder Vorstellung brennen, sagt Schleef. Das ist kein Aufruf zur Gewalt, das ist Schleefs Ernsthaftigkeit, mit der er alles aufbietet, um die Menschen aus ihrem Wohlgefühl zu reißen. Kunst darf keine Flucht vor der Realität sein, sie muss Flucht in die Realität sein, in ihrer ganzen Härte.

In Schleefs Inszenierung von „Ein Sportstück“ (Elfriede Jelinek) stählen Heerscharen von jungen Männern und Frauen ihre Körper für den Einsatz in einem neuen Krieg. Das Publikum von 1998 lacht bei dieser Szene. Heute sitze ich im Schneideraum und montiere mit Grauen die Bilder, die von Woche zu Woche mehr Abbild unserer Gegenwart werden. „Wenn ich leide, wie leiden dann die anderen Menschen unter diesen Bedingungen“, sagt Schleef. „Und wenn ich nicht leben kann, wieso können die anderen dann leben.“

Sandra Prechtel

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