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Barbara Wurm (BW): Wir freuen uns sehr, Marie, dass Du mit deinem Film SZENARIO wieder im Forum bist. Wieso hat es dich in die Modellstadt Schnöggersburg verschlagen?

Marie Wilke (MW): Ich war zum ersten Mal im Jahr 2015 auf diesem Truppenübungsplatz. Ich habe ihn während der Dreharbeiten zu meinem Film STAATSDIENER [2015] entdeckt. In Sachsen-Anhalt wollten wir einen Protagonisten besuchen, sind da lang gefahren und ich habe mich gefragt, was das für ein riesiges Gebiet ist, wo keine Häuser stehen. Das war völlig leer. So etwas gibt es in Deutschland ja fast nie. Da bin ich zum ersten Mal darauf aufmerksam geworden, habe dann recherchiert und gesehen, dass dort diese militärische Modellstadt namens Schnöggersburg gebaut wurde. Das fand ich total spannend, denn es gab große Kontroversen darum. Da wurde gefragt: „Wofür brauchen wir denn so eine Modellstadt zum Üben? Für welche Kriege soll da geübt werden?“ So ein Gelände war damals ganz einmalig in Deutschland und auch in Europa. Ich bin hingefahren, habe mit den Leuten geredet, ein bisschen recherchiert und auch schon ein klein bisschen gedreht. Mir wurde dann aber klar gesagt, dass das nicht zu finanzieren ist. Es gibt keinen Aufhänger und kein Interesse. Aber mich haben diese Themen damals schon interessiert: Wie steht Deutschland zu Militär, Krieg, Bundeswehr, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit? Was machen wir da und warum? Außerdem ist dieser Ort sehr geschichtsträchtig. Ich wollte das Projekt nie aufgeben. Ich habe dann [den Produzenten] Heino Deckert von Ma.ja.de. kennengelernt und ihm davon erzählt – er fand es gleich spannend. Zu dem Zeitpunkt waren auf diesem Truppenübungsplatz schon völlig neue Leute, ein Generationenwechsel hatte stattgefunden. Der Kontakt musste neu geknüpft werden und so haben wir 2023 angefangen zu drehen.

Carolin Weidner (CW): Wahrscheinlich hat das Interesse an derlei Themen in den letzten Jahren auch einfach zugenommen, oder? Stichwort „Zeitenwende“, das ja auch im Film fällt.

MW: Das ist natürlich eine Unterstellung, weil ich es nicht genau weiß. Aber ich vermute es einfach, weil es damals nicht möglich schien, Gelder zu bekommen und jetzt, da eine andere Situation herrscht, mehr Interesse da war. Es hat auch ziemlich schnell geklappt mit den Förderungen.

CW: War es schwierig, den Zugang zur Bundeswehr für den Dreh herzustellen?

MW: Das war ein ziemlicher Glücksfall. Auf dem Truppenübungsplatz bin ich auf den Presseoffizier getroffen, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, und der war sofort sehr offen. Und der Oberst, der dort aktuell Kommandant ist, auch. Aber es hat schon ein paar Monate gedauert. Ich bin dann immer wieder hingefahren, habe auch ein Konzept präsentiert, habe mit denen geredet und vor allem klargemacht, dass ich das völlig unabhängig mache, mich nicht beeinflussen lasse. Das habe ich von Anfang an gesagt.

 [Ich habe] klargemacht, dass ich das völlig unabhängig mache, mich nicht beeinflussen lasse

CW: Haben sie sich Deine Filme davor angesehen?

MW: Ja, das fand ich toll. Der Presseoffizier wollte sich meine Filme anschauen und hat es auch getan. Ich war sehr gespannt. Er meinte dann, er findet das interessant.

BW: Und wie waren die Absprachen beim Drehen? Musstest Du bestimmte Dinge beantragen? Gab es Pläne, die sich sogar nach Dir gerichtet haben?

MW: Es gibt im Gefechtsübungszentrum auf diesem Truppenübungsplatz sowieso schon einen Jahresplan. Es steht also eigentlich schon jeder Tag fest. Wir sind diesen Jahresplan durchgegangen und ich habe gesagt, was mich interessiert, wo ich gern dabei wäre. Also nein, sie haben sich nicht nach uns gerichtet. Aber es gab in dem Sinne keine Beschränkungen. Einmal hatten sie eine Art Nachbesprechung nach einer militärischen Übung, da ging es konkret um militärisches Gerät, was geheim ist, und worüber man nicht berichten darf. Da waren wir dann nicht dabei.

CW: Dieses ganze Areal erscheint einem wahnsinnig groß. Gab es konkret die Idee, es filmisch zu vermessen, auch hinsichtlich der Überlagerung der verschiedenen zeitlichen Dimensionen? Ich denke da etwa an die Heeresversuchsanstalt Hillersleben [in der währen der Zeit des Nationalsozialismus Waffen getestet wurden].

MW: Das war von Anfang an mein Konzept. Der Rahmen war immer dieser Platz, dieser Ort.

CW: Schnöggersburg, oder das gesamte Areal?

MW: Der ganze Platz, der ist ja 30 Kilometer lang und Schnöggersburg ist ganz im Norden, aber es gibt eben noch ganz viele andere Stellen. Das war von Anfang an meine Idee: Wir erkunden diesen Ort. Und das ist im fertigen Film fast weniger geworden, als ich es mal ursprünglich geplant hatte. Ich habe dann im Schnitt gemerkt, dass der Ort sich durch das, was wir sehen, sehr miterzählt. Er musste nicht mehr gezeigt werden, er war eigentlich in den Szenen drin.

CW: Wie lange habt ihr gedreht und in wie vielen Etappen?

MW: Wir waren ein Jahr lang dort, zwischen Dezember '23 und Dezember '24 immer wieder. Das waren fast 40 Drehtage. Mal war es nur ein Tag, mal vier Tage.

BW: Du fächerst die Institution auf und drehst, wie Du gerade beschrieben hast, im Grunde bei allen Aktionen mit. Aber es gibt keine Szene, wo Du hinter die Kulissen blickst, wo es um Ideologien oder Problematiken geht, die dahinterstehen. War das eine bewusste Setzung?

MW: Ich merke, dass mich als Filmemacherin am meisten die Momente interessieren, die vielleicht auch etwas Bühnenhaftes haben. Wo Leute sich selbst repräsentieren, sich zeigen. Ich kann da so viel beobachten, die Sprache, wie sich jemand bewegt. Und natürlich sehe ich oft auch ein bisschen mehr als das, was sie zeigen wollen, weil man ja auch den Willen dahinter sieht. Das interessiert mich mehr als ein investigativer Anspruch. Das Beobachten dessen, was ich auch sehen darf, enthält für mich ebenfalls einen Respekt vor der Person. Das sind Menschen, die mitmachen und wir haben ja eine Absprache. Zusammengefasst interessiert mich die Selbstrepräsentation, die Präsentation oder auch Simulation, das Spiel, wo für mich die Realität manchmal fast greifbarer wird als wenn ich hinter die Kulissen blicke.

[Mich interessiert] die Präsentation oder auch Simulation, das Spiel, wo für mich die Realität manchmal fast greifbarer wird als wenn ich hinter die Kulissen blicke.

BW: Ich habe es ein bisschen anders gemeint. Dein Film greift thematisch die Vergangenheitsbewältigung, Gegenwart und Zukunftsaussicht auf. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich dieses Denken auch in Gesprächen zwischen Bundeswehr-Leuten findet: Wie gestaltet man eine Lektion? Was könnten Fallen sein?

MW: Ich habe nach solchen Situationen gefragt. Zum Beispiel, ob es eine Besprechung mit einem Architekten gibt, wie diese Modellstadt saniert oder gebaut werden soll. Aber die gab es einfach nicht. Das ist mir immer wieder in Institutionen aufgefallen, und eben auch bei der Bundeswehr: Es wird nicht so viel verhandelt. Andererseits war die Frage „Wie entsteht die Selbstrepräsentation der Bundeswehr“ auch nicht mein Thema.

CW: Mir erscheint SZENARIO ein wenig wie eine Synthese aus STAATSDIENER und AGGREGAT [2018]. Während sich ersterer ebenfalls auf eine Institution konzentriert, fängt AGGREGAT stark ein Stimmungsbild ein, die Zeit um 2015 mit u.a. Pegida. Nun gibt es ein neues, großes Stimmungsbild und das machst Du anhand der Bundeswehr sichtbar.

MW: Okay, das ist sehr interessant, dass Du das so empfunden hast. Ich habe AGGREGAT während einer Zeit geplant, als Pegida noch nicht so stark war. Der ganze Strang über Rechtsextremismus war als ursprüngliche Intention nicht enthalten. Bei SZENARIO ist es ein bisschen ähnlich. Beides sind Filme, in denen die Zeit schlaglichtartig eine Rolle spielt. In denen ein Umbruch stattfindet. Die Bundeswehr in einer Zeit zu filmen, in der sie sich Dinge fragt wie „Wie sollen wir uns darstellen? Wie sollen wir uns öffnen? Wie sollen wir uns zeigen? Was machen wir hier eigentlich?“, in der viel verhandelt wird und auf dem Prüfstand steht, ist natürlich spannend. Vielleicht gibt es eine größere Offenheit in solchen Zeiten, weil man sich auch zeigen will.

CW: In STAATSDIENER entstand die Spannung, weil Dein Film eine Bewegung der angehenden Polizistinnen und Polizisten nachvollzieht – von den Unterrichtseinheiten geht es hinaus ins Feld. SZENARIO generiert hingegen viel Spannung aus einem ungewissen Zukunftsszenario, das über allem schwebt. Dieses „Was wäre, wenn?“ Hast Du das beim Drehen bereits so empfunden?

MW: Ja, beim Drehen hatte ich schon oft echte Kriegsbilder im Kopf. Es gibt immer einen Bezug zur Aktualität oder zu dem, was sein könnte, und der wird in den Simulationen ja auch erzeugt. Beim Drehen muss ich aber auch einen großen Blick haben, also auf das Früher, Jetzt und die Zukunft. Es geht nicht nur um das, was ich gerade vor mir sehe, sondern in welchem Kontext ich es sehe. Das ist mein Blick beim Drehen.

Es geht nicht nur um das, was ich gerade vor mir sehe, sondern in welchem Kontext ich es sehe. Das ist mein Blick beim Drehen.

CW: Gab es eigentlich Überlegungen, auch einzelne Protagonisten herauszuarbeiten?

MW: Mir war ziemlich schnell klar, dass es keine geben soll und mich vor allem das größere Bild interessiert. Mit Protagonisten wird es zu schnell individuell.

BW: Ich möchte noch einmal zurück zum Presseoffizier. Kannst du einschätzen, was ihn überzeugt hat, Dir die Drehgenehmigung zu erteilen?

MW: Grundsätzlich versuche ich mich in die Leute hineinzuversetzen. Ich frage mich: Was haben sie davon, wenn sie mich hineinlassen? Ich biete meinen unabhängigen Blick und der ist etwas völlig anderes als ein Bundeswehr-Werbevideo. Ich bin da sehr ehrlich. Die Bundeswehr oder auch die Polizei, das sind keine privaten Firmen, sondern Teile der Gesellschaft. Also sollten auch sie eine gewisse Offenheit haben. Die erwarte ich in gewisser Weise auch und finde sie richtig. Und hier hatte ich tatsächlich das Glück, dass das ähnlich gesehen wurde.

BW: Wir waren schon an dem Punkt, dass Dein Film einen Umschwung einfängt. Es geht um Fragen der Militarisierung, der Staatsverteidigung. Das ganze Thema ist wahnsinnig unterschiedlich gelagert und in SZENARIO gibt es keine vehementen Gegner. Ist die Modellstadt manchmal auch mit Protest konfrontiert?

MW: Nein. Früher gab es viele Proteste, vor dem Ukrainekrieg, als sie gebaut wurde. Sie mussten immer erklären, warum sie Millionen ausgeben, um eine U-Bahn zu bauen. Das müssen sie jetzt nicht mehr. Das hat sich geändert. Mich hat dieser Ort schon vor dem Ukrainekrieg interessiert, es ist kein tagesaktuelles Interesse. Ich wollte mir mit dem Film, wenn ich an diesen Ort gehe, alles wieder sehr fremd machen, Krieg fast als Phänomen betrachten. Wenn ich dieses Munitionsmuseum sehe, diese Absurdität darin. Ich erkenne darin eine übergeordnete Absurdität, was Krieg eigentlich ist. Ich möchte noch tiefer gehen in dieser Sache und es aus einer größeren, fremderen Perspektive betrachten.

Ich wollte mir mit dem Film, wenn ich an diesen Ort gehe, alles wieder sehr fremd machen, Krieg fast als Phänomen betrachten.

CW: Kommst Du dem Drang, Sachen neu oder fremd zu begegnen, während des Drehs ausreichend nach und muss es dann nur noch geschnitten werden? Oder erkennst Du später im Schneideraum noch viel?

MW: In der Montage passiert für mich noch sehr viel. Ich fange an zu drehen und habe dieLinien, die mich interessieren, ziemlich klar in meinem Kopf. Aber ich denke trotzdem immer: Wird das überhaupt ein Film? Ich bin da sehr, sehr offen mich nicht zu begrenzen beim Drehen. In der Montage geschieht dann noch einmal so viel, weil man natürlich sieht, was man gedreht hat, was sich herstellt, was hervortritt, wenn man Sachen kondensiert, was für Fäden sich bilden, die man vorher gar nicht gesehen hat. Der Prozess ist eigentlich durchgehend, von Anfang bis Ende.

CW: Seit STAATSDIENER arbeitest du auch mit einem festen Team. Gemeinsam mit Jan Soldat arbeitest du an der Montage, Alexander Gheorghiu ist hinter der Kamera. Was schätzt du an der Zusammenarbeit?

MW: Jan und ich sitzen beide zusammen am Schneidetisch und treffen völlig gleichberechtigt die Entscheidungen. Ich habe in Babelsberg an der Filmuniversität gearbeitet und Jan war da Student, wir kennen uns schon sehr lange und sind auch arbeitsmäßig lange verbunden. Und ich habe das Gefühl, mich eint mit meinem Team, auch mit Alexander, so eine Art Disziplin beim Drehen. Wir nehmen auch den Respekt für die Menschen sehr ernst. Es ist ein Umgang mit Orten und Menschen, den ich schätze. Was Jan und ich außerdem teilen, ist, dass uns das Urteilen vielleicht nicht so interessiert, sondern mehr das Beobachten.

BW: Könntest Du uns ein oder zwei Beispiele nennen, wo Du bei der Arbeit am Film einen echten Erkenntnisgewinn hattest?

MW: Es waren so viele kleine Sachen. Das geht mir immer so, wenn ich in Welten eintauche, die ich nicht kenne. Ich wusste gar nichts über Militär oder wie man Krieg führen übt, wie unfassbar viel da zum Beispiel über Kommunikation geht und wie kompliziert das dann auch ist. Das war mir vorher nicht klar. Auch wusste ich nicht, wie die Bundeswehr den Rekruten und Rekrutinnen die Geschichte nahebringt. Dass sie ganz klar sagen, die Wehrmacht ist kein Teil unserer Identität. Ich wusste ebenfalls nicht, dass die Bundeswehr ein eigenes Konzept hat, was Moral ist und wie nach ihr zu handeln ist. Oder dass gesagt wird: „Jeder Soldat, jede Soldatin muss immer noch einmal überprüfen, ob sie etwas Rechtmäßiges tut oder nicht.“

Ich wusste nicht, dass die Bundeswehr ein eigenes Konzept hat, was Moral ist und wie nach ihr zu handeln ist.

BW: Für mich war es tatsächlich der Moment, wo klar wird, was für eine krasse Aufgabe eigentlich vermittelt werden muss. Dass man über Minimalverfahren und Abläufe, wie die Fahnen-Zusammenlegungs-Szene, am Ende jemanden braucht, der bereit ist, sein Leben zu opfern. Das hat mich angefasst.

MW: Diese eigentlich nüchterne Szene mit dem Zusammenlegen der Fahne hängt für mich stark mit einer Art Pathos zusammen, den es irgendwo braucht: Wofür sollen wir hier unser Leben riskieren? Selbst in Deutschland muss man etwas herstellen, obwohl Pathos den Deutschen ja eher fremd ist. Dadurch wird die Fahne fast etwas Heiliges und man muss sagen, wir verteidigen hier unsere Demokratie. Es muss ja einen Grund geben. Und wie der vermittelt wird, das fand ich sehr spannend, eben gerade in Deutschland. Gleichzeitig wird in den eigenen Werbevideos der Bundeswehr mit unheimlich viel Pathos gearbeitet, mit überbordender Musik und Emotionen.

CW: Der Film endet mit besonders jungen Leuten. Warum wolltet ihr das so setzen?

MW: Für mich war es eher ein Bogen: Der Presseoffizier kommt noch mal mit einer Führung und die sind 14 oder so, das sind Praktikanten, und die sehen das alles mit neuen Augen und es geht noch einmal in diese Modellstadt. Das ist kein Kommentar. Dass es die jungen Leute sind, war für mich nicht entscheidend.

CW: Würdest Du eigentlich sagen, dass sich mit der Zeit für Dich ein eigener Stil oder eine eigene Herangehensweise entwickelt hat? Ich empfinde das durchaus so, und meine es als Kompliment. Wie siehst Du das?

MW: Stil ist immer ein schwieriges Wort. Ich will mich mit etwas dokumentarisch beschäftigen und die Form zu finden ist überhaupt die Aufgabe. Ich habe zum Beispiel auch schon eine Fernsehserie gemacht, die völlig anders ist, weil es auch für den kleinen Monitor, fürs Fernsehen gedacht war. Ich suche eher nach dem, was mich interessiert. Die anschließende Findung der Form, auch während des Drehens, ist die Arbeit für mich.

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