Ein Erlebnis wie dieses verändert ein Leben tief und unumkehrbar. Ich habe länger gezögert, ob ich dieses Thema überhaupt noch einmal aufrollen möchte. Erst im Rückblick, nach etwa zehn Jahren, wurde mir klar, wie lange es gedauert hat, bis das Erlebte tatsächlich in den Hintergrund rückte. Als ich 2022 dann die detaillierten Akten zu meinem eigenen Fall las, hatte ich das Gefühl, so etwas erlebt zu haben und nichts daraus zu machen, wäre ebenso falsch. In dieser Zeit habe ich viel Annie Ernaux gelesen, was mich in diesem Gedanken bestärkt hat.
Von Anfang an war mir klar, dass der Film weder den Täter noch meine Traumafolgen ins Zentrum stellen soll. Mich interessierte vielmehr eine Erzählung, die eine Innenperspektive eröffnet – eine Perspektive, die sich stärker über meine Persönlichkeit, meine Wahrnehmung und meine Beziehung zur Welt definiert als über die Tatsache, Opfer zu sein. Gleichzeitig wollte ich Fragen verhandeln, die mich tief beschäftigen, sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher Art. Beides miteinander zu verknüpfen war eine Herausforderung und ein Experiment, bei dem ich nicht wusste, ob es gelingen kann. Es war ein Prozess, in dem man die vorhandene Vagheit und Ungewissheit annehmen und begrüßen musste.
Besonders wichtig war mir, meine Geschichte nicht als Einzelschicksal zu erzählen, weil sie keines ist. Wir wissen um die Gewalt, der Frauen täglich in Deutschland und weltweit ausgesetzt sind, ebenso wie um die erschreckend hohen Zahlen von Femiziden – auch hierzulande. Diese Frauen bewegen sich nicht in einem luftleeren Raum, sondern in einem sozialen Umfeld, das diese Gewalt mitträgt oder zumindest wahrnimmt. Oft sprechen wir in diesem Zusammenhang von strukturellen Problemen. Mich hat dabei interessiert, wer diese Strukturen eigentlich formt. Sind es nicht letztlich Einzelpersonen, die eine Kultur prägen, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen – oder eben nicht? Nicht selten führen die Fälle einzelner Menschen dazu, dass Gesetze verändert werden, weil sichtbar wird, dass etwas grundlegend falsch läuft. Auch wenn sich das System oft so anfühlt, als arbeite es gegen einen, wollte ich den Fokus bewusst auf das richten, was Einzelne bewirken können. Manchmal braucht es dafür nicht viel. Ein richtiger Satz im richtigen Moment kann viel bewegen – genauso viel, wie er zerstören kann.
WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT ist ein Film über Nähe, Aufmerksamkeit und individuelle Verantwortung. Er glaubt daran, dass es möglich ist, trotz erlebter Gewalt ohne Verbitterung weiterzuleben – aber mit einer angemessenen und vielleicht auch notwendigen Wut.
Daniela Magnani Hüller