april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 4

Elephants Sitting Still

Coronazeit ist Wartezeit: auf ein Ende warten, ohne zu wissen, woran man es erkennt. Das Warten zum Selbstzweck machen. Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, die Welt zu verändern, auch nicht die Erwartungen an die Welt, sondern das Erwartete. So soll es in der nordchinesischen Stadt Manzhouli einen Elefanten geben, der einfach nur dasitzt und die Welt ignoriert. Hu Bos AN ELEPHANT SITTING STILL ist Ausgangspunkt des Programms der vierten Woche.

Statt auf den nächsten Kunden zu warten, eignet sich eine Kartenverkäuferin die Umgebung des Pornokinos an, in dem sie arbeitet (VARIETY von Bette Gordon), und die Verkäuferin eines der ersten Onlineshops der BRD den Bildschirmtext (DIE OPTISCHE INDUSTRIEGESELLSCHAFT ODER DARF’S EIN VIERTEL PFUND MEHR SEIN? von Riki Kalbe). Kalbe drehte auch HEXENSCHUSS: Drei Frauen einer Berliner WG wollen nicht länger warten und bauen einen Störsender, um den Sexismus der Medien offen zu legen.

30 Jahre später wartet eine Mutter mit ihren Kindern vor dem Fernseher darauf, dass die Zeit vergeht (ANOTHER COLOR TV von The Youngrrr), in LILY’S LAPTOP (Judith Hopf) dagegen ist die Tochter allein zu Haus. Vielleicht sind ihre Eltern bei der Arbeit und verbringen den Tag mit Konferenzen, Meetings und Sitzungen: BESPRECHUNG von Stefan Landorf führt in die Welt der Phrasen und Rituale.

Chronophobie klingt wie ein Produkt dieser Welt: Es bezeichnet die Angst vor dem Vergehen der Zeit. Die Heilung besteht darin, diesen Prozess zu verlangsamen oder zu stoppen. DIE ZEIT VERGEHT WIE EIN BRÜLLENDER LÖWE von Philipp Hartmann versucht das Unmögliche.

Während das Virus unsere Gegenwart nicht nur ausbremst, sondern gleichzeitig beschleunigt, uns bedroht, aber auch Denkräume öffnet, bringt das Warten unzählige Menschen in akute Lebensgefahr und das nicht erst seit Corona. LE CUIRASSÉ ABDELKARIM (Battleship Abdelkarim von Walid Mattar) inszeniert eine Gruppe junger Menschen, die darauf warten, ein Visum für Europa zu bekommen. NOW: END OF SEASON (Ayman Nahle) macht uns zu Mithörer*innen eines gescheiterten Telefonats, während wir syrischen Geflüchteten beim Warten in der Türkei zusehen: Präsident Hafiz al-Assad wartet in der Leitung auf Ronald Reagan, der beim Reitausflug ist. LES SAUTEURS (Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé) zeigt das Warten auf den nächsten „Sprung“ von Afrika in die EU, vom Berg Gurugu in die spanische Enklave Melilla an der nordafrikanischen Mittelmeerküste.

Meanwhile: THE MERMAIDS, OR AIDEN IN WONDERLAND (Karrabing Film Collective) erzählt von einer Zukunft, in der es Europäer*innen nicht mehr möglich ist, für längere Zeit im Freien zu überleben. Es scheint, als könnten nur indigene Menschen noch existieren.

PHANTASIESÄTZE (Dane Komljen) befragt die Bäume, nachdem die Städte am Fluss vor langer Zeit von einer Seuche befallen wurden.

Aufgrund der hohen Nachfrage haben wir Tamer El Saids IN DEN LETZTEN TAGEN DER STADT noch einmal ins Programm genommen. Auch hier geht es um’s Warten: Auf eine neue Wohnung, einen neuen Film – auf eine Zukunft.

Und schließlich zeigen wir den lang ersehnten zweiten Teil von Ulrike Ottingers Berlin-Trilogie: FREAK ORLANDO.

april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 3

In dem wöchentlich wechselnden Streaming-Programm präsentiert arsenal 3 in seiner dritten Woche 15 Kurz- und Langfilme, in denen Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns in den Blick genommen werden.

Das Arsenal möchte das Streaming-Programm mit Filmen aus dem eigenen Verleih, darunter viele, die im Forum oder Forum Expanded gelaufen sind, weiterhin kostenlos für alle Interessierten anbieten und trotzdem den Filmemacher*innen Lizenzen auszahlen. Dabei helfen Spenden und Fördermitgliedschaften.

Gemeinsames Handeln


„… in hunderten von Fotosessions, in denen alles in der Wohnung Vorhandene als Draperie und Requisite diente, loteten wir Möglichkeiten von Gestik, Haltung und Mimik aus.“ (Ulrike Ottinger über ihre Arbeit mit Tabea Blumenschein)


Kino ist kollaboratives Arbeiten. Systemverändernde Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns erforschen Minze Tummescheit und Arne Hector mit ihrem Interviewfilm IN ARBEIT (2012) sowie Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger mit dem 2007 in Kabul gedrehten PASSING THE RAINBOW. Um gemeinsame Körpersprache und Sinneswahrnehmung geht es Annika Larssons BLIND (2011) und Agnieszka Brzezanskas BLUE MOVIE (2013). Die Filme THE RIGHT (2015) von Assaf Gruber und DIE AUSSTELLUNG (2005) von Juliane Zelwies verhandeln Beziehungsgeflechte in der Kunstwelt. Das gleiche versuchen die Filme A CRIME AGAINST ART (2007) von Hila Peleg und KILLER.BERLIN.DOC (1999) von Jörg Heitmann und Bettina Ellerkamp, in denen reale Figuren aus der Kunst- und Kulturwelt sich selbst spielen, einmal in einer Gerichtsshow und das andere Mal in einem Kriminalspiel.

Zwei Filme entstammen dem Programm des diesjährigen Forum Expanded: Emily Jacir bittet in LETTER TO A FRIEND (2019) die Forschungsagentur Forensic Architecture um die Einleitung einer Untersuchung noch bevor etwas passiert ist. Caitlin Berrigan folgt in IMAGINARY EXPLOSIONS (2019) einer Gruppe transfeministischer Wissenschaftler*innen, die dem Wunsch der Erde nachkommen wollen, alle Vulkane gleichzeitig ausbrechen zu lassen. Diesen ganz neuen Arbeiten stellen wir zwei historische Filme gegenüber, die das Arsenal digital restauriert hat: In RAMDENIME INTERWIU PIRAD SAKITCHEBSE (Einige Interviews zu persönlichen Fragen, UdSSR/Georgien 1978) erzählt Lana Gogoberidse von der Verzahnung des Privaten mit dem Politischen und in den Kurzfilmen von Ibrahim Shaddad, Mitglied der Sudanese Film Group, wird die Frage des gemeinsamen Handelns zu einer Frage von Leben und Tod.

Schließlich freuen wir uns ganz besonders, in den kommenden drei Wochen die Berlin-Trilogie von Ulrike Ottinger präsentieren zu können. Wir beginnen mit BILDNIS EINER TRINKERIN(1979) und erinnern damit an die kürzlich verstorbene Schauspielerin und Künstlerin Tabea Blumenschein.

märz 2020, kino arsenal

arsenal 3 - week 2

Die erste Woche war ein großer Erfolg! Nicht nur das Filmprogramm wurde intensiv genutzt, wir hatten auch tolle Gespräche mit Filmemacher*innen und Publikum. Wir wissen, unser Webauftritt ist nicht perfekt, aber wir lernen gemeinsam und arbeiten daran. Und wir können es gleichzeitig kaum erwarten, Euch alle irgendwann im arsenal 1 und arsenal 2 wiederzusehen!

Wie alle beschäftigt uns im Hintergrund die Frage, wie es weitergeht, deshalb nochmal die Bitte: Spendet, wenn Ihr könnt, damit wir das Programm weiterhin kostenlos anbieten und trotzdem den Filmemacher*innen Lizenzen auszahlen können, und werdet Mitglieder oder Fördermitglieder im Arsenal.

märz 2020, kino arsenal

Arsenal 3 jetzt geöffnet für alle

Am Freitag, den 13. März haben wir – um der weiteren Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken – alle Veranstaltungen im Kino Arsenal 1 + 2 bis einschließlich 19. April ausgesetzt und u.a. unser Jubiläumsprogramm zum 50. Berlinale Forum sowie die Forum Expanded-Ausstellung vorzeitig beendet.

Das Forum Expanded-Thema „Part of the Problem“ hat sich plötzlich – weit mehr als erhofft – selbst erklärt: Als Veranstalter*innen sind wir immer Teil dessen, womit wir uns beschäftigen, nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie wir das tun. Es geht uns darum, uns nicht nur zu den Filmen, sondern auch zur Welt zu verhalten. Die Orte, an denen wir das verhandeln, das Kino und die Ausstellung, sind uns jetzt zwar vorübergehend abhanden gekommen, aber die Filmemacher*innen und Künstler*innen, die Filme, das Publikum und auch das Arsenal sind noch da, zumindest die Institution mit ihren Mitarbeiter*innen. Und wir machen weiter und gestalten das Kino als sozialen Raum jetzt kurzfristig um.

Nur: Ohne den Schutz von drei Wänden und einer Leinwand gibt es ein Problem: Alle sehen den Film und das ist nicht allen recht. Deshalb haben wir uns an die Filmemacher*innen und Künstler*innen gewandt, deren Filme wir im Verleih haben. Ihre Reaktion hat uns überwältigt: Ohne zu zögern haben sie uns sofort so viele Filme für die Onlinepräsentation zur Verfügung gestellt, dass wir damit wochenlang Programme gestalten könnten. Und nicht nur das: Jede Zustimmung ging einher mit einer bedingungslosen Solidaritätsbekundung. Wir brauchen die Filmschaffenden, aber sie brauchen auch uns. arsenal 3 ist deshalb noch viel mehr das, was Kino eigentlich immer ist: ein kollaboratives Projekt.

märz 2020, edition

Neu auf DVD: "Shaihu Umar" und Filme der Sudanese Film Group

Im März erscheinen in Kooperation mit der Filmgalerie 451 zwei neue DVDs in der Arsenal edition. SHAIHU UMAR von Adamu Halilu (Nigeria 1976) galt lange Zeit als verschollen. Dem Film liegt die gleichnamige Erzählung von Abubakar Tafawa Balewa, dem ersten Ministerpräsidenten Nigerias, zugrunde. Im Rahmen der Kooperation des Arsenal und der Nigerian Film Cooperation wurden Negative und Filmkopien im nationalen Filmarchiv in Jos wiederentdeckt und restauriert.

Im Jahr 1989 gründete sich die Sudanese Film Group mit dem Ziel, an allen Aspekten der Filmproduktion, der Filmvorführung und der Lehre beteiligt zu sein und die Leidenschaft der

Sudanes*innen für das Kino aufrechtzuerhalten. Der Putsch im selben Jahr beendete jedoch jegliche kulturellen Bestrebungen. Erst im Jahr 2005 konnte sich die SFG erneut registrieren. Auf der DVD werden acht kurze und mittellange Filme der Regisseure Suliman Elnour, Eltayeb Mahdi und Ibrahim Shaddad aus den Jahren 1964 bis 1989 veröffentlicht.

kino arsenal: Die DEFA-Stiftung präsentiert: Die Kunst der Pantomime

19:00 Kino 2


Der Mantel

Der Sonntagsmaler

Die Kunst der Pantomime

Filme mit Marcel Marceau
Der Mantel Wolfgang Schleif
DDR 1952 DCP 32 min
Der Sonntagsmaler Wolfgang Schleif
DDR 1952 DCP 14 min
Die Kunst der Pantomime Wolfgang Schleif
DDR 1952 DCP 33 min

Einführung: Barbara Barlet und Philip Zengel (DEFA-Stiftung)
kino arsenal: Es war einmal Beirut – Hommage Jocelyne Saab

20:00 Kino 1


Dunia – Kiss Me Not on the Eyes

*Dunia – Kiss Me Not on the Eyes Ägypten/Libanon 2006
Mit Hanan Turk, Mohamed Mounir
35 mm OmE 113 min

kino arsenal: Die DEFA-Stiftung präsentiert: Die Kunst der Pantomime

21:00 Kino 2


Der junge Engländer

Der junge Engländer Gottfried Kolditz
DDR 1958 35 mm 69 min