Februar 2018, kino arsenal

Werkschau Ula Stöckl

DAS ALTE LIED, 1992

"'Das Private ist politisch' ist ein Schlüssel zur Filmkunst, mit dem ich die Machtstrukturen bis in die intimsten Beziehungen hinein aufzeigen kann." (Ula Stöckl) Wie ein roter Faden zieht sich dieser Gedanke nicht nur durch Ula Stöckls filmisches Œuvre, er grundiert gleichermaßen ihre umfassende kuratorische Tätigkeit in zahlreichen internationalen Auswahlgremien wie ihre bis heute andauernde Lehrtätigkeit als Regie-Professorin in den USA. Und er reicht bis in die frühen 60er Jahre zurück, als sie begann, als eine der wenigen Frauen in der Bundesrepublik Filme zu drehen. Anfang der 60er Jahre stand für Ula Stöckl fest, dass sie als Drehbuchautorin arbeiten wollte. Sie bewarb sich an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und wurde als erste Frau am Institut für Filmgestaltung aufgenommen. Alexander Kluge, der zusammen mit Edgar Reitz die Abteilung Film aufbaute, fragte sie damals, ob sie sich vorstellen könne, als Filmemacherin Alleinverantwortung für ihr Werk zu übernehmen. Das sei etwas völlig Neues, man wolle an die Autorenposition aus der Frühzeit des Films anknüpfen. Ihren ersten Kurzfilm drehte Ula Stöckl mit einer stummen 35-mm-Arri-Kamera gleich in den Festungsanlagen neben der Hochschule: ANTIGONE (1964), das klassische Epos, in sieben Minuten, auf reine Handlungsmomente reduziert. Ihr Langfilmdebüt NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (1968) gilt als der erste feministische Film der Bundesrepublik und avancierte zu einem Kultfilm der 60er Jahre.

Ula Stöckl schrieb, realisierte und produzierte über 25 Dokumentar-, Spiel- und Fernsehfilme, in deren Mittelpunkt starke mythologische Frauenfiguren, Beziehungs- und Generationenkonflikte und das Aufspüren gewalttätiger Machtstrukturen stehen. Zusammen mit Edgar Reitz entstanden "Die Geschichten vom Kübelkind" (25 Episoden) und "Das goldene Ding".

Viele Jahre war Ula Stöckl als Mitglied von Auswahlgremien verschiedener internationaler Festivals wie auch als Moderatorin tätig: 20 Jahre im Auswahlkomitee für den Wettbewerb der Berlinale; 15 Jahre als Auswahlberaterin des Festival de Films de Femmes in Sceaux und Créteil bei Paris; zwei Jahre als Mitglied der Auswahljury für die Filmfestspiele in Venedig. 1999 erhielt sie den Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste. Seit 2004 ist sie als Professorin an der Universität von Central Florida (UCF) tätig. Ihre Schwerpunkte sind Regie und Produktion sowie Frauen im Film, Frauen vor und hinter der Kamera und der deutsche Film.

Die von Bärbel Freund und Thomas Mauch kuratierte Werkschau mit 17 Filmen von Ula Stöckl aus den Jahren 1963 – 1993 und zuletzt 2014 zeigt einen Ausschnitt aus ihrem Werk. Ula Stöckl wird bei allen Vorführungen zu Gast sein.

DER KLEINE LÖWE UND DIE GROSSEN oder DIE PATRIARCHEN UND DIE DIPLOMATIE (BRD 1973, 9.2.) Der kleine Löwe ist der elfjährige Martin, der mit seinem Patenonkel eine Reise nach Rom unternimmt. Wegen seines schönen Haars wird Martin immer für ein Mädchen gehalten. Der Onkel will, dass er zum Friseur geht, aber Martin ist es ganz egal, ob man ihn für ein Mädchen hält. Kindliche Selbstbehauptung gegen Erziehungsmaßnahmen der Großen.

ERIKAS LEIDENSCHAFTEN (BRD 1976, 9.2.) "Vier Jahre lang haben sich Erika und Franziska nicht gesehen. Zehn Jahre zuvor hatten sie die Illusion, die gleichen Chancen zu haben: weil sie gleich jung waren, beide attraktiv, beide phantasievoll. Erika (Karin Baal) ist die Praktische. Sie sagt: Ich verdiene uns die Brötchen, finde Du heraus, was Dich interessieren könnte in der Welt. Was sie nicht ausspricht ist ihre Erwartung: … und dann verdienst Du die Brötchen und ich darf in die Welt. Franziska (Vera Tschechowa) läßt sich gerne in die Welt schicken, wechselt oft und ausgiebig die Ziele und kommt nie zu einem Ende – vielleicht, weil es für sie keins gibt." (Ula Stöckl)

GROSSKÜCHE (BRD 1964, 10.2.) Eine Miniatur aus der Zeit der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Kartoffelschälerinnen bei der Arbeit. Zweck der Arbeit: Kartoffelsalat in großen Mengen.

EIN GANZ PERFEKTES EHEPAAR (BRD 1974, 10.2.) "Angela (Doris Kunstmann) hat eine Nische im Fernsehprogramm entdeckt, sie berät Ehepaare in der Krise. Ihr Ehemann (Gerd Baltus) teilt mit Kollegen ein Institut für Psychotherapie. Den Kollegen gegenüber verteidigt er Angelas Erfolg damit, dass Intuition manchmal erfolgreicher als akademische Ergebnisse sein könne. Beide bemühen sich um Gleichberech-tigung und versprechen, in einer offenen Be-ziehung beieinander zu bleiben. Aber Männer haben einen strukturellen Vorsprung in Beziehungen, Frauen meistens das emotionale Nachsehen. Angela bringt die Rivalin um, und Robert freundet sich mit dem Liebhaber seiner Frau an." (Ula Stöckl)

MUSIKER WEBER (BRD 1963, 10.2.) Eine Miniatur aus der Zeit der Ulmer Hochschule für Gestaltung.

DER SCHLAF DER VERNUNFT (BRD 1984, 10.2.) "Eine meiner Lieblingsfiguren der Mythologie ist Medea, die aus Liebe zu einem Mann ihre Macht aufgibt und teuer dafür bezahlt. In meiner Version zeige ich Dea (Ida di Benedetto), eine erfolgreiche Frauenärztin, im letzten Stadium ihrer Ehe: Die beiden Töchter sind erwachsen und suchen ihren eigenen Weg. Der Mann, Jason (Christoph Lindert), hat eine Geliebte und will sich von Dea trennen. Jason und Dea haben als junge Menschen mit gleichen Chancen begonnen, Medizin zu studieren. Aber er wählt die Arbeit in einem Pharmakonzern, sie die Arbeit für ein Forschungsprojekt über die Kontrazeptionspille. Sie kämpft gegen die Pille, er dafür." (Ula Stöckl) Der Film wurde 1985 mit dem Deutschen Filmpreis, dem Filmband in Silber und dem Preis der Deutschen Filmkritik ausgezeichnet.

HIRNHEXEN (BRD 1972, 11.2.) Plötzlich hat sich einer umgebracht. Man mutmaßt, man glaubt zu wissen, man sagt: Er hat’s getan, weil … "Ein sanfter, zärtlicher Film, der zu seinen Darstellern so freundlich ist wie seine Figuren es sich wünschen. Die Kamera schaut geduldig, das Magnetofon hört in die Stimmen der jungen Laiendarsteller hinein. Wie einer in die Haut eines anderen schlüpft: nicht ihn versteht, aber von ihm verändert wird, der Film macht das vor." (Enno Patalas)

HASE UND IGEL (BRD 1974, 11.2.) Die Schwierigkeiten, denen Frauen in ihrer sexuellen Selbstbefreiung oder in einem offenen Liebeskonzept begegnen, sind das Thema dieses Films. Die junge Sekretärin Brigitte kündigt ihre eintönige Arbeit, um mit ihren fünf Liebhabern, dem Fernfahrer Hans, dem Feinmechaniker Oliver, dem Koch Günther, dem Konditormeister Max und dem Maler und Kirchenrestaurator Frank zusammenzuleben und einen großen Traum zu verwirklichen.

HABEN SIE ABITUR? (BRD 1967, 11.2.) Ula Stöckl befragt junge Frauen und Männer, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machen. Die Eltern junger Frauen gehen davon aus, dass die Tochter sowieso heiratet. Wofür also Zeit und Geld in eine Ausbildung investieren? Die Eltern junger Männer stellen diese Frage nicht.

NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (BRD 1968, 11.2.) "In diesem Film geht es um fünf junge Frauen, ihre alltäglichen Erfahrungen, Sehnsüchte, sexuellen Aktionen und Fantasien. Das Besondere sind die filmischen Metaphern weiblicher Lust, das Miteinander von Laien und Schauspielenden und die Verbindung von Fantasie- oder Traumsequenzen und Wirklichkeitsebenen." (Ula Stöckl) – "In Ula Stöckls Film wird vorläufig erst einmal gelacht. Die Frauen lachen pausenlos. Für den Anfang nicht schlecht, um sich maskuliner Sprachregelung zu entziehen." (Frieda Grafe)

HILFT UNS DENN NIEMAND (BRD 1986, 12.2.) „Die sogenannten Goldenen 20er Jahre waren die Zeit der Spielclubs und der Vergnügungslokale, aber auch eine Zeit der bitteren Armut, des Hungers und der Verzweiflung. Trotz des Paragrafen 218 treiben 1924 500.000–800.000 Frauen ab. 10.000 Abtreibungen enden tödlich. 80.000 Frauen bleiben lebenslang krank. In der 9. Folge unserer Reihe "UNERHÖRT – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung" zeigt Ula Stöckl die frühen Auseinandersetzungen um den Paragraf 218." (Fernsehansage 1987)

DIE WILDE BÜHNE (D 1993, 12.2.) Ein Film über die Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin Trude Hesterberg, die 1921 das literarische Kabarett „Die wilde Bühne“ gegründet hatte und es leitete, bis das Theater 1923 abbrannte. "Wie hatte es Trude Hesterberg angestellt, sich die Mittel zu beschaffen, Direktorin eines eigenen Kabaretts werden zu können? Zum eigenen Lebensunterhalt sang sie täglich die Titelpartie in der Operette 'Die lustige Witwe' von Franz Lehár. Sie pendelte täglich zwischen dem Metropol-Theater in der Friedrichstraße und ihrem Kellertheater im Theater des Westens. Akrobaten und Musiker des Zirkus Gosh spielen Trude Hesterberg, Walter Mehring, Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz, deren Texte sie singen und vortragen." (Ula Stöckl)

DEN VÄTERN VERTRAUEN, GEGEN ALLE ERFAHRUNG (BRD 1982, 13.2.) "In diesem Filmsetzt sich meine Protagonistin auf mehreren Ebenen mit ‚Geschichte‘ auseinander. Anhand des Fotoalbums, das ihre Mutter ihr schickte, kann sie ihre eigenen Erfahrungen in Frankreich einordnen und den Kriegsbeitrag ihres Vaters hinterfragen. Melanie erlebt als Au-pair-Mädchen in Paris den Ausbruch des Algerienkrieges und trifft zum ersten Mal eine politische Entscheidung: Indem sie sich gegen diesen Krieg ausspricht und sich in Kreisen aufhält, die sich aktiv gegen den Krieg verhalten." (Ula Stöckl)

REDE NUR NIEMAND VON SCHICKSAL (D 1992, 13.2.) Mit Grischa Huber undTexten aus "Hyperion" von Friedrich Hölderlin. "Wir inszenierten diese Texte in die Landschaft des Todesstreifens, an dem Platz, auf dem die abgerissene Mauer zu Schotter verarbeitet wird." (Ula Stöckl)

DAS ALTE LIED (D 1992, 13.2.) Dezember 1990 in Dresden. "Einer meiner letzten Filme und mein erster nach der Wende bzw. der Wiedervereinigung Deutschlands. Wieder beschäftige ich mich mit dem Krieg der Gesellschaften, dem Krieg in der Familie und zwischen den Geschlechtern. Wer ist Ilse? Ilse, deren Lachen und Gesang durch den Film geistert. Hat ihre Schwester Katharina sie wirklich denunziert? Hat Alf seine Liebe zu ihr wirklich seiner Karriere geopfert? Lebt Ilse noch oder lebt sie nur als Sinnbild vitaler Lebensfreude und Widerstandskraft in den Träumen der Menschen, von denen dieser Film erzählt?" (Ula Stöckl) – "Ula Stöckls Filme empfinden viele Zuschauer als schwierig, schwer zugänglich. Für mich haben sie einen eigentümlichen und unverwechselbaren Reiz. Ihre Geschichten spielen sich gleichzeitig auf vielen verschiedenen Ebenen ab, die einander ergänzen, bereichern und dem Zuschauer Raum für vielschichtige Assoziationen geben." (Iris Gusner)

ANTIGONE (BRD 1964, 14.2.) Antigone (off): "Die schönste Lust und bringt sie auch den Tod, ist mir, den Bruder immer von neuem zu begraben."

DIE WIDERSTÄNDIGEN "ALSO MACHEN WIR DAS WEITER …" (Katrin Seybold, Ula Stöckl, D 2014, 14.2.) In diesem Dokumentarfilm schildern die letzten lebenden Zeitzeugen der Widerstandsbewegung Die Weiße Rose, wie sie nach dem Tod der Geschwister Scholl unter Einsatz ihres Lebens weiterhin Widerstand gegen das Hitler-Regime geleistet haben. Ula Stöckl vollendete den Film 2014 nach Interviews der 2012 verstorbenen Filmemacherin Katrin Seybold. "Wir werden niemals erfahren, wie viele in Deutschland sich der Gefahr ausgesetzt haben, von der Gestapo entdeckt zu werden. Katrin Seybold ist einigen von ihnen begegnet und hat sie dafür gewonnen, vor der Kamera darüber zu berichten. Deshalb habe ich auch ihr zu Beginn und am Ende dieses Filmes eine Stimme gegeben." (Ula Stöckl) (bf)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek. Kuratiert von Bärbel Freund und Thomas Mauch. Dank an Jeanne Richter und Philipp von Lucke.

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