Juli 2020, kino arsenal

arsenal 5 im HKW – Rausgehen

EL MAR LA MAR, 2017

Die letzte Etappe einer Serie von Kinoraumexperimenten während der Pandemie führt das Arsenal ins Haus der Kulturen der Welt. Wie schon im arsenal 3 (im Internet) und im arsenal 4 (im silent green) besteht auch im arsenal 5 das Programm fast ausschließlich aus Filmen der Sammlung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. Kino ist Möglichkeitsraum und Handlungsort, auch unter freiem Himmel. 6 Wochen lang begleiten uns die Filme nach draußen: Wir gehen Bilder sammeln in Landschaften, die dem Tourismus zum Opfer fielen. Wir graben Bilder aus der Erde und aus den Archiven aus, um sie dorthin zu bringen, wo sie Geschichten erzählen. Wir beobachten Tiere, die kritische Blicke zurück werfen. Wir durchqueren und erforschen die Wüste als Resonanzraum. Und schließlich erforschen wir das Innere des Hauses als Bühne und Produktionsort. Zum Abschluss des Programms ein paar Highlights: Anläßlich der Vorführung von Stephan Geene Film SHAYNE wird Ricky Shayne live auftreten. Außerdem präsentieren wir mit Michael Buschs HOW LONG IS NOW eine Weltpremiere. Und schließlich laden die Archivexpertin Vaginal Davis und ihr Partner Daniel Hendrickson das Publikum zu einer Ausgabe ihrer Serie „Contemporary Vinegar Syndrome“ ein!

#1 Bilder sammeln
ALPI (Armin Linke, D 2011, 16.7., Begrüßung: Stefanie Schulte Strathaus, in Anwesenheit von Armin Linke) „ALPI ist das Resultat einer siebenjährigen Recherche zur zeitgenössischen Wahrnehmung der Alpenlandschaft; der Film stellt Orte und Situationen aus den acht angrenzenden Nationen, die insgesamt vier verschiedene Sprachräume umfassen, nebeneinander. Die Alpen werden dabei als Schlüsselregion dargestellt, anhand derer man die Komplexität sozialer, wirtschaftlicher und politischer Beziehungen beobachten und untersuchen kann. Im heutigen Europa sind die Alpen eine Brutstätte der Modernität und ihrer Illusionen.“ (Armin Linke)
Vorfilm: TWO DAYS AT THE FALLS (Isabell Spengler, D 2015) In ihrer Videoinstallation zeigt Isabell Spengler zwei 360-Grad-Schwenks über die ikonischen Niagarafälle in einer Doppelprojektion: Ein Video entstand 2015, als sie den Ort zum ersten Mal besuchte, das andere vor der Reise in einem dreidimensionalen Modell in Spenglers Studio. In der Gegenüberstellung der fiktiven und echten Wasserfälle untersucht die Künstlerin die Schnittflächen von Wirklichkeit und Vorstellung, Popkultur und privater Wahrnehmung, Monumentalität und Alltag.

FOUR CORNERS (James Benning, USA 1997, 17.7.) James Benning verfolgt in seinem ungewöhnlichen Werk eine umfassende Weltsicht, will die Geschichte seines Landes im Ganzen angehen, im Geografischen wie im Historischen. Dazu hat er sich das Vier-Länder-Eck zwischen New Mexico, Arizona, Colorado und Utah ausgesucht, ein Ort wie ein Quadrant mit vier Ecken, dem Zufall der Politik und Geometrie überlassen. In Bennings Methode, Bilder zu konstruieren und Geschichte zu erzählen, überlagern sich unterschiedliche Schichten: so lässt sie überraschende formale Zusammenhänge entstehen.
Vorfilm: OUR MARILYN (Brenda Longfellow, Kanada 1987) beschreibt die historische Leistung der 17-jährigen Kanadierin Marilyn Bell, die 1954 den Ontariosee durchschwamm. Bilder, die mit einem optischen Printer hergestellt wurden, Archivmaterial und Radiokommentare sowie Musik der Zeit lassen die halluzinatorische Erfahrung des Schwimmens nacherleben.

THE SECOND JOURNEY (TO ULURU) (Arthur & Corinne Cantrill, Australien 1981, 18.7.) In einer behutsamen Annäherung aus der Ferne bis ins Herz des Monolithen entfaltet sich in flirrenden Lichtnuancen die Magie des heiligsten Ortes der Indigenen. Detail- und Panoramaaufnahmen der über 500 Millionen Jahre alten Gesteinsformation vermitteln in der Komposition aus Stille und akustisch verfremdetem Vogelgezwitscher ein Gefühl der Überzeitlichkeit, in das gleichermaßen eine Ahnung von Verlust eingeschrieben ist. Farbeintrübungen im Filmmaterial, entstanden durch fehlerhafte Entwicklung, wurden bewusst im Film belassen, um metaphorisch auf die sich abzeichnende Gefährdung des Lebensraumes durch Buschbrände und Tourismus zu verweisen.
Vorfilm: DIVER (Monira Al Qadiri, Kuwait 2018) beschäftigt sich mit der Entdeckung der Erdölvorkommen am Persischen Golf, mit der eine Verdrängung der Perlenfischerei und ein massiver gesellschaftlicher Wandel einsetze. Der Film folgt den zu einem traditionellen Lied der Perlentaucher choreografierten Bewegungen von Synchronschwimmerinnen, die dichroitische Ganzkörperanzüge tragen, deren Glanz sowohl an Perlen als auch an Öl erinnert.


#2 Bilder ausgraben
BALIKBAYAN #1 – MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX VI (Kidlat Tahimik, Philippinen 2015, 23.7.) Enrique ist der Sklave des Weltumseglers Ferdinand Magellan. 1980 gedreht und inzwischen sehr gealtert, erzählen die Bilder die Geschichte jener Weltumseglung, bei der Magellan kurz vor Ende umkam und verfügte, dass Enrique, nun der wahre erste Weltumsegler, ein freier Mann sein solle. BALIKBAYAN #1 verwebt die offizielle mit Enriques Geschichte, und mit dem Director’s Cut der Version, die Tahimik 35 Jahre zuvor auf der Suche nach der Wahrheit zu erzählen begann und 2013 in einem Dorf in der Provinz Ifugao fortsetzte. Die Darsteller*innen sind nicht mehr die gleichen, Tahimik selbst, 1980 noch in der Rolle Enriques, ist gealtert, Kinder sind geboren. Ein Homemovie, ein farbenprächtiges Epos, eine Studie des Kolonialismus, ein Korrektiv der Geschichte und eine Hommage an das, was Tahimik „Indio-Genius“ nennt.
Vorfilm: STADT IN FLAMMEN (Schmelzdahin, BRD 1984) Der Found-Footage-Film basiert auf Szenen aus dem franko-kanadischen Spielfilm Ville en flamme. Vor der Schnitt- und Tonbearbeitung wurde das Ausgangsmaterial im Garten vergraben, gezielt Bakterien und Mikroben ausgesetzt und dann im Moment der Verflüssigung der Emulsion kopiert.

SPELL REEL (Filipa César, D/P/F/Guinea-Bissau 2017, 24.7., in Anwesenheit von Filipa César) Das erste Bild ist schwarz-weiß, steht kopf und wird in eine Blackbox projiziert, die zum Bildraum wird. Wie eine Zeitkapsel schwebt es nun neben dem Gesicht eines Mannes. Er blickt nach unten, lauscht der Stimme einer Guerillakämpferin, übersetzt sie aus dem Fulfulde. Filipa Césars SPELL REEL ist das Ergebnis eines vielschichtigen Recherche- und Digitalisierungsprojekts, das sie 2011 mit Sana na N’Hada und Flora Gomes initiierte, die nach ihrer Filmausbildung in Kuba während der Befreiungskämpfe in Guinea-Bissau (1963–74) damit begannen, die Kamera als Beobachter einzusetzen. Nach der Digitalisierung des gealterten Bild- und Tonmaterials in Berlin reisten sie mit einem Wanderkino an die Orte, an denen die Filme entstanden waren und nun erstmalig öffentlich gezeigt und von den Filmemacher*innen kommentiert werden konnten. SPELL REEL sieht einem Archiv bei der Arbeit zu, bei der Produktion von Gegenwart.
Vorfilm: MEMORY ALSO DIE (Didi Cheeka, Nigeria 2020) Mit Archivfilmmaterial und persönlichen Texten beschäftigt sich MEMORY ALSO DIE mit dem Biafra-Krieg und untersucht dabei kollektives Vergessen als politisch gewollten Vorgang.

WAS BLEIBT | ŠTA OSTAJE | WHAT REMAINS / RE-VISITED (Clarissa Thieme, D/A/Bosnien und Herzegowina 2020, 25.7., in Anwesenheit von Clarissa Thieme) 2008 und 2009 fuhr Clarissa Thieme durch Bosnien-Herzegowina und stellte ihre Kamera an Orten auf, an denen in den neunziger Jahren Kriegsverbrechen stattfanden. So entstand der Kurzfilm WAS BLEIBT | ŠTA OSTAJE | WHAT REMAINS. Zehn Jahre später stellt sie die Kamera an genau denselben Orten auf. Zwei Frauen tragen in einem performativen Akt ein Still aus dem ersten Film ins Bild. Das Still weckt die Neugier der Passant*innen und die Performance eröffnet eine Art Spiel: Was kann man sehen, wenn das Bild aus der Vergangenheit den Blick auf die Gegenwart verstellt oder diesen Blick nur an den Rändern freigibt?  
Vorfilm: NEVER (Armando Lulaj, Albanien 2013) beschäftigt sich mit einem Gebirgszug in der Nähe der Stadt Berat, in dem 1968 der Name des albanischen Diktators Enver Hoxha in monumentaler Größe in den Stein graviert wurde. 44 Jahre später nimmt es eine Gruppe aus dem Dorf auf sich, den Berg zu besteigen und die Buchstaben mit einem neuen Wort zu überschreiben, das sich sowohl auf die damalige Diktatur, als auch auf die jetzige Regierung bezieht: Aus ENVER wird NEVER.


#3 Tiere beobachten
BESTIAIRE (Denis Côté, CDN/F 2012, 30.7.) Ein Zeichenkurs, ein Safaripark, die Werkstatt eines Tierpräparators: drei Umgebungen, in denen sich Mensch und Tier begegnen. Im Mittelpunkt der Beobachtung von BESTIAIRE stehen Blick- und Wahrnehmungsverhältnisse, die gleichzeitig oft ungleiche Machtverhältnisse spiegeln. Wohlüberlegte Einstellungen lassen Zeit zum Nachdenken über Schönheit und Fremdheit, über die domestizierte Wildnis in der Zivilisation. Orchestriert von den Umgebungsgeräuschen ergibt das eine Choreografie, ein filmisches Bestiarium, in dem sich zu den stoischen, ungerührten, ungeduldigen, wilden und rebellischen Tieren auch der Mensch gesellt.
Vorfilm: THE LAMPS (Shelly Silver, USA 2015) Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, war Dichterin, Künstlerin, Vaudeville-Performerin, Ausreißerin, Aufrührerin und Crossdresserin. THE LAMPS dokumentiert ihre Reise nach Neapel, wo sie im Archäologischen Museum ins Il Gabinetto Segretto einbrach, einen für Frauen verbotenen Raum voller erotischer Gegenstände aus Pompeji.

DER TAG DES SPATZEN (Philip Scheffner, D 2010, 31.7.) ist ein politischer Naturfilm. Er handelt von einem Land, in dem die Grenze zwischen Krieg und Frieden verschwindet. Am 14. November 2005 wird im holländischen Leeuwarden ein Spatz erschossen, nachdem er 23.000 Dominosteine umgeworfen hat. In Kabul stirbt ein deutscher Soldat in Folge eines Selbstmordattentats. Das Nebeneinander der Schlagzeilen nimmt Philip Scheffner zum Anlass, sich mit den Methoden der Ornithologie auf die Suche nach dem Krieg zu machen. In Deutschland, nicht in Afghanistan. Denn hier stellt sich die Frage: Herrscht Frieden oder Krieg?
Vorfilm: KAMA TOHALLEQ AL TEYOUR (As Birds Flying, Heba Y. Ami) Im Jahr 2013 wird in Ägypten ein Storch unter dem Verdacht der Spionage von den örtlichen Behörden festgenommen. Man hatte am Bein des Zugvogels ein elektronisches Gerät entdeckt. KAMA TOHALLEQ AL TEYOUR widmet sich dem Vogel, dessen winterliche Reiseroute zu einem Symbol staatlicher Paranoia wird.

HER NAME WAS EUROPA (Anja Dornieden & Juan David González Monroy, D 2020, 1.8., zu Gast: Anja Dornieden & Juan David González Monroy) Der letzte bekannte wilde Auerochse starb 1627 im Wald von Jaktorów in Polen. Eigenschaften wie Schnelligkeit, Kraft und Mut, die dem Tier zugeschrieben wurden, verliehen ihm große Symbolkraft. Einigen seiner Körperteile wurden übernatürliche Kräfte nachgesagt, so der Haut der Stirn und einem kreuzförmigen Knochen im Inneren des Herzens. Der Film folgt Bemühungen, den Mythos um den Auerochsen neu zu beleben.
Vorfilm: DEAR ANIMAL (Maha Maamoun, Ägypten 2016) verwebt zwei Texte miteinander und macht so das Tier zu einem Thema, das einen möglichen Ansatzpunkt bietet, um eine Epoche der Biopolitik, globaler Fluchtbewegungen und Terrorangriffe eingehend zu untersuchen.

#4 In die Wüst
SHAIHU UMAR (Adamu Halilu, Nigeria 1976, 6.8., Einführung: Stefanie Schulte Strathaus), angesiedelt im Norden Nigerias zum Ende des 19. Jahrhunderts, beginnt mit einem Gespräch zwischen Studenten des Islam und ihrem angesehenen Lehrer, Shaihu Umar. Aufgrund seiner Weisheit nach seiner Herkunft befragt, beginnt er, seine Geschichte zu erzählen. Dem Film liegt die gleichnamige Erzählung von Abubakar Tafawa Balewa zugrunde, der von 1957 bis 1966 Ministerpräsident von Nigeria war. Lange Zeit galt der Film als verschollen. 2016 wurden Negative und Filmkopien im Archiv der Nigerian Film Corporation wiederentdeckt und vom Arsenal – Institut für Film und Videokunst mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Abuja restauriert.
Vorfilm: BLACK DESERT (Stefan Römer, D 2007) In BLACK DESERT wandeln menschliche Darsteller*innen sprachlos in einer schwarzen Wüste: Eine minimale Skizze (anti-)sozialen Lebens.

EL MAR LA MAR (Joshua Bonnetta, J.P. Sniadecki, USA 2017, 7.8.) Gnadenlos brennt die Sonne auf alle nieder, die die Sonora-Wüste zwischen Mexiko und den USA durchqueren. Neben den wenigen Menschen, die hier leben, sind es die ärmsten der undokumentierten Einwander*innen, denen kein anderer als dieser lebensgefährliche Weg bleibt, gefolgt von offiziellen und selbsternannten Grenzschützer*innen. EL MAR LA MAR verwebt 16-mm-Aufnahmen von Natur- und Wetterphänomenen, Tieren, Menschen und ihren Fährten mit einer vielstimmigen Tonspur zu einer kinematografischen Erkundung des Lebensraums Wüste, zum vielschichtigen Panorama eines hochgradig politisierten Landstrichs. Und nicht zuletzt zu einem ozeanischen Filmgedicht.
Vorfilm: BODIES OF THE DESERT (Trinh T. Minh-ha, Jean-Paul Bourdier, USA 2005) In BODIES OF THE DESERT vergisst in der Wüste der Verstand, während sich der Körper erinnert: Reptilartige, pflanzliche und mineralische Körper stehen still, laufen, kriechen, schlängeln, rollen, gleiten auf Felsen oder versinken in der riesigen Weite des Weiß.


DESERT VIEW (Constanze Fischbeck, Daniel Kötter, D/Ägypten 2018, 8.8., in Anwesenheit von Constanze Fischbeck und Daniel Kötter) untersucht Bau- und Wohnformen in der halbfertigen, rein privatwirtschaftlich errichteten Satellitenstadt Madinaty in der Wüste östlich von Kairo. Der Film wirft einen Blick auf die Träume der ägyptischen Mittel- und Oberschicht, als filmisches Tagebuch dokumentiert er ein vierwöchiges Residenzexperiment, zu der die Filmemacher*innen die Drei-Generationen-Familie Barakat aus dem informellen Wohnviertel Bashtil eingeladen hatte. Die temporären Bewohner*innen von Madinaty, die Filmemacher*innen und die Familie Barakat halten ihre Beobachtungen und Erfahrungen der Architektur mit ihren je eigenen Kameras fest.
Vorfilm: TELEMATCH SHELTER (Wael Shawky, Ägypten 2008) erzählt von den Sehnsüchten einer Gemeinschaft ländlicher Beduin*innen, die sich zu einer wohlhabenden Landwirtschaftsgemeinschaft entwickeln – dargestellt durch ein Loop-Video.

#5 Die Wüste erforschen
MODERATION (Anja Kirschner, GR/I/Ägypten/GB 2016, 13.8.) erzählt die Geschichte einer Horrorfilmregisseurin und ihrer Drehbuchautorin, deren neuestes Projekt von seinem „Rohmaterial“ heimgesucht wird. Angesichts des Debakels, das ihr Vorhaben zu werden droht, verliert sich die Regisseurin mehr und mehr in Diskussionen mit ihren Schauspieler*innen über die Art und Weise, wie der Horror ihre materiellen und affektiven Realitäten auf und jenseits der Leinwand durchdringt. Der Kinogrusel kreuzt zusehends die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

AL-HOUBUT (The Landing, Akram Zaatari, Libanon/UAE 2019, 14.8.) spielt in Shaabiyat al Ghurayfah, einem Sozialwohnungsprojekt in Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das in den achtziger Jahren für die Nachkommen der Ketbi-Beduin*innen gebaut wurde. Dieser inzwischen völlig verlassene Ort war Zeuge des ersten Umzugs von Familien aus Zelten in moderne Behausungen. Der Film entfaltet sich als ein Repertoire einfacher Gesten, von denen einige von den Performances des Künstlers Hassan Sharif inspiriert sind und sich spielerisch mit Architektur, Vegetation, Raum, Bewegung, Übergängen, Überwachung und Perspektive auseinandersetzen.
Vorfilm: AL HABIL (The Rope, Ibrahim Shaddad, Sudan 1985) dokumentiert den Weg zweier blinder Männer in Begleitung eines Esels durch die Wüste. Verbunden durch ein Seil wird der Weg mal von den beiden vorgegeben, mal leitet der Esel sie durch die Wüste.

DOMESTIC TOURISM II (Maha Maamoun, Ägypten 2008, 15.8.) Szenen aus ägyptischen Spielfilmen, in denen die Pyramiden von Gizeh als Kulissen dienen, sind der Ausgangspunkt von DOMESTIC TOURISM II. Der Film untersucht, wie diese ikonischen historischen Monumente und damit Ägypten aus der „Zeitlosigkeit“ der touristischen Postkarten wieder angeeignet und in die zeitgenössischen politischen, sozialen und urbanen Realitäten eingeschrieben werden.
Vorfilm: AL-WADI (Firas Taybeh, Jordanien 2011) Inspiriert von Volkssagen aus dem Nahen Osten ist AL-WADI eine Komödie, die in der Zukunft spielt und eine experimentelle Work-in-progress-Arbeit.

#6 Im Haus arbeiten
HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT (Thomas Heise, D 2019, 19.8., zu Gast: Thomas Heise) Biografien hinterlassen Spuren. Die Zeitläufte auch. Wie sich das eine zum anderen verhält untersucht Thomas Heise in HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT. Anhand von Dokumenten aus seinem persönlichen Archiv – Briefe, Fotografien, Schulaufsätze, Tagebucheinträge –, von ihm selbst aus dem Off vorgetragen und im Bild zu sehen, zeichnet er die Geschichte seiner Familie über vier Generationen zwischen Wien, Dresden und (Ost-)Berlin nach. Hinzu kommen aktuelle schwarzweiße Aufnahmen: das Arbeitslager in Zerbst, ehemalige NVA-Kasernen, ein Lehrsaal an der Universität, Reihenhäuser in Mainz. Außerdem Erdverwerfungen, Risse im Asphalt, Haufen und immer wieder Bahnhöfe, Züge und Gleise. Anhand von Fragmenten aus einem Speicher persönlicher Erfahrungen, sorgfältig ausgewählt und mit Lücken zusammengesetzt, erzählt Heise nicht weniger als die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Ein großer Film, der bleibt.

SHAYNE (Stephan Geene, D 2019, 20.8., zu Gast: Stephan Geene) Wie ein Komet streifte Ricky Shayne die bundesdeutsche Unterhaltungskultur von 1967 bis 1972. Geboren in Kairo, aufgewachsen in Beirut und in Rom zum Star einer boomenden Beat-Szene geworden, zog es ihn nach Deutschland. Shayne fand sich in Berlin zwischen BRAVO und ZDF-Hitparade wieder, gefeiert, exotisiert. Stephan Geene, damals zehn Jahre alt, wurde von seiner Erscheinung für immer verändert und geht in SHAYNE seiner Faszination nach. Ein serielles TV-Anti-Porträt, gerahmt von Proben für eine Gala, dem Versuch, einer abgebrochenen Karriere einen letzten Moment zu geben.

HOW LONG IS NOW (Michael Busch, D 2020, 21.8., Weltpremiere in Anwesenheit von Michael Busch) Zwischen 2015 und 2019 fand am Haus der Kulturen der Welt das Langzeitprojekt 100 Jahre Gegenwart statt. Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, darunter auch die Nobelpreisträger*innen für Literatur Herta Müller und Wole Soyinka, gingen der Frage nach, welche Parameter der Vergangenheit zur Gestaltung der Zukunft herangezogen werden können, indem man das Zeitfenster der Gegenwart auf die letzten 100 Jahre ausdehnt. Der Filmessay kombiniert Zitate, Narrative und Statements dieser Veranstaltungen mit einer assoziativen Bilderflut aus Found-Footage-Material aus dem vergangenen Jahrhundert.

SIGN SPACE (Hila Peleg, D 2016, 22.8., in Anwesenheit von Hila Peleg) begleitet den Aufbau einer Kunstausstellung bis hin zur Eröffnung und dokumentiert die vielen formalen und praktischen Entscheidungen, die in deren Konzeption und Durchführung einfließen. Die ausführliche Beobachtung dieses Prozesses macht deutlich, dass zeitgenössische Kunstaustellungen ein hochgradig kodiertes Setting für die Rezeption von Kunst herstellen und den Kunstwerken selbst im Grad ihrer bewussten Konstruktion in nichts nachstehen. Der Film zeigt nicht nur, was vor Ort geschieht und kommentiert das gezeigte anhand von Texttafeln, die das Konzept Ausstellung als historische Form verhandeln. Die Texte zeigen die Kette von Prozessen auf, die allmählich eine Reihe normativer architektonischer und institutioneller Protokolle schufen, die heute fest etabliert sind.

NEURASIA (Werner Schroeter, BRD 1968, 23.8., präsentiert von Vaginal Davis und Daniel Hendrickson) Verflüchtigt sich der Essiggeruch unter freiem Himmel? In der Serie „Contemporary Vinegar Syndrom“ beschäftigen sich Archivexpertin Vaginal Davis und ihr Partner Daniel Hendrickson seit 2017 mit dem sogenannten Essigsyndrom, einem Alterungs- und Zerfallsprozess von Filmkopien. Die Perspektive, die Vaginal Davis darauf legt, nimmt jedoch nicht nur die chemische Reaktion in den Blick sondern erzählt immer noch ein bisschen mehr. In der neuen Ausgabe von „Contemporary Vinegar Syndrome“ auf der HKW-Dachterrasse wird – neben einem Überraschungsfilm – NEURASIA (1968) von Werner Schroeter präsentiert, der vollständig im Innenraum gedreht wurde und über den Frieda Grafe 1970 in der „Filmkritik“ schrieb: „NEURASIA ist ein Stummfilm mit Musik. Die Weisen fügen sich zu den Bildern wie früher, als der Pianist noch im Saal saß. Manchmal hat man die Illusion von Synchronie, bis die Musik abbricht und Carla weiter den Mund aufreißt. Man versteht sie. In der gehobenen Sphäre, in der der Film sich bewegt, macht man keine Worte.“

arsenal 5 ist eine Kooperation zwischen dem Haus der Kulturen der Welt und dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst.
Tickets sind beim HKW erhältlich: https://www.hkw.de/de/service/tickets/ticketinformation.php

kino arsenal: Black Light

19:30 Kino 1


Losing Ground

Losing Ground Kathleen Collins USA 1982
Mit Seret Scott , Bill Gunn, Duane Jones
DCP OF 86 min

kino arsenal: Black Light

21:30 Kino 1


Ganja & Hess

Ganja & Hess Bill Gunn USA 1973
Mit Duane Jones, Marlene Clark, Bill Gunn
Digital file OF 112 min

kino arsenal: arsenal 5 im HKW – Rausgehen

22:00 Haus der Kulturen der Welt


Her Name Was Europa

Dear Animal

Her Name Was Europa Anja Dornieden & Juan David González Monroy  
D 2020 OmE 76 min
Vorfilm: Dear Animal Maha Maamoun Ägypten 2016 OmE 25 min

Zu Gast: Anja Dornieden & Juan David González Monroy