März 2006, kino arsenal

Der schwarze Film - Karpo Godina und Želimir Žilnik

Filmstill

Crni Film, 1971

Karpo Godina und Želimir Žilnik wurden 1942 bzw. 1943 in die sozialistische Bundesrepublik Jugoslawien hineingeboren. Beide gehörten zur so genannten "schwarzen Welle" des jugoslawischen Kinos, die zwischen 1966 und 1973 zahlreiche sozial- und vor allem auch sozialismuskritische Filme hervorbrachte. Ihre ersten Kurzfilme, die heute als Klassiker des Experimentalfilms gelten, setzen sich radikal kritisch mit Politik und Gesellschaft Jugoslawiens auseinander und wurden auf internationalen Festivals ausgezeichnet. Karpo Godina produzierte in den frühen Jahren seine Filme fast im künstlerischen Alleingang und fungierte als Regisseur, Kameramann, Drehbuchautor und Cutter. Die statische Kamera ist sein wesentliches Gestaltungsprinzip, das ihm ermöglicht, mit scheinbarer Distanz ironisch auf seine Landsleute zu blicken. Želimir Žilnik schildert in seinen Doku-Dramen die ganz alltägliche Deplatziertheit, mit der sich Arbeitslose und aus dem System gefallene Menschen selbst im Tito-Sozialismuszurechtfinden müssen. „Es geht hier nicht einfach um die Überschreitung etablierter Grenzen oder die Verkleidung unbekannter Bereiche der sozialistischen Existenz, das Gegenteil ist der Fall: Die Verbindung zwischen den behaupteten Grenzen und den desintegrierten Bereichen soll hervorgehoben werden.“ (Marina Gržinić)

CRNI FILM (Der schwarze Film, Želimir Žilnik, JU 1971): Eines Nachts liest Žilnik zehn Obdachlose von den Straßen Novi Sads auf und bringt sie zu sich nach Hause. Während sie die Gastfreundschaft seiner Familie genießen, versucht Žilnik, das "Problem der Obdachlosigkeit zu lösen" – mit der Kamera als Zeuge. Er spricht mit unterschiedlichen sozialen Diensten, normalen Bürgern, mit der Polizei. Alle verschließen ihre Augen vor dem "Problem". Der Film zeigt die Armseligkeit des abstrakten Humanismus. Er ist eine Abrechnung mit dem Anarcho-Liberalismus, mit falschem Avantgardismus, mit sozialer Demagogie, mit der linken Fraktion. Žilnik betrachtet diesen Film als ein Beispiel dafür, wie ein Filmemacher das Unglück anderer ausnützt, und während er das tut, glaubt er fest daran, einer höheren sozialen Klasse anzugehören als die Opfer.

NEZAPOSLENI LJUDI (Die Arbeitslosen, Želimir Žilnik, JU 1968) informiert in bester dokumentarischer Tradition über eines der drängendsten Probleme unserer Zeit: die widersprüchliche Tatsache, dass es in der aktuellen sozialistischen Entwicklung Menschen ohne Arbeit gibt. Statt sich mit allgemeinen Betrachtungen und Statistiken zu befassen, zeigt uns der Film die Situation einiger Personen. Sie sind nichts als Daten, ihr Leben kann nur als Hinweis auf die gesamte Situation dienen.

LIPANJSKA GIBANJA (Studenten-Streik, Želimir Žilnik, JU 1969) behandelt die Studentendemonstrationen in Belgrad 1969, die kritische Qualität, den Enthusiasmus und die Disziplin dieser Protestform. Es war die wirkungsvollste öffentliche Kritik an der "Roten Bourgeoisie" – jenen Mitgliedern des kommunistischen Apparats, die im gesamten Ostblock verhinderten, dass sich die Kreativität neuer Generationen durchsetzen konnte.

ZDRAVI LJUDI ZA RAZONODU (Die Litanei der heiteren Leute, Karpo Godina, 1971): Die Vojvodina ist ein flacher Landstrich in Serbien. Dort leben verschiedene Nationen nebeneinander. In jeder Siedlung kann man an der Farbe des Hauses erkennen, welcher Nationalität seine Bewohner angehören. Kroaten streichen ihre Häuser goldgelb, Slowaken blau, Russen weiß, Ungarn grün. Die Einwohner stehen vor ihren farbigen Häusern und wir hören Lieder, die von der endlosen Liebe zwischen den verschiedenen Nationen handeln. Dieser Film wurde verboten, denn er "bezweifelt die Möglichkeit eines multi-nationalen Jugoslawien."

GRATINIRANI MOZAK PUPILIJE FERKEVERK (Gratiniertes Hirn von Pupilija Ferkeverk, Karpo Godina, JU 1970) ist fast schon ein Musikvideo und verrät den Einfluss Jean-Luc Godards. Fünf junge Männer – slowenische Avantgarde-Künstler – stehen bei wechselndem Wetter im Wasser. Die Kamera zeigt immer dieselbe Einstellung. Eine junge Frau schaukelt. Zeit und Handlung verstreichen. Dieser Film wurde verboten, denn er "repräsentiert dekadente Filmkunst". (25. & 27.3.)

Aus dem Archiv der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.