Konzentration auf wenige Figuren und Räume, Fokussierung innerer Konflikte und Beschränkung auf einen überschaubaren zeitlichen Rahmen – die Grundkomponenten des Kammerspielfilms, wie er sich Anfang der 20er Jahre entwickelte, klingen eher asketisch. Aus einer auf die Spitze getriebenen Verknappung in Sachen Ort, Zeit und Handlung resultierte indes eine oftmals besondere Dramatik, getragen und verstärkt von wenigen symbolhaften Dekors, von einer stark subjektivierenden Lichtsetzung und mobilen Kamera, die, in unmittelbarer Nähe der Protagonisten positioniert, auch kleine Regungen in Gestik und Mimik aufnimmt. Ausgehend von Max Reinhardts neuem Inszenierungskonzept des modernen Dramas, das er ab 1906 auf der gleichnamigen, neugegründeten Theaterbühne in Berlin umsetzte, erlebte der Kammerspielfilm seine erste (als klassische Form betrachtet vielleicht einzige) Hochphase in den 20er Jahren und markierte in Deutschland einen Übergang von expressionistischen Filmformen hin zu realistischen Tendenzen. Der Nachhall des Kammerspielfilms in der Filmgeschichte ist vielgestaltig und reicht von klassischen Reverenzen an die frühen Vorbilder bis zu kreativen Variationen (einzelner Aspekte) des Genres. Einige davon haben wir in einem wie immer subjektiven Querschnitt in der Magical History Tour zusammengetragen.
WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? (Mike Nichols, USA 1965, 1. & 17. & 26.2.) "What a dump!" Mit diesem Ausruf gibt Martha (Elizabeth Taylor), nach einem langen und alkoholschweren Abend kaum zu Hause angekommen, den Ring frei für eine weitere Runde des erbitterten Schlagabtauschs mit ihrem Mann (Richard Burton). Ihr "Drecksloch" wird zu Bühne/Sprungbrett/Katalysator für Anfeindungen, Beschuldigungen und Erniedrigungen in beide Richtungen, befeuert vom anwesenden "Publikum", einem jungen, nichts ahnenden Paar, das Martha eingeladen hat. Basierend auf dem gleichnamigen, erfolgreichen Kammerspiel-Bühnenstück von Edward Albee inszeniert Nichols die verbale Tour de Force als zwanghafte Ehehölle, als Kriegsfilm.
THE AFRICAN QUEEN(John Huston, USA 1951,2. & 18.2.) Eine Flussfahrt durch Belgisch-Kongo kurz nach Ausbruch des 1. Weltkriegs vereint die vermeintlichen Gegensätze: sowohl die konträren Genres – Abenteuerfilm und Kammerspiel – als auch die ungleichen Protagonisten Rose (Katharine Hepburn), eine betuliche Missionsschwester, und Charlie (Humphrey Bogart), den ungehobelten Flussschiffer. Der kaum fahrtüchtige, titelgebende Kutter wird als Dritter im Bunde zum beengten Schauplatz einer so gefährlichen wie komödiantischen Reise zur emotionalen Befreiung.
SCHLAGENDE WETTER (Karl Grune, D 1923, 4. & 22.2., am Klavier: Eunice Martins) Die Bergmannstochter Marie wird schwanger vom Kindsvater verlassen und vom eigenen Vater aus dem Haus gejagt. In ihrer Not nimmt der Bergarbeiter Thomas sie bei sich auf. Er heiratet sie und will auch für das Kind sorgen. Als der Verführer George wieder auftaucht, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Männern und in den engen Bergwerksstollen zur finalen Konfrontation. Für das Eifersuchtsdrama mit einer präzisen Milieuschilderung ließen Regisseur Karl Grune und Architekt Karl Görge ein labyrinthisches Bergwerk bauen.
CARNAGE (Der Gott des Gemetzels, Roman Polanski, F/D/Polen 2011, 5. & 28.2.) Einer Rauferei zwischen zwei Elfjährigen fällt ein Zahn zum Opfer. Die beiden Elternpaare treffen sich in der Wohnung der einen Familie, um die Sache gütlich zu klären. Sind anfangs alle Beteiligten noch besten Willens, tun sich bald Risse in der Fassade auf und die Gruppendynamik eskaliert in rasender Geschwindigkeit. Die von einem großartigen Schauspielensemble (Jodie Foster, John C. Reilly, Christoph Waltz, Kate Winslet) getragene Gesellschaftsfarce spielt sich gänzlich in einer Wohnung ab.
ABSCHIED (Robert Siodmak, D 1930, 6. & 21.2.) Ein junges Paar in einem kleinen Zimmer in der Pension "Splendide". Die meisten der dort lebenden Gäste haben ein Leben zahlreicher Enttäuschungen hinter sich. Auch Peter und Hella haben mit Problemen zu kämpfen: Sie wollen heiraten, wozu ihnen aber das Geld fehlt. Durch ein verhängnisvolles Schweigen und daraus resultierenden Missverständnissen kommt es zum Zerwürfnis. Der erste Tonkammerspielfilm überhaupt, der in einem realistischen Stil gehalten ist, spielt sich an einem Tag im Innern einer Wohnung ab.
EL ÁNGEL EXTERMINADOR (Der Würgeengel, Luis Buñuel, Mexiko/Spanien 1962, 19. & 27.2.) Ein surrealistischer Kammerspielfilm im wahrsten Sinne der Wortbedeutung, auch wenn die Kammer bei Buñuel eher ein hochherrschaftlicher Salon und die agierenden Personen nicht aus dem Kleinbürgertum stammen (wie in den 20er Jahren), sondern zur Hautevolee der Gesellschaft gehören. Nach einem Abendessen können die geladenen Gäste aus unerklärlichen Gründen den Salon nicht mehr verlassen. Die mysteriöse Gefangenschaft führt zum Verfall der bürgerlichen Konventionen: Aggression, Haltlosigkeit und Hysterie werden zum wahren Gesicht der Anwesenden. Ordnung und Übersicht scheint nur die beobachtende Kamera zu bewahren, die Aktion und Agierende so distanziert wie schonungslos seziert.
12 ANGRY MEN (Die zwölf Geschworenen, Sidney Lumet, USA 1957, 20. & 23.2.) Zwölf Geschworene haben in diesem packenden Gerichtsdrama über Schuld oder Unschuld eines jungen Puertoricaners zu befinden, der des Mordes an seinem Vater angeklagt ist. Die Handlung spielt sich, von wenigen Minuten zu Beginn abgesehen, in einem einzigen Raum ab. Die angespannte Atmosphäre zwischen den Männern vermittelt sich auch über die Bildsprache: Während zu Beginn die Kamera den Raum in seiner Gesamtheit zeigt, rückt sie mit Fortlaufen der Handlung immer näher an die handelnden Personen und ihre Konfrontationen heran. (mg/al)

