The Stars Down to Earth

Anselm Franke on the Theme of this Year’s Forum Expanded

Anselm Franke ist Kurator, Autor und Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt. Er ist Mitbegründer und Teil des Kurator*innenteams von Forum Expanded. Das diesjährige Thema von Forum Expanded lautet „The Stars Down to Earth“.

STUDIES ON THE ECOLOGY OF DRAMA von Eija-Liisa Ahtila

The Stars Down to Earth: Das ist keine Anspielung auf Stars und Sternchen. Der Titel könnte vielmehr auf die gespenstischen Enttäuschungen der vergangenen Jahre verweisen. The Stars Down to Earth – Die Sterne auf Erden: eine Allegorie auf geraubte Revolutionen und gescheiterte Hoffnungen. Das Thema des diesjährigen Forum Expanded geht zurück auf Theodor W. Adorno, der einst eine Auswahl von Essays über autoritären Irrationalismus und insbesondere eine scharfsinnige Analyse von Horoskopen derart betitelte. Beim erneuten Lesen fällt die verblüffende Zeitlosigkeit seiner Analyse auf, die uns zu der Frage führt, was „down to earth“ heute (noch) bedeuten kann. Welche Sprache ist angemessen für die im Umbruch begriffenen Grundlagen der Rationalität, die Dialektik der Geopolitik und vermittelten Subjektivität? Die „Erde“ bietet heutzutage keinen stabilen Halt und zeugt kaum von einer fest verankerten Rationalität. Das Forum Expanded befasst sich 2017 wie in fast allen Jahren zuvor mit (Geo-)Politik und ist auch ein Ausdruck der Ungewissheit.

Die Aktualität von „The Stars Down to Earth“und weiterer ähnlicher Arbeiten zur Psychologie des autoritären Irrationalismus ist bemerkenswert in einer Zeit, in der die „offensichtliche Unaufrichtigkeit“, „Verlogenheit“ und das „Clowngehabe“ eines faschistischen Agitators wie Martin Luther Thomas aus den 1930er-Jahren in Form einer neuen „postfaktischen“ Kultur aus „alternativen Fakten“ zurückkehrt und die Selbstverherrlichung eines selbsternannten Volkstribuns an Deutschlands „großen kleinen Mann“ erinnert, wie er zwanghaft den großen Führer und kleinen Friseur sowie das rebellische Kind und den streng strafenden Zuchtmeister gleichzeitig gibt. Die populistische Rhetorik von heute nutzt noch immer die gleichen Mittel paranoider Projektion, die Adorno in einigen wenigen prägnanten Formeln auf den Punkt gebracht hat. Ihre kompensierende Irrationalität zollt der „Logik“ des Unbewussten durch Umkehrung und Umstellung Tribut: aus Wahrheit wird Lüge, aus Schwäche und Unvermögen imaginierte Stärke und Allmacht, Konformität wird zu Rebellion, Verfolger zu vermeintlichen Opfern. Diese Umkehrung dient dazu, ein Trugbild aus Identität und Eigenart aufzubauen und führt darüber hinaus ein systematisches Ablenkungsmanöver durch, bei dem eine Betrachtung und kritische Analyse des sich ausbreitenden Kapitalismus „eine Nuance entfernt“ ist. Selbst die lange verworfenen Analogien zwischen Faschismus und der Kultur der Massenmedien sind eine Neubetrachtung wert, und sei es nur um unangenehme Fragen zum Unterschied zwischen dezentralisierten „demokratischen“ Medien wie dem Internet und monolithischen Massenmedien früherer Zeiten wie Radio und Fernsehen hinsichtlich ihrer jeweils innewohnenden „hypnotisierenden“ Kräfte und Pathologien zu stellen. Bei der Errichtung und Verteidigung einer demokratischen Kultur durch differentielle Semantik steht heute mehr auf dem Spiel als noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts, weil die archaischen Mechanismen mimetischen Verlangens und Infizierens in den globalen technologischen „sozialen“ Netzwerk mittels Algorithmen fest verankert sind. Folglich sind die Sterne – als mächtige, vermeintlich lenkende und ultimative fremde Kräfte und Projektionsflächen für die Erfindungen der Phantasie und Einbildungskraft – auf die Erde gefallen. Postfaktisch bedeutet auch, dass die Zusammensetzung von „Fakten“ ins Wanken geraten ist, da Wahrheit jenseits „sozialer Fakten“ nicht mehr genannt und erhoben werden kann: virale Phantasmen, die zum einen von ansteckenden Memen, die überholte Narrative nähren, und zum anderen von falschen positivistischen Versprechen der entsubjektivierten Datenmuster erschaffen werden. Paranoia stellt eine vollkommen „rationale“ Antwort auf eine Welt dar, die aus den paranoiden Ideen von Marktideologen modelliert wurde.

Die Gegenwart tut sich nicht als Zeit formaler Innovation hervor, nicht einmal in den experimentellen Künsten, und wenn es doch dazu kommt, liegt ihr nicht zwangsläufig ein soziales Experimentieren mit den Methoden von Subjektivität und Kollektivität zugrunde. Es herrscht ein bestimmter Konservatismus und Manierismus vor, und das nicht nur in der Unternehmenskultur. Die weitreichenden Veränderungen, die die Kultur erfährt, geschehen unter der Oberfläche, durch Technologie und den Finanzmarkt-Kapitalismus, in den tiefen Schichten weit zurückreichender Sinnbildungsprozesse. Sie betreffen unser Sein als soziale Beziehungswesen. Diese Veränderung ist, nach früheren Maßstäben, kaum sichtbar. Der neue CGI-Hyperrealismus beschwört die Memen eines stagnierenden, nicht tot zu kriegenden kapitalistischen „Wesens“ herauf. Wir sind überall mit einer zunehmend von Menschenhand gestalteten und doch abstrakten Umgebung in Form einer allgegenwärtigen Kommunikationsmatrix konfrontiert, die uns Spiegelbilder vergangener Vorstellungen (inklusive unserer eigenen „Einstellungen“) präsentiert. Was wir zu sehen bekommen, mag uns vertraut erscheinen, aber es ist nicht mehr Teil der gleichen Bedeutungskette und funktioniert auch nicht mehr als kognitive Karte desselben Gebiets.

Die kritische, selbstreflektierende und transdisziplinäre Kunstproduktion in der Tradition des experimentellen Kinos, der Konzeptkunst oder der Schreibmethoden des Fictocriticism ist in der Lage, den Realitätssinn zu verteidigen – diese Realität findet sich in den oszillierenden Spannungen, die das Verhältnis zwischen Gebiet und Karte und den Sternen und der Erde charakterisieren. Sie strebt danach, befindliches, nicht essentielles Wissen zu produzieren. Kunst, die sich nicht populistischen Affekten anbietet und den Anforderungen der Gegenwart gerecht wird, besteht und verweist auf eine Mehrdeutigkeit und Komplexität alles Sichtbaren und Sinnbildenden und verwandelt sich in eine Art des Sehens und vielleicht auch des Lebens, des Überlebens, der Aufrechterhaltung der Wahrheit und der Bodenhaftung auf unsicherem Grund. In ihrer Reflexion wird Bedeutung nicht gefestigt, sondern es wird ihr der Boden entrissen, damit sie so unheimlich erscheint, wie sie ist.

Das Forum Expanded erhebt nicht den Anspruch, in diesem Jahr formale Innovationen hervorzuheben, weder in Hinblick auf das Wesen der bewegten Bilder noch das Kino als Dispositiv. Die präsentierten Arbeiten streben vielmehr danach, Alternativen zur Erosion der Semantik aufzuzeigen. Betont wird ein Bewusstsein für die Tiefenzeit und Longue durée: Geschichte als Resonanzraum, durch den Bedeutung ermöglicht und Erfahrung verteidigt werden kann, auch wenn sich diese Geschichte als unmöglich erweist, wie es in der Mehrzahl der Revolutionen und Bewegungen der letzten Jahre der Fall war. Die hier versammelten Arbeiten verteidigen die Sprache und Erfahrung, selbst wenn sie sprachlos sind. Sie sprechen über und aus Ruinen – darunter die Ruinen von Beirut und Palästina und die gekenterten Schiffe des Kolonialismus und die Migration gen Norden – als konzeptueller Akt im Aufstand gegen eine Zerstörung des Sinns. Das Forum Expanded ist auch 2017 so vielfältig wie eh und je, aber in diesem Jahr sticht insbesondere in der Ausstellung ein Thema hervor: das Ringen um deskriptive Sprachen für die Kräfte, die menschliche Gemeinschaften zerstören und ins Leben rufen, die Bemühungen um eine Definition der Verschiebungen emanzipatorischer und pathologischer sozialer Bindungen. Es berichtet von der Erfahrung einer Kollektivität, die während ihrer Entstehung verteidigt werden muss, die gleichzeitig nicht mehr und noch nicht artikuliert ist, für die Sprache entweder zu früh oder zu spät zu kommen scheint.