Anja Dornieden, Juan David González Monroy

Her Name Was Europa
Deutschland 2020

21.02.2020 15:00 OmEU Kino Arsenal 1
22.02.2020 17:00 OmEU Werkstattkino@silent green

16 mm, 76 Min. Englisch, Niederländisch.

Auerochse ist der Name, den man dem wilden Vorfahren des modernen Rindes gegeben hat. Der Auerochse ist der erste dokumentierte Fall eines ausgestorbenen Tiers. Der letzte bekannte wilde Auerochse starb 1627 im Wald von Jaktorów in Polen. Die Jagd und die Einführung von domestizierten Rindern führten zum Niedergang und zum Verschwinden der Tiere. Der Wert des Auerochsen bestand jedoch nicht nur darin, dass er eine Nahrungsquelle darstellte. Eigenschaften wie Schnelligkeit, Kraft und Mut, die dem Tier zugeschrieben wurden, verliehen ihm große Symbolkraft. Einigen seiner Körperteile wurden übernatürliche Kräfte nachgesagt. Die Haut der Stirn und ein kreuzförmiger Knochen im Inneren des Herzens wurden aufgrund ihrer magischen Kräfte geschätzt. Diejenigen, die sie trugen, übernahmen die Eigenschaften des Tieres.
Im 20. Jahrhundert kamen Bemühungen auf, den Auerochsen ins Leben zurückzuholen.

Anja Dornieden, geboren 1984 in der DDR, und Juan David González Monroy, geboren 1983 in Kolumbien, sind als Filmemacher*innen tätig und leben in Berlin. Seit 2010 arbeiten sie unter dem Namen OJOBOCA zusammen. Gemeinsam praktizieren sie Horrorism, eine simulierte Methode der inneren und äußeren Transformation. Ihre Filme und Performances haben sie weltweit an den verschiedensten Institutionen und auf Festivals präsentiert. 2017 lief ihr Film Heliopolis Heliopolis im Forum Expanded-Programm. Sie sind beide Mitglieder des von Künstler*innen betriebenen Filmlabors LaborBerlin.

Regiestatement

Der Auerochse war eine wilde Rinderspezies und der Vorfahre des modernen Rinds. Einst bevölkerte er große Teile Asiens, Nordafrikas und Europas und war in den Wäldern und auf den Weiden Deutschlands fast überall zu finden. Im Jahr 1627 verschwand der Auerochse. In jenem Jahr starb der letzte bekannte Auerochse im Jaktorów-Wald in Polen.

In den 1920er-Jahren beschlossen die deutschen Zoologen und Brüder, Lutz und Heinz Heck, den Auerochsen mittels einer Methode, die als Rückzüchtung oder Abbildzüchtung bekannt ist, zurück ins Leben zu holen. Lutz und Heinz waren Direktoren der Zoologischen Gärten in München und Berlin. Sie kreuzten verschiedene moderne Rinderzüchtungen in der Hoffnung, eine Kreatur zu erschaffen, die dem ursprünglichen Auerochsen ähnelt. Das fantastische Ziel der Heck-Brüder stand ganz im Einklang mit der rassistischen Ideologie, die zur gleichen Zeit von den Nationalsozialisten verbreitet wurde. Die Hecks strebten danach, die biologische Einheit des Auerochsen wiederherzustellen, die sie als durch Domestizierung verunreinigt ansahen. Der Auerochse wurde als stärker, reiner und schöner als das domestizierte Rind angesehen und stand so in stärkerer Übereinstimmung mit dem deutschen Ideal einer unverfälschten, heroischen Natur. Das Ur-Rind, einst das größte Landsäugetier Europas, wurde zum Symbol deutscher Überlegenheit und Stärke.

Schließlich durchkreuzte der Krieg das Rückzüchtungsprojekt. Die Bombenangriffe auf Berlin töteten die Mehrzahl der Tiere im dortigen Zoo. Dennoch verschwand der moderne Auerochse der Heck-Brüder nicht komplett. Im Münchner Zoo überlebten einige der Rinder Heinz Hecks den Krieg. Die heute in Deutschland auffindbaren Heckrinder sind die Nachkommen dieser Tiere.

Nichtsdestotrotz ist das Projekt der Gebrüder Heck, als wissenschaftliches Unternehmen betrachtet, als gescheitert in die Geschichte eingegangen. Physisch unterscheiden sich die heutigen Heckrinder nicht von jeder anderen Art moderner Rinder. Als Symbol jedoch hat der Auerochse überlebt.
Mit Beginn der 1990er-Jahre kamen neue Rückzüchtungsprojekte in Europa auf, die einen echten zeitgenössischen Auerochsen zum Ziel hatten. 1996 begann die deutsche Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz mit Kreuzungen von Heckrindern und primitiven Rinderarten aus Südeuropa. Man wollte eine größere, „langbeinigere“ und „elegantere“ Art erschaffen als das herkömmliche Heckrind. In den Niederlanden nahm 2009 die Tauros Foundation die Arbeit an einem Projekt auf, das durch genetische Rekonstruktion die Ur-DNA des Auerochsen in diversen modernen Rinderarten aufzuspüren versucht und so eine Züchtung produzieren will, die robust genug ist, in der freien Wildbahn zu überleben. Diese Versuche stehen im Zusammenhang mit breiter angelegten „Auswilderungs“- und Renaturierungsprojekten in Europa, deren Ziel es ist, Europas primitive Tierwelt als Teil des ursprünglichen Ökosystems des Kontinents zu reproduzieren. Die Projekte streben an, Teile der europäischen Landschaft in Wildnis zurück zu verwandeln, um so der ursprünglichen Flora und Fauna eine Existenz mit kleinstmöglicher menschlicher Intervention zu ermöglichen.

Heckrinder sind ohne ihr Zutun zur Verkörperung eines überkommenen, paradoxen Weltbilds geworden. Sie symbolisieren eine Perspektive, aus der die Natur als vollkommen, rein und unverfälscht verehrt wird und die sie dennoch menschlichen Bedürfnissen und Begehren anzupassen sucht. In der Gegenwart geht die Formung der Natur im Namen ihrer Erhaltung auf verschiedene Arten weiter. Unser Film schaut auf einige der physischen Spuren der historischen Entwicklung dieses Unterfangens.

Produktion Anja Dornieden, Juan David González Monroy. Produktionsfirma OJOBOCA GbR (Berlin, Deutschland). Regie, Buch Anja Dornieden, Juan David González Monroy. Kamera Anja Dornieden, Juan David González Monroy. Montage Anja Dornieden, Juan David González Monroy. Musik Anja Dornieden, Juan David González Monroy. Sound Design Christian Obermaier.

Filme

2011: Awe Shocks (3 Min.). 2012: Oro Parece (6 Min.), The Handeye (Bone Ghosts) (7 Min.), Eigenheim (16 Min.). 2013: A flea‘s skin would be too big for you (47 Min.), Come and Dance with Me (4 Min.). 2014: Gente Perra (25 Min.), Wolkenschatten (17 Min.). 2015: The Masked Monkeys (30 Min.). 2016: Heliopolis Heliopolis (26 Min., Forum Expanded 2017). 2018: Comfort Stations (26 Min.), The Skin is Good (12 Min.). 2020: Her Name was Europa (76 Min.).

Foto: © OJOBOCA GbR