Ayreen Anastas, Rene Gabri

Born of the * * *
On Zarathustra’s Going Under from Cairo to Oran
Palästina, USA 2020

26.02.2020 20:00 OF Kino Arsenal 1
28.02.2020 21:00 OF Werkstattkino@silent green

90 Min. Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch.

Dies ist Teil 3 des Versuchs, Ayreen Anastas’ Film aus dem Jahr 2007 neu zu bearbeiten, mit dem Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ auf die zeitgenössische arabische Welt übertragen werden sollte. Anstatt Nietzsches bahnbrechendes Werk bloß zu adaptieren oder neu zu inszenieren, arbeitet der Film weiter daran, Leben und Kunst heute neu zu denken – durch Begegnung zwischen Gesten, Einsichten, Visionen und Prophezeiungen, die der Name Nietzsche evoziert, und bestimmten Bedingungen, Fragen und Leiden, die den als „arabisch“ bezeichneten Gebieten zugeschrieben werden. Der Film ist weder Essay noch Performance, Dokumentar- oder Spielfilm; er ist vielmehr der Versuch Raum für etwas zu schaffen, das verweigert wird und das gleichzeitig selbst die Bestimmung von Ort, Volk und Zeit verweigert – und doch das ist, was am meisten begehrt wird.
*Der Film wird gleichzeitig mit der Vorführung inszeniert und geschnitten. Deshalb werden die beiden Vorführungen deutlich voneinander abweichen.
**Die Vorführung im silent green Werkstattkino kann als Nachtrag zur Premiere im Arsenal betrachtet werden. Die Künstler*innen versuchen dort zum ersten Mal, ihren Prozess des gleichzeitigen Produzierens und Zerlegens eines Films erfahrbar zu machen.
***In einem der Notizbücher, die die Zeit kurz nach der Vollendung seines Zarathustras abdecken, schreibt Nietzsche einen scheinbar vorzeitigen Eindruck über BORN OF THE * * * : Seien wir mißtrauisch gegen alle anscheinende „Gleichzeitigkeit“! Es schieben sich da Zeit-Bruchstücke ein, welche nur nach einem groben Maaße, z.B. unserem menschlichen Zeitmaaße klein heißen dürfen; in abnormen Zuständen, z.B. als Haschischraucher oder im Augenblick der Lebensgefahr bekommen, aber auch wir Menschen einen Begriff davon, daß in einer Sekunde unserer Taschenuhr tausend Gedanken gedacht, tausend Erlebnisse erlebt werden können. Wenn ich das Auge aufmache, steht die sichtbare Welt da, scheinbar sofort: inzwischen aber ist etwas Ungeheures geschehen, ein Vielerlei von Geschehen: – erstens zweitens drittens: doch hier mögen die Physiologen reden!

aus: Friedrich Nietzsche. Nachlaß 1884 – 1885, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Band 11 (August–September 1885), hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, de Gruyter: Berlin/New York 1967.

Ayreen Anastas und Rene Gabri misstrauen der Biografie und deren Tendenz, sich in Richtung einer spezifischen Form von Identität und Leben zu bewegen, in der die Potenz des Lebens und Schreibens in die Erfüllung einer Funktion übergehen. Eine vorübergehende Befreiung von dieser Funktion, was auch immer man als Koeffizient der Kunst oder der Poesie bezeichnen könnte, würde es sogar einer Biografie erlauben, etwas anderes als das vorgegebenes Genre zu nennen, um ein in Kategorien zementiertes Schicksal zu vermeiden. Was wäre eine Biografie, wenn das oder die Subjekte, die/das sie zu beschreiben vorgibt, aus der verhaltenen Logik von Innerlichkeit/Äußerlichkeit, Ursache/Wirkung, Wille/Handlung, Ursprung/Endgültigkeit losgelöst wäre(n)? Abgesehen von der Peinlichkeit, die „Erfolg“ für einen Moment hervorruft, mag diese Biografie die Frage stellen, „was eine Errungenschaft in einem Leben ist“ und „ob sie in der Person liegt und ihr zuzuschreiben ist?“ Wo kommen die Bedingungen der Unterstützung, die Luft, das Wasser, die Ernährung, die historischen, sozialen, politischen und geografischen Kräfte ins Spiel? Und was ist, wenn das Leben als ein Geflecht von Ereignissen, Strichen, Notizen, Werden wahrgenommen wird, als Momente, in denen etwas vorübergehend entstehen kann oder in denen die Stützpfeiler des Erkennens gesprengt werden können, statt es als monotonen kontinuierlichen Erzählstrang mit diesem bedrückenden Bogen von Anfang über Mitte bis Ende zu sehen? Eine kurze Biografie wie diese wird diese Fragen nicht beantworten können, aber ihre Weigerung, ihr Ziel zu erfüllen, schafft einen potenziellen Raum dieses als ungültig zu erklären.

Produktion Ayreen Anastas, Rene Gabri, Rrose Sélavy. Produktionsfirma Parks Luksemburg (Bethlehem, Palästina). Regie, Buch Ayreen Anastas, Rene Gabri. Kamera Ayreen Anastas, Rene Gabri. Montage Ayreen Anastas, Rene Gabri. Musik Ayreen Anastas, Rene Gabri. Sound Design Ayreen Anastas, Rene Gabri. Ton Ayreen Anastas, Rene Gabri. Szenenbild Ayreen Anastas, Rene Gabri. Casting Ayreen Anastas, Rene Gabri. Ausführende Produzent*innen Ayreen Anastas, Rene Gabri. Mit Ayreen Anastas, Rene Gabri.

Filme

1996: Less Confused Than I Was, More Confused Than I Should Be. 1997: The City and Memory. 1998: Borderline. 1999: Self Portrait Video, Dating Videos, Splendor in the Grass Revisited. 2001: Artistalk, Movements. 2002: Confession Tapes, Music Videos, Love and Suicide, Library of Useful Knowledge. 2003: What is Sixteen Beaver? (mit Pedro Lasch), M* of Bethlehem. 2004: Know Fundamentalism, Eden Resonating, Istanbul, Why?. 2005: Pasolini Pa* Palestine, 7 X 77 (9 Min.), Nyctalopia (mit e-Xplo). 2006: All Strayed and Were Incapable of Using, The Loneliest One, Good Architecture, We Accepted the Misfortune But Misfortune Didn't Accept Us, What Everybody Knows, Nicest Life, Nicest Food, Nicest Water, Building Vacancy Maps, Valley of the Graces, What Has Passed. 2008: The Meaning of Everything, Thus I spoke and ever so softly for I feared my thoughts and hinter thoughts. 2009: case sensitive america, Die Vant. 2010: testing nothing in a little room is the way to use the room and nothing is then lost and that is such a correction (Forum Expanded 2010), After all these introductions I wish to say something, Kindred Spirits, Project for a Revolution in New York, Some People Have the Watch: Others Have the Time. 2011: January 28, 2011. 2012: Chronique d'un film with François Bucher, The Line is My Line and the Word is Mine, I want to go without you: fiction in the absence of proper names, Strike Film with The Indivisible or Inadmissable Committee. 2013: A Continuous Film Altered Daily: Days 1-12. 2014: A Geography of Palestine or The Storyteller, When we act or undergo, we must always be worthy of what happens to us, Bouazizi's Neighbor, Something for All the World, My Body and Mind is the World Too. 2015: Notes Toward a New Theory of the Arabesque, They Went Away to Stay with Ben Morea, In the Presence of Absence, In the Absence of Objects Seen. 2017: We Refugees, And You, What Do You Seek?. 2018: An Untimely Film For Every One and No One (Forum Expanded 2018). 2019: Outlines for a Communist Museum in Palestine · A Thanksgiving Prayer (Forum Expanded 2019). 2020: Born of the *  *  * : On Zarathustra’s Going Under from Cairo to Oran.

Foto: © Ayreen Anastas, Rene Gabri