Les yeux ne veulent pas en tout temps se fermer ou Peut-être qu’un jour Rome se permettra de choisir à son tour (Othon)

Eyes Do Not Want to Close at All Times or Perhaps One Day Rome Will Permit Herself to Choose in Her Turn (Othon)
Jean-Marie Straub, Danièle Huillet
Bundesrepublik Deutschland, Italien 1970

24.02.2020 11:00 OmEU Akademie der Künste
01.03.2020 20:15 OmEU Delphi Filmpalast

88 Min. Französisch.

Auf der Grundlage eines Dramas von Pierre Corneille drehen Straub & Huillet einen Film über Othon, der, um römischer Kaiser zu werden, seiner Braut entsagen und die Nichte des aktuellen Herrschers heiraten muss. Erzählt wird in meist statischen Anordnungen von ein, zwei, drei oder vier Menschen vor Szenerien aus dem Rom der Gegenwart samt Straßenlärm. Die Dialoge verzichten auf die üblichen Betonungen und werden zu einem Schwall, der Details ertrinken lässt und in dessen Kern sich dennoch das Thema Individuum und Gesellschaft abzeichnet. Les yeux ne veulent pas en tout temps se fermer ou Peut-être qu’un jour Rome se permettra de choisir à son tour (Othon) ist ein Film der Diskrepanzen, die ästhetisch gefasst zwischen Leinwand und Zuschauer*in verhandelt werden: zwischen Sehen und Verstehen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Theater und Kino, der Politik und den Gefühlen. (ab)

Jean-Marie Straub wurde 1933 in Metz (Frankreich) geboren. 1951 nahm er ein Studium in Straßburg und Nancy auf, daneben leitete er einen Filmclub in Metz. Mitte der 1950er-Jahre ging Straub nach Paris, wo er seine spätere Ehefrau Danièle Huillet kennenlernte. Beide verband von da an eine enge Zusammenarbeit. 1958 zogen sie nach Deutschland und realisierten ihren ersten Kurzfilm Machorka-Muff, der bei den Oberhausener Kurzfilmtagen 1963 uraufgeführt wurde. Ab Ende der 1960er-Jahre lebten Straub und Huillet in Italien, wo ihr erster Farbfilm Les yeux ne veulent pas en tout temps se fermer ou Peut-être qu’un jour Rome se permettra de choisir à son tour (Othon) (1970) entstand. Ihre darauffolgenden filmischen Arbeiten basieren überwiegend auf literarischen Vorlagen. Ab Mitte der 2000er-Jahre drehten beide überwiegend Kurzfilme. Seit dem Tod seiner Frau 2006 führt Straub seine Filmarbeit alleine fort.

Danièle Huillet wurde 1936 in Paris geboren. Nach ihrem Schulabschluss lebte sie in Paris. Mitte der 1950er-Jahre lernte sie ihren späteren Ehemann Jean-Marie Straub kennen, mit dem sie von da an eng zusammenarbeitete. 1958 zogen beide nach Deutschland und realisierten ihren ersten Kurzfilm Machorka-Muff, der bei den Oberhausener Kurzfilmtagen 1963 uraufgeführt wurde. Ab Ende der 1960er-Jahre lebten Straub und Huillet in Italien, wo ihr erster Farbfilm Les yeux ne veulent pas en tout temps se fermer ou Peut-être qu’un jour Rome se permettra de choisir à son tour (Othon) (1970) entstand. Ihre darauffolgenden filmischen Arbeiten basieren überwiegend auf literarischen Vorlagen. Ab Mitte der 2000er-Jahre drehten beide überwiegend Kurzfilme. Huillet starb 2006.

Einführung zur Fernsehaufführung des Films

(…) Der im Film gesprochene Text ist der vollständige original-französische Text von Pierre Corneille, die Darsteller haben ihn drei Monate lang gelesen, gelernt, geprobt und geübt, und er wurde dann nur auswendig rezitiert - vier Wochen lang aufgenommen an Ort und Stelle: immer gleichzeitig mit dem Bild. (…)
Wenn nicht allzuviele während des Films abschalten, werden wir, Sie als Gebraucher und ich als Macher, schon einen kleinen Sieg errungen haben gegen die Dummheit, gegen die Verachtung, gegen die Zuhälter der Filmbranche, die aus eigener Verachtung und Dummheit meinen: die Filme seien nie dumm genug für das Publikum.

(Jean-Marie Straub. Filmkritik, Nr. 1/71, S. 12 ff.)

Rom und der Kapitalismus. Ein Gespräch mit Jean-Marie Straub (...)

Klaus Eder: Meinen Sie, daß Ihr Film Corneille dem französisch sprechenden Publikum näherbringen kann, das ihn nicht kennt?

Jean-Marie Straub: Ja, das ist mein Traum, das ist die Utopie, an die ich glaube. Die Filme, die ich bisher gedreht habe, habe ich geträumt und gedacht für ein deutschsprachiges Publikum. Genauso hat der Corneille-Film nur einen Sinn für ein französisch sprechendes Publikum. Daß er irgendwann vielleicht einmal im ZDF gezeigt wird, freut mich; aber ein direkter Kontakt mit dem deutschen Publikum kann nicht möglich sein. Es sei denn, man macht den Film mit einer Synchronisation kaputt. Und selbst mit Untertiteln ist noch eine Schranke da. Ich glaube, daß man heute – das ist der Weg, den ich gehe – Filme für bestimmtes Publikum machen muß. Man muß eine bestimmte Sprache wählen. Esperanto ist ein Traum des Bürgertums gewesen. (…)

Eder: Was ist von Corneille in Ihrem Film?

Die Sprache, der Aufbau in fünf Akte, in diesem Fall in fünf Filmrollen. Von mir sind die Einstellungen, die ich innerhalb jeden Aktes hinzugefügt habe; und wie ich die Texte geschnitten habe.

Eder: Sie interpretieren Corneille nicht?

Nein. Ich wollte Corneille nicht ausnützen. Das wäre auch eine Art von Imperialismus: aus Stücken der Vergangenheit immer nur das zu nehmen und auszunützen, was wir glauben gebrauchen zu können. Ich gebe dem Publikum ein ganzes Stück zur Verfügung und sage, seht, so ist das heute, und so war es damals bei den Römern, so geht das weiter, so läuft der Verkehr weiter, die Kapitalisten sind heute genauso unfähig, das alles zu verwalten. Dazu hört man einen Text von Corneille und setzt die Beziehungen zusammen. (…)

Wolfgang Limmer: Sie haben diesen Film jetzt gemacht, in einer bestimmten Umwelt, unter bestimmten Umständen; unter Umständen, die auch auf die Realisation dieses Films eine bestimmte Einwirkung haben. Wie verhält sich der Film zu dieser Wirklichkeit?

Es ist ein Film über einen kleinen Teil einer Klasse, die die Macht besitzt; und die so gezeigt wird, daß man den Eindruck hat, das alles muß verschwinden, muß weggefegt werden. Erstens. Zweitens ist es ein Film über die Abwesenheit des Volkes in der Politik. Drittens: es ist ein Film darüber, daß alles ganz anders sein sollte. Zu Beginn des Films ist ein Schwenk über die Stadt, über das Kapitol, wie es heute aussieht, über die Mietskasernen, in denen die Leute heute wohnen; dann schwenkt die Kamera auf einen Baum und herunter auf ein schwarzes Loch, auf eine Höhle. Man nähert sich diesem Loch, und es kommt der Text: „Die Augen wollen sich nicht jederzeit schließen, oder vielleicht wird sich Rom eines Tages erlauben, selbst zu wählen“. In dieser Höhle hatten Kommunisten während des Krieges Waffen versteckt. (…)

Limmer: Verstehen Sie Ihren Film als marxistischen Film?

Ich weiß nicht. Ich würde sagen, der Bach-Film war ein marxistischer Film; aber als Methode, das hat mit Ideologie nichts zu tun. Der Corneille-Film ist, glaube ich, ein kommunistischer Film. In dem Sinn, daß er die Hoffnung auf eine Utopie setzt.

(Interview: Klaus Eder und Wolfgang Limmer. Fernsehen und Film, Velber b. Hannover. Nr. 10/70, Infoblatt Nr. 14, 1. Internationales Forum des jungen Films, Berlin 1971)

Produktionsfirma Janus Film- und Fernsehen-Vertriebsgesellschaft (Frankfurt am Main, Deutschland). Regie Jean-Marie Straub, Danièle Huillet. Buch Jean-Marie Straub, Danièle Huillet nach 'Othon' von Pierre Corneille. Kamera Ugo Piccoune, Renato Berta. Ton Louis Hochet, Lucien Moreau. Mit Adriano Aprà (Othon), Anne Brumagne (Plautina), Ennio Lauricella (Galba), Olimpia Carlisi (Camilla), Anthony Pensabene (Vinius), Jubarita Semaran (Laco), Jean-Claude Biette (Marcianus), Leo Mingrone (Albinus), Gianna Mingrone (Albiane), Marilù Parolini (Flavia), Eduardo De Gregorio (Atticus), Sergio Rossi (Rutilkus), Sebastian Schadhauser (Erster Soldat), Jacques Fillion (Zweiter Soldat).

Filme

Jean-Marie Straub: 1962: Machorka-Muff (18 Min., Retrospektive 2002). 1965: Nicht versöhnt oder es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht (53 Min., Retrospektive 2002). 1967: Chronik der Anna Magdalena Bach / Chronicle of Anna Magdalena Bach (94 Min, Retrospektive 1990 und 2010). 1972: Geschichtsunterricht (88 Min.). 1975: Moses und Aron (110 Min.). 1979: Von der Wolke zum Widerstand (104 Min.). 1983: Klassenverhältnisse / Class Relations (130 Min., Wettbewerb 1984). 1986: Der Tod des Empedokles – oder: Wenn dann der Erde Grün von neuem euch erglänzt / The Death Of Empedocles (132 Min., Wettbewerb 1987). 1990: Cézanne (65 Min., Forum 1991). 1991: Antigone (100 Min., Panorama 1992, Panorama (Sondervorführung) 2000). 1997: Von heute auf morgen. Oper in einem Akt von Arnold Schönberg (62 Min.). 1999: Sicilia! (66 Min.). 2001: Arbeiter, Bauern (123 Min.). 2006: Quei loro incontri (68 Min.). 2014: À propos de Venise (23 Min.). 2017: Où en êtes-vous, Jean-Marie Straub? (7 Min.).

Danièle Huillet: 1962: Machorka-Muff (18 Min., Retrospektive 2002). 1965: Nicht versöhnt oder es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht (53 Min., Retrospektive 2002). 1972: Geschichtsunterricht (88 Min.). 1975: Moses und Aron (110 Min.). 1979: Von der Wolke zum Widerstand (104 Min.). 1983: Klassenverhältnisse / Class Relations (130 Min., Wettbewerb 1984). 1986: Der Tod des Empedokles – oder: Wenn dann der Erde Grün von neuem euch erglänzt / The Death Of Empedocles (132 Min., Wettbewerb 1987). 1990: Cézanne (65 Min., Forum 1991). 1991: Antigone (100 Min., Panorama 1992, Panorama (Sondervorführung) 2000). 1997: Von heute auf morgen. Oper in einem Akt von Arnold Schönberg (62 Min.). 1999: Sicilia! (66 Min.). 2001: Arbeiter, Bauern (123 Min.). 2006: Quei loro incontri (68 Min.).

Foto: © BELVA Film