November 2012, living archive

Gespenster der Freiheit: Kino und Dekolonisierung 5.–7.11. & 27.–28.11.

"Gespenster der Freiheit: Kino und Dekolonisierung" stellt Bezüge her zwischen dem Filmarchiv des Arsenal und zwei Archiven in Mosambik und Guinea-Bissau, die wichtige Kapitel einer Geschichte des anti-kolonialen afrikanischen Kinos erzählen. Der Kurator Tobias Hering hat im Rahmen seines "Living Archive"-Projekts die portugiesischen Künstlerinnen Catarina Simão und Filipa César eingeladen, ihre unabhängig voneinander unternommenen Recherchen zu den beiden Archiven im Kino Arsenal vorzustellen. An insgesamt fünf Abenden schaffen Filme unterschiedlicher Herkunft, Bildfragmente und Tonspuren einen Resonanzraum, in dem die Rolle des Kinos in den Dekolonisierungsprozessen der 70er Jahre und auch die Politik von Archiven zur Sprache kommen können. Der zeitliche Fokus der Filmauswahl liegt auf den 70er Jahren. Zum Programm gehört eine Videoinstallation von Catarina Simão in der Black Box im Arsenal-Foyer (5.11.–12.11. und 26.11.–28.11., jeweils 16–22 Uhr, Anfang zur vollen Stunde). Am 27. und 28.11. wird zudem der Filmemacher Sana na N'Hada aus Guinea-Bissau zu Gast sein.

"Out of Frame" - Film und Dekolonisierung in Mosambik (zu Gast: Catarina Simão)
In Catarina Simãos Projekt "Fora de Campo/Out of Frame" (etwa: "Im Off") geht es um die Re-Evaluierung der filmischen Produktion in Mosambik in den Jahren vor und nach der Unabhängigkeit und um ihre erneute Sichtbarmachung. Gegenstand der Recherche ist auch die Rolle des 1976 gegründeten Filminstituts in Maputo und der Umgang mit dem Filmarchiv. Ein dreitägiges Kinoprogramm und eine Installation stellen Beispiele dieser Filmarbeit im Kontext weiterer Arbeiten des "Dritten Kinos" zur Diskussion.

Die mosambikanische Befreiungsarmee FRELIMO hatte bereits während des zehnjährigen Befreiungskrieges (1964 - 1974) regelmäßig Filmteams aus dem befreundeten Ausland eingeladen, um den bewaffneten Kampf zu dokumentieren und für internationale Solidarität gegen die portugiesische Kolonialmacht zu werben. Diese Einladungspraxis wurde nach der Unabhängigkeit (1975) fortgesetzt, so dass es eine recht kontinuierliche Filmproduktion in und über Mosambik gab. Der Aufbau einer eigenen Filmproduktion konnte zudem davon profitieren, dass die Portugiesen in Mosambiks Hauptstadt Maputo eine recht gute Film-Infrastruktur und ein umfassendes Filmarchiv zurückgelassen hatten.

Einer der ersten Filmemacher, die nach der Unabhängigkeit eingeladen wurden, in Mosambik zu drehen, war Ruy Guerra, gebürtig in Mosambik, bekannt geworden jedoch als eine zentrale Figur des brasilianischen Cinema Novo. Sein Film MUEDA, MEMORIA E MASSACRE (Mosambik 1979, 5.11.), der 1981 im Forum gezeigt wurde, ist zwar der einzige mosambikanische Film im Arsenal-Archiv, allerdings ein Meilenstein. Zu sehen ist ein Stück anti-kolonialer Erinnerungsarbeit, ein öffentliches, von Laien in Szene gesetztes Re-Enactment des von den Portugiesen verübten Massakers von Mueda (1960). Das Ereignis galt in der späteren Geschichtsschreibung als Auslöser des bewaffneten Widerstands in Mosambik und wurde schon während der Kolonialzeit in populären Re-Enactments regelmäßig erinnert. Ruy Guerra drehte MUEDA mit einem durchaus dokumentarischen Interesse für diese theatrale Erinnerungspraxis. In der späterer Vermarktung als "erster mosambikanischer Spielfilm" zeigte sich bereits ein Deutungskonflikt an, der auch bald zu einer komplizierten Zensurgeschichte des Films führte. Guerras ein Jahr zuvor noch in Brasilien entstandener Film A QUEDA (Der Sturz 1978, 5.11.) erhellt die politische Dimension seiner offenen, realistischen Form, bei der Improvisation und die Arbeit mit Laien eine zentrale Rolle spielen. A QUEDA verhandelt an Hand einer Geschichte um einen Arbeitsunfall auf einer Großbaustelle die Kontinuitäten von Ausbeutung und Korruption.

Einer der wenigen anti-kolonialen Filme, die schon vor der Unabhängigkeit in Mosambik entstanden sind, ist DEIXEM-ME AO MENOS SUBIR ÁS PALMEIRAS (Mosambik 1972, 6.11.) von Joaquím Lopes Barbosa. Im Stil eines russischen Avantgardefilms erzählt er von Leiden und Revolte einer Landarbeiterkolonne. Der Film wurde seinerzeit von der portugiesischen Zensur verboten und wird erst seit kurzem in Portugal neu rezipiert. Vorab ist Sarah Maldorors Kurzspielfilm MONANGAMBEE (Algerien 1969, 6.11.) zu sehen, eine thematisch und ästhetisch ähnliche Arbeit, die ebenfalls den portugiesischen Kolonialismus ins Visier nimmt. Wie Lopes Barbosas Film lebt Sarah Maldorors Erzählung von einer Schwere und Stummheit, die von Jahrhunderte lang aufgestauter Wut zeugt und kurz vor der Explosion steht. Der Soundtrack des Art Ensemble of Chicago tut sein Übriges.

Eigens für das Programm im Arsenal hat Catarina Simão die Video-Installation THESE ARE THE WEAPONS (5. bis 12.11. & 26. bis 28.11. tägl. ab 16 Uhr) kreiert. Mittels einer Split-Screen setzt sie darin eine visuelle Re-Lektüre des Films ESTAS SÃO AS ARMAS (Mosambik 1978) ins Bild. Der von dem Brasilianer Murilo Salles aus Archivbildern montierte Agitationsfilm gehörte zu den ersten Produktionen des neu gegründeten Filminstituts in Maputo. Der dritte Tag des Kino-Programms (7.11.) greift die Archiv-Thematik mit zwei Filmen aus dem Arsenal-Archiv auf, in denen es ebenfalls um die Entmachtung kolonialer Bilder geht. Für LA ZERDA ET LES CHANTS DE L'OUBLI (Algerien, 1978) wechselte die algerische Schriftstellerin Assia Djebar das Metier und rekapituliert anhand von französischen Wochenschauen die Kolonisierung des Maghreb. Mittels der Montage sucht der Film in diesen "Bildern eines tötenden Blicks" die Wahrheit, die sie gerade nicht zeigen, den "Widerstand hinter der Maske". Auf der Tonspur verbinden sich mehrstimmig vorgetragene Sprechgesänge und experimentelle Musik zu einem furiosen Abgesang auf die koloniale Gewalt. Auch Trinh T. Minh-has im Senegal gedrehter Erstling REASSEMBLAGE (USA 1982) setzt Bild und Ton gegeneinander und dekonstruiert vor allem das stigmatisierende ethnologische Bildarchiv von Afrika, das wir alle im Kopf haben. 

Die Präsentation von Catarina Simãos Projekt in Berlin wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Stiftung Calouste Gulbenkian (Lissabon), und des ZMO - Zentrum Moderner Orient (Berlin) im Rahmen des Winterkolloquiums 2012/13, "The Impossible Aesthetic: Situating Research in Arts and Social Sciences/Humanities".

"Luta ca caba inda"- Der Kampf ist nicht vorbei (27. und 28.11.)
Anfang der 70er Jahre wurden vier Aktivisten aus Guinea-Bissau ins befreundete Kuba entsandt, um bei Santiago Álvarez das Filmhandwerk zu erlernen. Die politische Führung der Befreiungsbewegung um Amílcar Cabral setzte auch hier auf die strategische Rolle des Films beim späteren Aufbau eines unabhängigen Staates. Als die kurze sozialistische Phase in Guinea-Bissau 1980 mit einem Militärputsch beendet wurde, war das meiste, was die jungen Filmemacher seit 1973 überall im Land gedreht hatten, ungeschnittenes Rohmaterial geblieben. Es geriet bald in Vergessenheit, vieles verschwand oder zerfiel mit der Zeit.

In Filipa Césars Projekt "Luta ca caba inda" ging es zunächst darum, die Überreste dieser kurzen Phase des militanten Kinos in Guinea-Bissau im Archiv des nationalen Filminstituts (INCA) ausfindig und nun wieder sichtbar zu machen. Mithilfe zweier der beteiligten Filmemacher, Flora Gomes und Sana na N'Hada, konnte sie das erhaltene Material unlängst in Berlin digitalisieren lassen. In Anwesenheit von Sana na N'Hada werden Teile daraus nun erstmals gezeigt. Das zweitägige Programm nimmt den fragmentarischen und unfertigen Zustand des Materials zum Anlass, über mögliche Filme nachzudenken. Die Lücke soll dabei als konstitutives Element des Archivs zur Geltung kommen, ohne die Geschichte, der sie geschuldet ist, zu verharmlosen. Indem Rohschnitte und Unfertiges neben später realisierten oder andernorts produzierten Filmen gezeigt werden, soll zumindest die Skizze eines Kinos der Dekolonisation in Guinea-Bissau entstehen. Sieben Jahre wurde für ein solches Kino gearbeitet, aber sichtbar wurde es nicht.

Der wohl einzige Film im Arsenal-Archiv, der sich zentral mit dem Befreiungskampf in Guinea-Bissau beschäftigt, ist ACTO DOS FEITOS DO GUINÉ (Portugal 1980, 27.11.) von Fernando Matos Silva. Es finden sich darin zumindest Spuren der Arbeit der jungen Filmemacher um Sana na N'Hada und Flora Gomes. Der Portugiese Matos Silva war als Soldat in Guinea-Bissau gewesen. Sein Film ist eine selbstkritische Abrechnung mit dem portugiesischen Kolonialprojekt, voller Sarkasmus, Desillusionierung und bitterer Komik, noch angetrieben vom revolutionären Schwung der "Nelkenrevolution" in Portugal, die ja auch maßgeblich von desillusionierten Militärs ins Werk gesetzt wurde. Zur Bebilderung des Befreiungskampfes greift Matos Silva auf Archivmaterial zurück, das zum größten Teil dem Schweden Lennart Malmer zuzuschreiben ist, der damals viel in Guinea-Bissau drehte und zu einem Mentor der jungen, einheimischen Filmemacher wurde. Eine zentrale Szene des Films ist die unilaterale Ausrufung der Unabhängigkeit Guinea-Bissaus am 24. September 1973, ein denkwürdiges Ereignis, das im Busch stattfand und bei dem die Stimme des bereits toten Amílcar Cabral über Tonband die unabhängige Republik ausruft. Auch Flora Gomes und Sana na N'Hada haben an diesem Tag gefilmt und einige dieser Filmrollen sind im Archiv in Bissau erhalten. Ein etwa 20-minütiger Zusamenschnitt daraus wird vor ACTOS DOS FEITOS DE GUINÉ gezeigt, gleichsam als Gegenschuss zu Malmers Material, denn alle drei Filmemacher haben sich an diesem Tag wechselseitig auch bei der Arbeit gefilmt.

Von den vier auf Betreiben Amílcar Cabrals in Havanna ausgebildeten Filmemachern - Josefina Lopes Crato, José Bolama Cobumba, Flora Gomes und Sana na N'Hada - hat sich vor allem Flora Gomes später international einen Namen gemacht. Sein Film MORTU NEGA (Guinea-Bissau 1988) ist im hiesigen Kontext besonders interessant, weil er die letzten Monate des Befreiungskampfes als komplexes Spielfilmdrama erzählt, und dabei eine Nähe der Kamera fiktionalisiert, welche die gerade aus Kuba zurück gekehrten Dokumentaristen ja tatsächlich hatten. Eine kurze, von Flora Gomes selbst 1973 gedrehte Filmrolle von unmittelbaren Kampfhandlungen, die sich im Bissauer Archiv erhalten hat, wird vorab gezeigt, um diesen Zusammenhang sichtbar zu machen.

Am 28.11. soll es vor allem um die Rolle von Propagandabildern in Dekolonisierungsprozessen gehen. Dem liegt ein Gedanke des Filmhistorikers und Filmemachers Manthia Diawara zugrunde, der das weitgehende Fehlen von heroischen Bildern des anti-kolonialen Kampfes im afrikanischen Kino dafür verantwortlich gemacht hat, dass die Sternstunden der Geschichte des Kontinents in der post-kolonialen Depression in Vergessenheit geraten konnten. Wie hätte ein Propagandafilm aus Guinea-Bissau seinerzeit ausgesehen? Im Mittelpunkt dieses Abends steht ein unabgeschlossenes Filmprojekt des militanten Kinos in Guinea-Bissau, der für 1980 geplante Film GUINÉ-BISSAU, 6 ANOS DEPOIS (Guinea-Bissau, Sechs Jahre später), dessen Fertigstellung durch den Militärputsch 1980 vereitelt wurde.

Das Programm beginnt mit einigen kubanischen Newsreels von Santiago Álvarez sowie seinem Kurzfilm AÑO 7 (Das siebte Jahr, Kuba 1967), in dem die Errungenschaften der kubanischen Revolution mit klassischen Machtdemonstrationen gefeiert werden. Anschließend wird aus dem Archiv des Arsenal mit Chris Markers LA BATAILLE DES DIX MILLIONS (F 1970), an dem Álvarez mitgearbeitet hat, eine differenzierte, aber solidarische Arbeit zu Kuba und der Person Fidel Castros gezeigt. Der Film verfolgt das Scheitern eines von Castro persönlich protegierten nationalen Großprojekts, der angestrebten Rekordente von zehn Millionen Tonnen Zucker. Interessant ist unter anderem, wie Marker das vorhersehbare Scheitern der Kampagne dramatisiert und dabei gleichzeitig den selbstkritischen Castro als einen neuen Typus des sozialistischen Führers porträtiert. Castros abschließende Mea-Culpa-Rede, die im Film ausführlich dokumentiert ist, ist ein einzigartiger politischer Moment.

Von dem abgebrochenen Filmprojekt GUINÉ-BISSAU, 6 ANOS DEPOIS sind im Archiv in Bissau rund zwei Stunden ungeschnittenes Rohmaterial erhalten. Flora Gomes und Sana na N'Hada hatten Ende der 1970er Jahre begonnen, mit einem wechselnden Team Aufnahmen zu machen, die den Fortschritt im Land seit der Unabhängigkeit dokumentieren sollten. Die erhaltenen Filmrollen vermitteln das optimistische Bild einer wachsenden Zivilgesellschaft, die nach Jahren des Krieges die Ärmel hochkrempelt. Es werden Teile des unfertigen Projekts gezeigt und von Sana na N'Hada live kommentiert. Eingeleitet wird diese "Rohschnittsichtung" mit einem Auszug aus der Tonspur eines weiteren unabgeschlossenen Filmprojekts im Bissauer Archiv, "Luta ca caba inda" (Der Kampf ist noch nicht vorbei), einem Dokumentarfilm, der von den Gefahren handeln sollte, die auch nach der Unabhängigkeit noch drohten, und dem Filipa César den Titel ihres Projekts entnommen hat.

Die Präsentation von "Luta ca caba inda" im Arsenal ist eine Kooperation mit Le Jeu de Paume (Paris), The Showroom (London) und ZDB (Lissabon). Das Projekt wird unterstützt von der Stiftung Calouste Gulbenkian (Lissabon) und dem Auswärtigen Amt.

Mehr Informationen über das Living-Archive-Projekt von Tobias Hering "Gespenster der Freiheit" finden Sie auf unserer Webseite.