Direkt zum Seiteninhalt springen

95 Min. Englisch.

Derek Jarman hatte zwei Gärten, einer befand sich in Dungeness, hier begann er nach seiner HIV-Diagnose zu gärtnern: „Der Gärtner gräbt zu einer anderen Zeit, ohne Vergangenheit oder Zukunft, ohne Anfang oder Ende“, heißt es in seinem Journal. Sein zweiter Garten ist dieser Film. Er beginnt mit dem Bild eines Mannes, der an einem Schreibtisch schläft, das Gesicht auf einem offenen Notizbuch ruhend. Eine Stimme sagt: „Ich will diese Leere mit dir teilen“, dann folgt eine Reihe Vignetten, in der Halluzinationen eines rein männlichen Garten Eden sich allmählich auflösen. Dies ist ein Kino der Ekstase; von überall her droht Auslöschung, Freunde sterben stumm, queere Körper werden gepeitscht, gehängt, gesteinigt und von Kameras verfolgt. Repräsentation scheint Gewalt und Freiheitsentzug nach sich zu ziehen. Dies ist aber auch ein Kino der Gemeinsamkeit, das auf der Hoffnung gründet, dass es möglich sei, seine Träume, sein Scheitern, seine Unsicherheiten und seine Sorgen zu teilen. Jarman zeigt sich immer wieder beim Gärtnern, überreicht uns Pilze, Steine, Schmetterlinge, Mohnblumen, Schnecken, Krähen, Wolken, Umarmungen und Musik – ein Garten der Bilder. (Dane Komljen)

Derek Jarman wurde 1942 im englischen Northwood (Middlesex) geboren. Er studierte Englisch und Geschichte am King's College in London, anschließend Malerei an der Slade School of Fine Art, London. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst als Kostüm- und Bühnenbildner für das Royal Ballet. Anfang der 1970er-Jahre verantworte er das Production Design für Ken Russells The Devils (GB 1971) und war als Set Designer für Russels Savage Messiah (GB 1972) tätig. 1976 realisierte er seinen ersten abendfüllenden Film Sebastiane. Seit Anfang der 1980er-Jahre drehte Jarman außerdem mehrere Kurzfilme und Musikclips. Derek Jarman starb 1994.

Cold, cold, cold

I walk in this Garden
Holding the hands of dead friends,
Old age came quickly for my frosted generation.
Cold, cold, cold
They died so silently.
Did the forgotten generations scream?
Or go full of resignation
Quietly protesting innocence?
Cold, cold, cold
They died so silently.
I have no words.
My shaking hand cannot express my fury.
Sadness is all I have, no words.
Cold, cold, cold
You died so silently.

Linked hands at 4.00 am
Deep under the city, you slept on.
Never heard the sweet flesh song.
Cold, cold, cold
Matthew fucked Mark, fucked Luke, fucked John
Who lay on the bed that I lie on.
Touch fingers again as we sing this song.
Cold, cold, cold
We die so silently.
My gilly flowers, roses, violets blue,
Sweet garden of vanished pleasures.
Please come back next year.
Cold, cold, cold
I die so silently.
Good night boys, good night Johnny,
Good night. Good night.

(Derek Jarman)

Der Ort

Derek Jarman kaufte vor drei Jahren ein Haus in Dungeness. Es hat bei ihm eine Idee ausgelöst. Er begann sofort zu filmen.
„Kaum hatte ich diese öde Fischergemeinde gesehen, kam mir der Gedanke, dies wäre ein großartiger Ort für das Leben Christi. Ich dachte, die Fischer und die Boote könnten das Meer von Galiläa abgeben, und so begann es. Der Garten war zugleich der Garten Eden und Gethsemane. Wir hatten bereits Teile von THE LAST OF ENGLAND hier aufgenommen und uns mit dem Ort angefreundet. Er ist sehr ungewöhnlich und gleicht keinem anderen in England. Das geht nur ein oder zwei Meilen lang so. Sobald man auf die Straße nach Dungeness abbiegt, ist man in einer anderen Welt. In gewisser Weise hat es mich an Nordamerika mit seinen Telegrafenmasten und verrückten Ecken erinnert. Außerdem ist es eine Arbeitergegend und daher nicht so hübsch, hat aber die tollsten Himmel, die man sich vorstellen kann. Weil alles so eben ist und es keine Bäume gibt, wirkt es wie eine Wüste. Man kann vor dem Haus den Sonnenaufgang beobachten und abends auf der Rückseite den Sonnenuntergang. Es herrscht ein wundervolles Licht. Dann ist da noch das Atomkraftwerk, das in gewisser Hinsicht die Gegend davor bewahrt hat, von Leuten überlaufen zu werden, die hier ihre Ferienhäuschen hinsetzen.“ (Derek Jarman)

Als hätte die Welt Jesus Botschaft vergessen

Wie alle Filme von Derek Jarman ist auch THE GARDEN ein innovatives und polemisches Werk, die Fortschreibung einer ureigenen und persönlichen Herangehensweise an das Kino, die dabei die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums erforscht. Das Ergebnis ist eine überwältigend kraftvolle und reiche Palette von Bildern und Tönen, manchmal beinahe ätherisch, dann wieder erschreckend direkt. Jarman nimmt den Zuschauer mit auf eine magische Reise durch den Film – dessen Struktur er als ein Stimmungsgewebe beschreibt, das vom Horror bis zum Humor reicht, von Melancholie zu Heiterkeit, und nie ist man sicher, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Die Wirkung ist provozierend, sinnlich und äußerst anregend.
Der erste Teil des Films ist von Naturaufnahmen urwüchsiger Schönheit bestimmt – Blumen, Strandkies, das Meer und der Himmel, eingebettet in Szenen, die den Filmemacher bei der Gartenarbeit an seinem Haus in Dungeness an der Küste von Kent zeigen, wobei im Hintergrund das Atomkraftwerk omnipräsent ist. Langsam ergibt sich in Form geträumter Szenerien eine Handlung. Wir sehen den schlafenden Jarman an seinem Schreibtisch, umgeben von christlichen Symbolen, ein Bildnis des auferstandenen Christus, ein Kruzifix, über das erbarmungslos Wasser rinnt. Er beginnt zu träumen, und wir finden uns in einem anderen Garten Eden wieder, im Augenblick des Sündenfalls. Neben dem Filmemacher treten in dem Film eine heruntergekommene Strandläuferin, gespielt von Tilda Swinton, und ein Junge auf, den man sowohl als den jungen Jarman wie als Christuskind deuten kann; beide erträumen schließlich Teile der Handlung.
Diese Handlung besteht aus einer fragmentarischen Deutung der Passionsgeschichte, jedoch ist bezeichnenderweise die Person Christi in bestimmten Szenen durch zwei junge Männer ersetzt, die gefangen genommen, drangsaliert, erniedrigt und gefoltert und schließlich von zwei in Weihnachtsmäntel gekleideten brutalen Polizisten ermordet werden. Christus blickt eher untätig und traurig. Fast scheint er verwirrt, als hätte die Welt seine Botschaft vergessen. Jarmans Absicht ist es an dieser Stelle, die Rolle der Kirche in der Jahrhunderte währenden Homosexuellenverfolgung zu untersuchen, die moralischen Beweggründe für ein Klima des Hasses darzustellen, das bis heute fortbesteht, etwa in der Heiligen Kuh, dem § 28 (Anm. d. Red. siehe unten). Und doch ist es nicht seine Absicht, Christus anzugreifen, der im Film mit großer Verehrung und Respekt behandelt wird. Die religiösen Darstellungen – als gemeinschaftliche kulturelle Grundlagen, zu denen jedermann eine Beziehung hat – dienen zudem der Zugänglichkeit des Films. THE GARDEN ist, indem es die Aidskrise und dabei Jarmans eigene Sterblichkeit thematisiert, sein bisher persönlichstes Werk. (Duncan Petrie, 1991)

Der Paragraf 28: Von 1988 bis 2003 gültige Gesetzesänderung für England, Wales und Schottland, die Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“ verbot: „1) Kommunalbehörden dürfen nicht a) Homosexualität absichtlich begünstigen oder Material mit der Absicht, Homosexualität zu begünstigen, veröffentlichen; b) das Lehren in einer betriebenen Schule über die Akzeptierbarkeit von Homosexualität als eine vorgebliche Familienbeziehung begünstigen. 2) Nichts aus Absatz (1) oben soll Grund sein, um eine Handlung mit dem Zweck der Behandlung oder der Vorbeugung der Ausbreitung von Krankheiten zu verbieten.“

Produktion James Mackay. Produktionsfirmen Basilisk Communications (Inverness, Großbritannien), ZDF (Mainz, Deutschland). Regie Derek Jarman. Kamera Christopher Hughes. Montage Peter Cartwright. Musik Simon Fisher Turner. Digitale Restaurierung British Film Institute, Halo Post London. Mit Tilda Swinton (Madonna), Johnny Mills (Liebhaber), Kevin Collins (Liebhaber), Pete Lee-Wilson (Teufel), Spencer Leigh (Maria Magdalena / Adam), Jody Graber (Knabe), Roger Cook (Christus), Jessica Martin (Sängerin), Philip Macdonald (Joseph / Jesus).

Weltvertrieb Basilisk Communications
Uraufführung 20. August 1990, Festival Edinburgh

Filme

1976: Sebastiane (85 Min., Co-Regie: Paul Humfress). 1977: Jubilee (103 Min.). 1979: The Tempest (95 Min.), Broken English (12 Min.). 1980: In the Shadow of the Sun (54 Min., Forum 1981), Psychic Rally In Heaven (8 Min.), A Room of One's Own (10 Min.). 1983: The Dream Machine (34 Min., Panorama 1987), Pirate Tape (16 Min., Panorama 1987), Waiting for Waiting for Godot (18 Min.). 1984: Imagining October (27 Min.). 1985: The Angelic Conversation (84 Min., Panorama 1985). 1986: Caravaggio (90 Min., Wettbewerb 1986), The Queen is Dead (13 Min.). 1988: The Last of England (87 Min., Forum1988). 1989: War Requiem (92 Min., Wettbewerb 1989). 1990: The Garden. 1991: Edward II (90 Min., Forum 1992). 1993: Wittgenstein (72 Min., Panorama 1993), Blue (76 Min.).

Foto: © LiamDaniel-BasiliskCommunications-EditionSalzgeber

Gefördert durch:

  • Logo des BKM (Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien)
  • Logo des Programms NeuStart Kultur